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Dzsenifer Marozsán : Das Herzstück des „Topfavoriten“ aus Lyon

  • -Aktualisiert am

Die Beste unter den Besten? Mit Olympique Lyon greift Dzsenifer Marozsán nach dem nächsten Champions-League-Titel. Bild: Imago

Selbst bei Olympique Lyon, der momentan vielleicht besten Mannschaft im Frauenfußball, macht Dzsenifer Marozsán den Unterschied. Dabei besticht sie vor allem durch ihre Leichtfüßigkeit und Übersicht.

          3 Min.

          Vor 16 Jahren unternahm das Frauenteam des FC Lyon den entscheidenden Schritt. Es wechselte unter das Dach der Fußballdynastie von Olympique, zu jener Zeit französisches Aushängeschild im Vereinsfußball. Der Präsident Jean-Michel Aulas, inzwischen 33 Jahre im Amt, versprach, viel mehr Geld in den Frauenfußball zu investieren, als die meisten Vereine auch nur zu denken wagten. Zu jener Zeit herrschten bei vielen Funktionären noch große Zweifel daran, dass sich gegen den Ball tretende Frauen überhaupt vermarkten ließen.

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          Keine drei Jahre später war OL das Maß der Dinge. Seit 2007 gewann die Équipe jedes Jahr die Meisterschaft, zuletzt sogar vier Mal nacheinander den internationalen Wettbewerb. Dass Jens Scheuer, Cheftrainer der Fußballfrauen des FC Bayern München, vor dem für diesen Samstag (20.00 Uhr bei Sport1) anstehenden Viertelfinale im Champions-League-Finalturnier den Gegner Lyon als „Topfavorit“ bezeichnete, von welchem „jeder einen Sieg erwarte“, ist also eine realistische Bewertung der Kräfteverhältnisse. Das Spiel findet in Bilbao statt.

          Was noch hinzukommt: Wer gegen die deutsche Nationalspielerin Dzsenifer Marozsán antreten muss, ist automatisch Außenseiter. Denn „Maro“, wie sie von ihren Mitspielerinnen genannt wird, ist das Herzstück im Spiel der Französinnen. Sie beherrscht das Spiel im Mittelfeld mit Übersicht und technischer Brillanz. Die Beweglichkeit ihres Fußgelenks gleicht der einer Tänzerin. Nicht wenige behaupten: Was ihre spielerische Qualität betrifft, ist sie die beste Fußballspielerin Europas. Dass sie diese Auszeichnung noch nicht offiziell erhalten hat, dürfte weniger mit ihren Leistungen als mit dem zuletzt durchwachsenen Abschneiden der Nationalmannschaft zusammenhängen.

          Unterschiedsspielerin im Ensemble der Stars

          „Dass Marozsán selbst in einer Mannschaft wie Lyon eine entscheidende Spielerin ist, beweist ihr großes Talent“, sagt Siegfried Dietrich, der sie einst aus Saarbrücken nach Frankfurt lotste. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil die Dichte an Mannschaften mit ernsthaften Titelambitionen noch kleiner ist als bei den Männern. Die besten Spielerinnen sind auf wenige Teams verteilt, das Leistungsgefälle innerhalb der Ligen sehr hoch. Marozsán brilliert regelmäßig mit einer faszinierenden Leichtfüßigkeit am Ball. Sie spielt so, als könnte sie ihre Gegenspielerinnen sogar auf der Breite eines Flugzeugganges austricksen.

          Als sie vor vier Jahren den 1. FFC Frankfurt verließ, um sich Olympique anzuschließen, konnte der Wechsel als Symbol einer Zeitenwende verstanden werden. Der alte Platzhirsch musste für den neuen Konkurrenten, der unter dem Dach eines Lizenz-Männervereins spielt, weichen. Auch wenn Marozsán behauptet, sich damals „nach neun Jahren Bundesliga nach etwas Neuem gesehnt zu haben“: Es gab weitere Faktoren, die für Lyon und gegen Deutschland sprachen. Wie zum Beispiel die bessere Infrastruktur oder die professionelleren Rahmenbedingungen. Doch selbst in Lyon, dem Zentrum der besten Könnerinnen, sollte Marozsán nicht eine von vielen werden, sondern zur Unterschiedsspielerin schlechthin.

          Seit ihrem Wechsel zu den „Fenottes“, wie die Spielerinnen in Lyon genannt werden, wurde sie jedes Jahr zu Deutschlands Fußballerin des Jahres sowie zur Spielerin der Saison gewählt. Nach der Weltfußballerin von 2018, Ada Hegerberg, ist sie die zweitbeste Torschützin des Teams, die Torvorlagen eingerechnet, sogar die gefährlichste Angreiferin der gesamten Liga – als Mittelfeldspielerin.

          Sie lässt die Mitspielerinnen glänzen

          Doch mit der Rolle als Ausnahmespielerin hat sich Marozsán selten anfreunden können. Die Blicke auf sich zu ziehen, das sei eine Begleiterscheinung ihres Talents, auf welche die gebürtige Budapesterin auch gut verzichten könnte: „Mir ist nicht wichtig, in welcher Rolle mich andere Menschen sehen. Mir ist wichtig, dass mir meine Mitspielerinnen auf dem Platz das Vertrauen schenken.“

          Den Sinn und Zweck ihrer Arbeit sieht Marozsán im Glänzenlassen ihrer Kolleginnen. Dadurch haftet nicht selten der Eindruck an ihr, zwar eine begnadete Ballkünstlerin, aber keine Führungspersönlichkeit zu sein, an der sich Mitspielerinnen aufrichten können. Schließlich war es die logische Konsequenz, dass sie die Kapitänsbinde in der Nationalmannschaft als Bürde empfand – und vor der Weltmeisterschaft 2019 wieder abgab. Sie sei zwar eine „stille Anführerin, aber dafür mit hohem Wirkungsgrad auf ihre Mitspielerinnen“, so formuliert es Dietrich.

          Dies dürfte auch der Grund sein, warum es ihr leichter fällt, in einem Starensemble zu glänzen. Während sich die Aufmerksamkeit im Nationalteam meist auf sie konzentriert, lässt ihr die Rolle im Verein mehr Raum. Sowohl auf dem Platz als auch mental. Der wichtigste Bestandteil für ihr Spiel sei nun einmal der Kopf. Nicht ihr Fuß.

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