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Shitstorm gegen Modelabel : Bottega Veneta feiert Corona-Party im Soho House

Die Party-Location: Das Soho House in Berlin Bild: Mark Seelen

Seit mehr als einem Jahr kommen Partygänger aufgrund der Pandemie nicht mehr auf ihre Kosten – eigentlich. In Berlin feierte das Modelabel Bottega Veneta vor wenigen Tagen eine ausgelassene Aftershow-Party. Nun ermittelt die Polizei.

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          Elektronische Beats schallen durch das Soho House in Berlin, Menschen tanzen dicht nebeneinander und strecken ihre Sektgläser gen Decke, die Stimmung ist ausgelassen.

          Johanna Christner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft & Stil.

          Das Video ist keine nostalgische Erinnerung an Zeiten vor der Pandemie, sondern stammt vom Abend des 9. April. Die Empörung in den sozialen Medien ist groß. Bottega Veneta zeigte an jenem Tag die neuesten Designs von Kreativdirektor Daniel Lee in einer Halle des Berliner Clubs Berghain. Auf eine virtuelle Alternative zur Modenschau verzichtete das italienische Luxus-Modelabel. Zur Vorstellung der Herbstkollektion geladen waren stattdessen unter Einhaltung eines Hygienekonzepts ausgewählte Gäste. Nicht alle wiederum wollten auf eine Aftershow-Party im Soho House verzichten. Dafür verzichteten die Protagonisten aus Design-, Musik- und Clubszene in den nun im Internet kursierenden Videos auf Masken und Mindestabstand. Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren nach 21 Uhr: In den Videos ist davon nichts zu sehen. „Das Respektloseste, was ich seit langem gesehen habe“, schreibt ein User auf Instagram, „Offiziell Superspreader“ ein anderer. Und in Berlin ermittelt nun die Polizei.

          Dabei hatte sich Bottega Veneta Anfang des Jahres noch aus dem Social-Media-Zirkus zurückgezogen. Dennoch greifen Influencer zu ihrem ledernen Bottega-Liebling, der „Cassette Bag“, dennoch schlüpfen die Modeblogger weiterhin in ihre „Lido“-Sandalen. Das Risiko, jegliche Marketing-Aktivitäten in den sozialen Medien den Fans zu überlassen, sahen Marketing-Fachleute skeptisch – doch die Italiener nahmen es in Kauf. Obwohl rund 31 Prozent der „Generation Z“ und 25 Prozent der „Millenials“ Social-Media-Accounts nutzen, um sich über Produkt-Neuheiten zu informieren. Nach dem Vorfall im Soho House Berlin besteht für Bottega Veneta allerdings keine Möglichkeit, den Vorfall gegenüber seiner jüngeren Zielgruppe zu erklären. Auch auf Anfrage der F.A.Z. ist das Unternehmen zu keiner Stellungnahme bereit. 

          Zur Schau in der Halle am Berghain (nicht dem Clubs selbst) kam auch François-Henri Pinault, Besitzer und Chef der Luxusgruppe Kering, zu der auch Bottega Veneta gehört. Das Hygienekonzept in der Halle, die nicht zum ersten Mal für Modenschauen genutzt wurde, war nach Angaben eines Stylisten, der als freier Mitarbeiter der F.A.Z. anwesend war, „phantastisch“. „Ich wurde morgens von einer privaten Krankenschwester besucht, die mit mir einen PCR- und einen Schnelltest gemacht hat“, sagt der Stylist. Die Modenschau an sich verlief also coronakonform. Die britische Rap-Prominenz unter den Anwesenden, darunter Skepta, Slowthai und Kwes Darko, war in der Pause zwischen den Shows sichtlich in Party-Laune. Und da Bottega Veneta das Soho House ohnehin für das Model-Casting und weitere Show-Vorbereitungen gemietet hatte, zogen Mitarbeiter und Stars nach der Schau dorthin.

          Kwes Darko, Skepta, Slowthai und Alex Sossah an besagtem Tag am Berghain
          Kwes Darko, Skepta, Slowthai und Alex Sossah an besagtem Tag am Berghain : Bild: Getty

          Was im Soho House passierte, ist nach der Meinung des Stylisten ein Unfall. „Aber wenn man fünf bad boys einlädt, muss man eben schauen, wie man sie in Schach hält.“ In London, woher viele der Gäste kamen, ist das Infektionsgeschehen zudem bekanntlich anders: Nach einem harten Lockdown genießt man in der britischen Hauptstadt aktuell wieder die Pints im Pub. „Es ist unfair, dass die Sache nun am Club Berghain hängenbleibt“, meint der Stylist. „Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass das britische Soho House eine britische Gang gehostet hat.“

          Das Soho House selbst hat sich bisher nicht zu dem Vorfall geäußert. In den sozialen Medien kursieren nun Aufrufe, das Abo für das Hotel in Berlin-Mitte zu kündigen, und Berichte von Menschen, die das schon getan haben. Zunehmend tauchen darüber hinaus in den sozialen Medien Nachrichten von vermeintlichen Mitarbeitern des Soho House auf. Schenkt man diesen Screenshots Glauben, gab es vor der Party keine Corona-Tests. Eine der F.A.Z. bekannte Quelle, die nachweislich im Soho House arbeitet, weist auf einen vor Anreise der Gäste unterschriebenen Vertrag zur Geheimhaltung hin. Über den Vorfall könne daher nicht gesprochen werden. Allerdings sei er „spontan“ geschehen, und die Buchungsanfrage sei von der Soho-House-Zentrale in London gekommen. Mitspracherecht habe es seitens des Soho House in Berlin nicht gegeben. 

          Die zuvor versendete Einladung zur Bottega-Veneta-Show gab an, dass die Kollektion als Teil einer Filmproduktion inszeniert werde, in der Gäste zu Darstellern werden. Die Kollektion werde in Form eines Films Ende Juni präsentiert. Handys sowie Pressefotografen wurden daher nicht zugelassen. Die Filmproduktion werde unter allen lokalen Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen produziert, hieß es in der Einladung. Von einer Aftershow-Party im Soho House ist darin nicht die Rede.

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