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Skisprinterin Victoria Carl : Ihr größtes Rennen

Vollgas:Mit dieser Maxime schafft es die Thüringerin Victoria Carl (2.v.r.) überraschend bis ins WM-Finale. Bild: AFP

Victoria Carl setzt mit Platz fünf im Sprint ein dickes Ausrufezeichen bei der Nordischen Ski-WM. Die ersten Titel gehen erwartungsgemäß an die Norweger Falla und Kläbo.

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          Sie konnte ihr Glück kaum fassen: „Ich kann es gar nicht glauben, das ist noch gar nicht richtig greifbar“. Schon mit dem Erreichen des Viertel- oder Halbfinals wäre Victoria Carls persönlicher WM-Plan aufgegangen. Doch der leicht wellige Kurs mit einigen anspruchsvollen Anstiegen an der malerischen Seefelder Seekirche scheint der Thüringerin aus Zella-Mehlis besonders zu liegen.

          An diesem Donnerstag, als das Nordische Ski-Festival begann und 10.200 Zuschauer in der gutbesuchten Langlauf-Arena für eine prächtige Stimmung sorgten, lief Victoria Carl im Sprint über 1,2 Kilometer das Rennen ihres Lebens. Schnell wie nie und erfolgreich wie nie. Nicht das Viertel- oder das Halbfinale waren die Endstation Sehnsucht für die Langläuferin. Sogar bis ins Finale der besten Sechs schaffte es die 23-Jährige. Dort traf sie auf die geballte skandinavische Elite mit drei Schwedinnen und zwei Norwegerinnen.

          Dass das erste Gold dieser Weltmeisterschaft erwartungsgemäß an die norwegische Titelverteidigerin Maiken Caspersen Falla ging, die sich bei Kaiserwetter auf dem Seefelder Hochplateau vor der Schwedin Stina Nilsson und Mari Eide aus Norwegen durchsetzte, konnte Victoria Carl mit einem Lächeln verschmerzen. Sie wurde Fünfte im größten Rennen ihrer Karriere. Zuletzt hatte eine deutsche Sprinterin 2003 das Finale erreicht, als Claudia Nystad Silber gewann.

          Im Halbfinale von Seefeld war überraschenderweise für die am höchsten eingeschätzte Deutsche Schluss. Sandra Ringwald, mit der Empfehlung eines zweiten Platzes beim Weltcup in Cogne und vielen guten Wünschen ihres Lebenspartners, des Nordischen Kombinierers Fabian Rießle, nach Tirol gereist, kam im Semifinale nicht über den sechsten und letzten Platz hinaus. „Ich bin von zwei auf sechs gerutscht. Auf der Zielgeraden wurde ich irgendwie überrumpelt“, ärgerte sich die Schwarzwälderin. „Der Speed hat gefehlt.“ Speed, der Victoria Carl im selben Halbfinale auf Platz zwei und ins Finale brachte. Und für ausgelassene Stimmung in den Reihen des Deutschen Skiverbandes sorgte.

          Vorteil Norwegen: Sprintsiegerin Falla (links) und die glückliche Dritte Eide

          Die Arbeit von Peter Schlickenrieder scheint erste Früchte zu tragen. Eine Plazierung in den „Top 6“ hatte der Bundestrainer als „Traumziel“ ausgegeben. Wohl wissend, dass die WM 2019 eigentlich als Zwischenetappe für die Heimweltmeisterschaft 2021 in Oberstdorf geplant ist. „Von Peter kann man was lernen“, hatte Sandra Ringwald gesagt und sich Mut gemacht. „Er kennt sich hier aus. Wir haben Feinheiten herausgearbeitet und geschaut, wo man eine Attacke zünden kann. Wir sind als Team noch mehr zusammengewachsen.“ Schlickenrieder selbst sagte: „Der Schnee ist perfekt, und wir haben hier Traumbedingungen.“ Man müsse aber aufpassen, nicht allzu viel Energie zu investieren. „Es ist der komplette Langläufer gefordert, der sich taktisch und mental auf die Strecke einstellen muss.“

          Eine Vorgabe, an die sich Victoria Carl hielt. „Sie hat das im Halbfinale parademäßig gemacht“, lobte Schlickenrieder. Mit einem „guten Ski“, wie die spätere Fünftplazierte sagte, habe sie Lücken zugefahren. „Aber im Finale hat mir dann ein wenig die Erfahrung gefehlt, ich war so nervös – ich zittere jetzt noch“, sagte die Thüringerin. Und dennoch schwärmte der Bundestrainer: „Bei ihr fliegt alles. Ich hätte nicht gedacht, dass sie es bis ins Finale schafft.“

          Rot gewinnt: der Norweger Johannes Hoesflot Klaebo (l.) holt Gold

          Das hatte Schlickenrieder auch seinen Männern nicht zugetraut. Und deshalb konnte auch die Flasche Schampus geschlossen bleiben. Für den unwahrscheinlichen Fall der Fälle hatte der einstige Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Salt Lake City 2002 ein derartiges Getränk in Aussicht gestellt. Dafür aber hätte einer seiner Athleten im Sprint schon ins Halbfinale kommen müssen. Ein aussichtsloser Plan, was nicht nur Schlickenrieder vor der WM-Overtüre bewusst gewesen ist, sondern auch seinen Sportlern selbst. Als die Hatz nach wenigen Minuten beendet war, fanden sich Janosch Brugger und Sebastian Eisenlauer abgeschlagen als 42. und 43. im Mittelfeld wieder. Endstation Qualifikation statt Sprung ins Viertelfinale, weil ihnen jeweils gut zwei Sekunden fehlten, um zum Feld der besten 30 zu gehören. „Ich hatte gehofft, dass es nach dem Formanstieg zuletzt hier auch im Skating klappt“, sagte Eisenlauer. Ein Trugschluss.

          Realität hingegen war der famose Finalsprint. Mit Johannes Hösflot Kläbo setzte sich auf den letzten Metern der Zielgeraden der Favorit durch. Der Olympiasieger aus Norwegen lieferte sich ein Herzschlagfinale mit dem italienischen Titelverteidiger Federico Pellegrino. Im Halbfinale war Kläbo in der Zielkurve mit Sergej Ustjugow aneinandergeraten. Beide strauchelten, aber im Gegensatz zum Norweger verlor der Russe den Rhythmus und schied aus. Nach der Zieldurchfahrt schubste Ustjugow dann seinen Erzrivalen und machte seinem Zorn auch verbal Luft, wofür der zornige Ustjugow schließlich disqualifiziert wurde. Es war eben nicht alles perfekt an diesem gelungenen WM-Auftakt.

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