Stürmer rudert zurück :
Mbappé, ein Mao-Meme und eine massive Kampagne der KP

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Eine Frau vor einer Werbung mit Mbappé in Shanghai
Eine Frau vor einer Werbung mit Mbappé in ShanghaiAP

Dass Mao Tse-tung ein Diktator war, ist historisch unbestritten. Doch Kylian Mbappé gerät deshalb nun ins Visier einer Kampagne der Kommunistischen Partei, die sich gewaschen hat. Der Stürmer entschuldigt sich umgehend.

Es war ein lockerer und historisch eigentlich unverfänglicher Austausch. Der französische Stürmerstar Kylian Mbappé wurde gefragt, welche Memes, also im Internet kursierende witzige Fotomontagen, er besonders unterhaltsam finde. Nach etwas Nachdenken sagte er, mit einem schalkhaften Blitz in den Augen, das mit einem „chinesischen Diktator“. In der Fotomontage hat Mao Tse-tung in einer historischen Aufnahme das Gesicht Mbappés.

Dass Mao ein Diktator war, der mit dem Großen Sprung nach vorn eine Hungersnot mit vielen Millionen Toten auslöste und mit der Kulturrevolution Chaos und Gewalt über das Land brachte, ist in der Geschichtswissenschaft völlig unstrittig. Doch für die Kommunistische Partei Chinas (KP) hörte dort der Spaß auf. Nachdem sich das schon ältere Video im Zuge der Wahl zum Ballon d’Or in den sozialen Medien stark verbreitete, startete der Staats- und Parteiapparat eine der heftigsten Kampagnen gegen einen Sportstar bisher. Innerhalb eines Tages verurteilten das Außenministerium, der chinesische Fußballverband und unzählige chinesische Parteimedien die Äußerung Mbappés. Immer wieder hieß es fast wortgleich, der Kapitän der französischen Herrennationalmannschaft habe die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt.

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Fernsehen, Sponsoren und Soziale Medien gegen Mbappé

Das Staatsfernsehen wolle keine Fußballspiele mehr mit Mbappés Beteiligung zeigen und habe alle Beiträge auf seiner Internetseite gelöscht, die Mbappé erwähnten, berichteten Staatsmedien. Migu, der Streamingdienst des staatlichen Mobilfunkanbieters China Mobile, entfernte Videos von vergangenen Spielen mit Real Madrid aus seiner App, auch die Partie des Vereins an diesem Sonntag wird nicht mehr angezeigt.

Zwei große Sponsoren, der Getränkeriese Dongpeng und der Milchkonzern Mengniu, die zuvor mit Mbappés Konterfei geworben hatten, beendeten die Kooperation. Ihre Aktienkurse büßten zeitweise drei beziehungsweise vier Prozent ein. Selbst westliche Marken wie Dior oder die Schweizer Sportmarke On löschten Werbebeiträge mit dem französischen Stürmer. Der Aktienkurs von On gab am Dienstag um drei Prozent nach.

Die Plattform Xiaohongshu, im Westen auch als Red Note bekannt, und das X-Pendant Weibo schränkten das Profil von Mbappé ein, Nutzer konnten ihm nicht mehr folgen. Die Kampagne ging so weit, dass in einigen Ranglisten zur Weltfußballerwahl nur der Erstplatzierte Harry Kane und der Drittplatzierte Lamine Yamal erwähnt wurden. Mbappé, der auf Rang zwei gelandet war, tauchte nicht auf.

Die Kontrolle über die Geschichte

Das Kuriose war, dass keiner in China erklärte, was Mbappé eigentlich Böses gesagt hatte. Während die angeblich verletzten Gefühle der Chinesen das meistdiskutierte Thema in Chinas sozialen Medien waren, folgte kurz dahinter in den Ranglisten die hilflose Frage vieler Chinesen, wie der Franzose ihre Gefühle eigentlich verletzt hatte. Doch dafür hätte der Parteiapparat Mbappés Äußerungen wiederholen müssen. Stattdessen wurde der Videoclip streng zensiert.

Hintergrund ist, dass die KP den kritischen Umgang der Sowjetunion mit ihrer eigenen Geschichte als wesentlich für deren Niedergang ansieht. Die Leugnung Lenins und Stalins hätten einen historischen Nihilismus und ideologisches Chaos gefördert, sagte Staats- und Parteichef Xi Jinping 2013 in einer Rede. Gerade läuft in Peking das fünfte Plenum des Zentralkomitees der KP, in dem es um die Stärkung der Ideologie und die Zentralisierung der Partei geht. Das dürfte auch der Vorbereitung auf den Parteitag im kommenden Jahr dienen, auf dem sich Xi für weitere fünf Jahre als Parteichef wählen lassen dürfte. Xi selbst gilt vielen längst als Diktator, entsprechend äußerte sich etwa der frühere US-Präsident Joe Biden.

Mbappé und La Liga rudern zurück

Der Druck wirkte. Es brauchte nicht lange, bis Mbappé und „La Liga“, die oberste spanische Fußballliga, zurückruderten. In einer Erklärung entschuldigte sich der Stürmer am Dienstag in gleich drei Sprachen und bekundete seinen „tiefen Respekt vor dem chinesischen Volk und seiner Geschichte“. Er bekräftigte: „Es tut mir aufrichtig leid.“ Er ging indes mit keinem Wort darauf ein, was er eigentlich Falsches gesagt hatte.

Die Leitung der Liga war ebenfalls alarmiert und um Schadensbegrenzung bemüht, denn das China-Geschäft wird für die spanischen Vereine immer wichtiger. „Wir übermitteln unseren Respekt an China, an seine Institutionen und an sein Volk, und wir schätzen die Unterstützung der Millionen Fans außerordentlich, die uns jede Woche folgen“, hieß es am Dienstag in einer Erklärung. In Zusammenarbeit mit den Vereinen und den Spielern werde man ein Sensibilisierungs- und Kommunikationsprotokoll einführen, das „den Respekt gegenüber unterschiedlichen Kulturen fördert“.

Liga-Präsident Javier Tebas war erst im August in Peking und bezeichnete China in diesem Zusammenhang als einen „strategischen Markt“. Damals unterzeichnete er einen Vertrag mit Migu, der dem Streamingdienst von China Mobile bis 2030 die digitalen Rechte für die Übertragung aller 380 Spiele pro Saison gibt.

Wie viel die Vereinbarung wert ist, ist nicht bekannt. Spanische Branchenkenner schätzten die Einnahmen aus dem neuen Vertrag mit Migu auf 80 bis 120 Millionen Euro pro Saison. Über die vier Spielzeiten zwischen 2026 und 2030 wären das insgesamt 320 bis 480 Millionen Euro, wie etwa die Zeitung „La Razon“ und das Portal „Vozpópuli“ berichteten. Zwischen 2018 und 2023 verdiente die Liga nach eigenen Angaben mehr als 100 Millionen Euro im Jahr allein in China, bestätigte Liga-Präsident Javier Tebas.

Mbappé war in China bisher sowohl für die Liga und seinen Klub Real Madrid als auch für die französische Nationalmannschaft und seine Sportartikelpartner eine der wichtigsten Werbefiguren. Sein Gesicht prangte während der Weltmeisterschaft auf Plakaten in den Großstädten und lief in Werbespots hoch und runter. Influencer kopierten in den sozialen Medien seinen Torjubel. Mbappé war erst im September vom US-Konzern Nike zu On gewechselt.

NBA, Messi, Taiwan und Tibet

Nach Informationen der Sportzeitung „Marca“ stammen bis zu 15 Prozent des Merchandising-Umsatzes von Real Madrid aus China. Mbappés Trikot sei dort ein „Verkaufsschlager“. Zudem erhält Real laut „Marca“ einen Anteil von 20 Prozent aus den Bildrechten des Spielers. In der vergangenen Saison hatte die Liga knapp 1,5 Milliarden Euro an die spanischen Vereine ausgeschüttet, wovon Real Madrid mit 160 Millionen Euro die höchste Summe erhielt. Die Gesamteinnahmen der Liga beliefen sich 2024/2025 auf mehr als 5,4 Milliarden Euro. Die kommerziellen Einnahmen machten dank der internationalen Expansion mehr als 1,5 Milliarden Euro aus.

Konflikte Chinas mit westlichen Sportlern und Sportligen treten regelmäßig auf, kaum einer aber war bisher so kurz und heftig wie der aktuelle Fall. Am prominentesten war die Auseinandersetzung mit der nordamerikanischen Basketballliga NBA. Daryl Morey, Manager der Houston Rockets, hatte seine Sympathie mit den Demonstranten in Hongkong im Jahr 2019 geäußert. Das Staatsfernsehen nahm daraufhin NBA-Spiele aus dem Programm. Es brauchte Jahre, bis sich die Beziehung langsam erholte.

Die Folgen eines Konflikts um den argentinischen Fußballer Lionel Messi spürt der internationale Fußball bis heute. Dieser war bei einem Freundschaftsspiel seines Klubs Inter Miami im Februar 2024 in Hongkong nicht aufgelaufen, angeblich wegen einer Verletzung. Einige Tage später spielte er in Tokio jedoch eine halbe Stunde. Nach großem öffentlichem Druck erstattete der Organisator des Spiels in Hongkong den Kunden die Hälfte des Ticketpreises. Geplante Freundschaftsspiele der argentinischen Nationalmannschaft in China wurden abgesagt, eine Werbung mit dem Fußballstar wurde zurückgezogen. Seitdem gilt in China ein inoffizieller Bann für Reisen ausländischer Fußballklubs.

Real Madrid hatte erst im September Ärger mit China: Damals forderte die Regierungszeitung „Global Times“ Real Madrid auf, eine Beileidsbotschaft zu korrigieren. Sie hatte Nepal und Tibet nach der Flutkatastrophe im August gemeinsam erwähnt, nicht aber China. Chinesen sahen deshalb die Zugehörigkeit Tibets zur Volksrepublik infrage gestellt. Im April 2026 musste sich der FC Barcelona entschuldigen und von der Website der Barça Academy ein Bild entfernen, auf dem die Flagge Taiwans zu sehen war.

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