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Spaniens Nationaltrainer : Die schwierige Rückkehr des Luis Enrique

  • -Aktualisiert am

Gegen das DFB-Team kehrt Luis Enrique nach über einem Jahr auf die spanische Trainerbank zurück. Bild: EPA

Im Spiel gegen die deutsche Auswahl kehrt Luis Enrique nach einem schweren Schicksalsschlag als spanische Nationaltrainer zurück. Doch das Comeback sorgt für ein Zerwürfnis mit einem langjährigen Freund.

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          Den heißen August verbrachte Luis Enrique dort, wo er sich zu jeder Jahreszeit am liebsten aufhält. In den Bergen Asturiens, seiner Heimat. Auf schmalen, steinigen Pisten fuhr er mit seinem Rennrad, oft stundenlang. Enrique ist jemand, der gern allein ist, der Dinge mit sich ausmacht und viel nachdenkt. Touren ins Gebirge entfachen bei ihm eine meditative Wirkung, durch sie tankt er geistige Kraft, auch wenn er seinen Körper dabei oft bis zur Erschöpfung ausmergelt. Als passionierter Triathlet liebt er es, Grenzen auszuloten und zu verschieben. Er fühle sich wieder frisch und bereit, hat Enrique vor einiger Zeit gesagt.

          Bereit für die Aufgaben als spanischer Nationaltrainer. Mit der Seleccion trifft er an diesem Donnerstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und im ZDF) in Stuttgart auf die deutsche Mannschaft, es ist der Auftakt zur Nations League und für Enrique eine besondere Premiere. Zum ersten Mal seit dem Krebstod seiner Tochter vor rund einem Jahr wird er wieder die Auswahl betreuen. Im Juni 2019 war er für die Öffentlichkeit überraschend nach nur zwölf Monaten im Amt zurückgetreten.

          Enrique hatte die spanische Mannschaft im Anschluss an die verpatzte Weltmeisterschaft in Russland übernommen. Unter seiner Führung gewann Spanien wieder, alles lief bestens, bis er vor einem EM-Qualifikationsspiel gegen Malta aus dem Teamquartier abreiste. „Aus dringenden persönlichen Gründen“, wie der Verband angab. Auch bei Enriques Rücktritt äußerte man sich nicht näher zu den Gründen und verwies auf dessen Privatsphäre. Der heute 50-Jährige wollte nicht, dass die Knochenkrebserkrankung seiner Tochter bekannt wird. Das geschah erst nach ihrem Tod. Spaniens Fußballwelt war schockiert, die Anteilnahme groß. „Wir werden dich nie vergessen“, schrieb Enrique auf seinem Sozialen Medienkanal. Dort zeigt sein Profilbild bis heute einen geflügelten Engel mit mädchenhaftem Antlitz, der gen Himmel schaut.

          Zerwürfnis zweier Freunde

          Überraschend schnell kehrte er im vergangenen November zurück, doch hinter den Kulissen sorgte sein Erscheinen für reichlich Unstimmigkeiten. In Enriques Abwesenheit hatte sein langjähriger Freund und Ko-Trainer Robert Moreno Spanien souverän zur Europameisterschaft geführt und wohl auch Hoffnungen gehegt, die Mannschaft weiter trainieren zu dürfen. Beim abschließenden Spiel gegen Rumänien (5:0) gab sich Moreno dann derart getroffen von Enriques Rückkehr, dass er die Pressekonferenz im Anschluss schwänzte und seinerseits den Rücktritt erklärte. Verbandschef Luis Rubiales beließ es bei einer kühlen Verabschiedung und gab zu verstehen, dass man Enrique immer die Möglichkeit einer Rückkehr offengehalten habe: „Wir sind sehr zufrieden mit Roberts Arbeit und wir sind ihm dankbar, aber der Chef des Projekts ist Luis Enrique.“

          Es folgte ein medial ausgetragener Schlagabtausch zwischen Enrique und Moreno, der keinem zur Verbesserung seiner Position diente. Das einzige, worauf sich beide Männer einigen konnten, war, dass es im September 2019 ein Treffen zwischen ihnen im Haus von Enrique gab. Laut Enrique soll Moreno ihm dabei eröffnet haben, dass er wieder als sein Ko-Trainer arbeiten werde – aber erst nach der Europameisterschaft. Das Turnier wolle er noch als Chef bestreiten. Das lehnte Enrique nach eigener Darstellung ab und warf Moreno illoyales Verhalten vor. „So jemanden möchte ich nicht in meinem Team haben“, zürnte er und bestand darauf, für Morenos Ausscheiden verantwortlich zu sein.

          Dessen Version las sich anders. Er behauptete, Enrique habe ihm von vornherein und ohne Nennung von Gründen gesagt, er wolle nicht mehr mit ihm arbeiten. „Ich war schockiert“, sagte Moreno, der bald bei AS Monaco anheuerte, wo er kürzlich durch Niko Kovac ersetzt wurde. Enrique konnte zunächst nicht gleich wieder arbeiten, sein Comeback als Nationaltrainer verschob sich wegen der Corona-Pandemie um mehrere Monate. Mehr denn je beeinträchtigt die Krankheit sein Wirken. Mikel Oyarzabal musste die Reise nach Deutschland wegen seiner Corona-Infektion absagen, Adama Traoré durfte wegen eines „zweifelhaften Testergebnisses“ nicht zum Treffpunkt des Teams.

          Trotz aller Unwägbarkeiten im Vorfeld stuft Enrique das Spiel in Deutschland als wichtigen Test mit Hinblick auf die Europameisterschaft ein. Das in den kommenden Sommer verschobene Turnier wolle man gewinnen, verkündete der Trainer jüngst. Zuerst einmal gelte die Konzentration aber der Nations League. Dort treffen die Spanier neben Deutschland auf die Ukraine und die Schweiz. Darüber hinaus gibt es Testspiele gegen Portugal und die Niederlande. Alles in allem stehen in diesem Kalenderjahr noch acht Begegnungen für die Spanier an. Ein hartes Programm, herausfordernd für Geist und Körper. Genauso wie es Luis Enrique liebt.

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