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Skiläufer Stefan Luitz : Der Comeback-Spezialist

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Keine falsche Bewegung: Aber dagegen hat sich Stefan Luitz mit einer Orthese samt Tape gewappnet Bild: dpa

Stefan Luitz hat nach Verletzungen oft mit glänzenden Resultaten verblüfft. Jetzt will er trotz lädierter Schulter beim WM-Riesenslalom vorne mitmischen.

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          Wenn es alles gut, vielleicht sogar sehr gut läuft, könnte es schwierig werden für Stefan Luitz. Der 26 Jahre alte Skirennläufer aus Bolsterlang saß vor ein paar Tagen in einem bequemen Polstersessel im Mediencenter von Åre und versuchte zu erklären, warum er eigentlich ganz froh sein müsste, wenn er beim WM-Riesenslalom an diesem Freitag nicht mit Bestzeit im Ziel abschwingen würde. Luitz darf nach seiner Schulterverletzung Mitte Januar wieder sehr viel, nur eines nicht: Jubeln. Zumindest sollte er dazu nicht seinen linken Arm benutzen. „Die Bewegung nach oben hinten ist nicht gut“, sagt er. Aber natürlich startet der 26-Jährige nicht, um nur dabei zu sein: „Ich will vorne mitmischen.“

          Vier Wochen nach dem Malheur von Adelboden, als er sich bei einem Beinahesturz im zweiten Durchgang des Riesenslaloms die Schulter ausgekugelt hat, klingt dies nicht nur sehr zuversichtlich, sondern es scheint fast eine leicht überzogene Erwartungshaltung zu sein. Wegen in Mitleidenschaft gezogener Sehnen und einer kleinen Knochenblessur im Gelenk musste Luitz nach dem kleinen Unfall am Chuenisbärgli knapp drei Wochen mit dem Training pausieren. In Garmisch-Partenkirchen wollte er sein Comeback geben, aber der Riesenslalom wenige Tage vor WM-Beginn fiel wegen heftigen Schneefalls aus. Einerseits wären ein Testlauf und die Wettkampfpraxis mit Blick auf die Titelkämpfe in Schweden ganz gut gewesen, bekennt Luitz. Andererseits „wären es schwierige Verhältnisse geworden“, sagt er. „Deshalb war ein Teil von mir ganz froh.“

          Eine Orthese fixiert die rechte Schulter, zusätzlich wird das Gelenk getapt, „um in kritischen Positionen, die vielleicht gefährlich sind für die Schulter“ das lädierte Körperteil zu schonen, erklärt Luitz. Denn Situationen, die zu unbedachten Bewegungen mit dem linken Arm führen, könne es im Rennen genügend geben. „Da rutscht man weg und stützt sich auf, die Hand ist im Schnee, oder es verreißt einen“, zählt er auf. Allerdings hat es im Training weder daheim in Deutschland noch in den vergangenen Tagen in Schweden Momente gegeben, „in denen ich Angst oder Schmerzen hatte“. Die Orthese schränke ihn „null“ ein. Im Gegenteil: „Sie gibt mir die nötige Sicherheit.“

          Ein großes Wagnis ist sein Start wohl nicht, ein Experiment dagegen schon. Aber wenn es einen Athleten gibt, dem eine Überraschung zuzutrauen ist, dann ist es eben das Stehaufmännchen aus dem Allgäu. Luitz ist so etwas wie ein Spezialist für glänzende Comebacks. Nur zehn Monate nach seinem im Februar 2013 erlittenen ersten Kreuzbandriss stand er in Val d’Isère als Dritter auf dem Podest, ein Jahr zuvor hatte er dort mit Platz zwei sein bis dahin bestes Karriereergebnis geschafft. Knapp fünf Jahre später, Ende 2017, zog er sich den zweiten Kreuzbandriss zu, am anderen Knie, und dieses Mal kehrte Luitz mit einem noch größeren Paukenschlag zurück. Gleich im ersten Rennen holte er seinen ersten Weltcup-Sieg, er bezwang in Beaver Creek im vergangenen Dezember den großen Favoriten Marcel Hirscher.

          Stefan Luitz geht mit Ambitionen ins Rennen: „Ich will vorne mitmischen.“

          Dass ihm der ein paar Wochen später aberkannt wurde wegen unerlaubter Sauerstoffzufuhr, passt eben auch zur Karriere des Stefan Luitz. Legendär ist noch immer der Auftritt bei seinen bisher einzigen Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014, als er im ersten Riesenslalom-Durchgang in den Zwischenzeiten dem damals überragenden Amerikaner Ted Ligety ganz nahe gekommen war, aber dann am letzten Tor einfädelte. Es war nicht das einzige Mal, dass er ein Spitzenresultat durch einen Patzer vergab.

          Manchmal stand sich der hochtalentierte Luitz selbst im Weg, manchmal aber war es einfach nur Pech. Im Dezember 2014 fiel er im Training so unglücklich auf die Kante eines Skis, dass er sich einen Muskel durchtrennte. Damals war die Zeit bis zu den Titelkämpfen in Vail zu kurz, um für ein glänzendes Comeback zu sorgen, außerdem hatte ihn kurz vor dem Rennen auch noch eine Grippe ereilt, er landete als Zwanzigster abgeschlagen. Überhaupt waren Großereignisse für Luitz bisher keine große Erfolgsgeschichte, nicht einmal eine kleine. Mit dem 14. Platz von St. Moritz vor zwei Jahren schaffte er sein bisher bestes Einzelergebnis. Das hier in Åre zu übertreffen könnte trotz lädierter Schulter klappen. Aber um in die Verlegenheit zu kommen, sich spontan eine andere Jubelgeste als die übliche auszudenken, müsste es schon sehr weit nach vorne gehen. Genaugenommen aufs Podest.

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