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Traumhaft schnell in Indien : Bolts Rekorde in Gefahr

Usain Bolt lief vor zehn Jahren die 100 Meter in 9:58 Sekunden. Bild: AFP

Vor zehn Jahren zeigte Usain Bolt in Berlin zwei Läufe für die Ewigkeit. Beide Marken erscheinen, gemessen an den Leistungen der stärksten Sprinter dieser Tage, unerreichbar. Das kann sich schnell ändern. Nun heißt es: Obacht!

          Watch out, Usain! Das möchte man dem großen Jamaikaner zurufen, der einst auf der blauen Bahn des Olympiastadions von Berlin zwei Läufe für die Ewigkeit hinlegte – was halt im Sport so eine Ewigkeit ist. Der Weltrekord von 9,58 Sekunden, in denen Usain Bolt die hundert Meter hinter sich brachte, ist am vergangenen Freitag zehn Jahre alt geworden, und die 19,19 Sekunden für die zweihundert haben an diesem Dienstag Jubiläum. Beide Marken erscheinen, gemessen an den Leistungen der stärksten Sprinter dieser Tage, unerreichbar.

          Das kann sich schnell ändern. Bis Bolt einschlug in der Welt der Leichtathletik, galten 9,7 Sekunden als Grenze des Möglichen im Sprint; Asafa Powell hielt den Weltrekord von 9,74 Sekunden. Der Weltrekord über 200 Meter von Michael Johnson, 19,32 Sekunden von den Olympischen Spielen in Atlanta 1996, wirkte wie die Grenze menschlicher Leistungsfähigkeit. Bolt unterbot die eine Bestzeit vier Mal, die andere zwei Mal.

          Und nun heißt es: Obacht! Dieses Wort gibt es auch auf Hindi, es spricht sich da „dhyaan rahe!“ aus. In indischen Medien muss so etwas wie wahnsinnige Begeisterung ausgebrochen sein oder begeisterter Wahnsinn, seit durch die Welt der digitalen Medien ein Clip flimmert, in dem Rameshwar Gurjar, ein junger Mann mit Schnauzbart, wie von der Tarantel gestochen eine asphaltierte Straße hinunter sprintet. Immer wieder spielten Fernsehsender die Bilder ab, auf denen kein Start zu erkennen ist und kein Ziel, wohl aber, dass der Bursche im rosa, ärmellosen T-Shirt barfuß rennt.

          Die Berichterstatter machten sich die Behauptung zu eigen, der Neunzehnjährige laufe die Sprint-Distanz in elf Sekunden. Zum Beweis blenden sie eine Uhr ein, die nach 00:11 Minuten stoppt. Von einem „atemraubenden Sprint“ ist die Rede. Die Armee habe vor einem halben Jahr seine Bewerbung abgelehnt, weil er zu klein sei, erzählt Gurjar. Daraufhin habe er sich dem Sprint zugewandt und in nur sechs Monaten Training von zwölf auf elf Sekunden verbessert. Wenn er nicht mehr Hunger leiden müsse, ein Paar Schuhe bekäme und professionelles Training, sei er zuversichtlich, die 9,58 Sekunden des Usain Bolt zu unterbieten, sagte Gurjar im Interview mit der Zeitung „The Hindu“.

          Warum solle ein indischer Athlet das nicht schaffen? Der Sportminister von Madhya Pradesh lud den vielversprechenden Kuhhirten sofort zum Testtraining ins Stadion von Bhopal ein. Der ehemalige Präsident des Bundesstaates, Shivraj Singh Chouhan, verbreitete das Video auf Twitter und forderte die Zentralregierung Indiens zu angemessener Unterstützung auf. Indien sei mit Talenten gesegnet. Richtig unterstützt, würden diese mit fliegenden Fahnen herauskommen und Geschichte schreiben. Fast ein Jahr ist noch Zeit bis zu den Olympischen Spielen von Tokio. Das Finale im Hundertmeterlauf findet am 2. August statt. Für den Fall, dass wir bis dahin nichts mehr hören von der Sprint-Hoffnung Indiens, schon jetzt Glückwunsch zur Aufmerksamkeit, zum Ehrgeiz und zur Initiative. Nicht Zahlen sind das Wichtigste am Sport, sondern Glück und Begeisterung.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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