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Miriam Gössner im Gespräch : „Ich werde Lena vermissen“

  • Aktualisiert am

„Ich habe in dieser Saison viele Kleinigkeiten gelernt“: Miriam Gössner Bild: dpa

Miriam Gössner gilt als Nachfolgerin Magdalena Neuners. Im FAZ.NET-Interview spricht sie über das Karriere-Ende ihrer Mitbewohnerin und die Zukunft der Biathlon-Frauen.

          3 Min.

          Miriam Gössner aus Garmisch-Partenkirchen ist 21 Jahre alt und hat das Potential zur Nachfolgerin von Magdalena Neuner. Ähnlich laufstark, hat sie als Leihgabe mit der deutschen Langlauf-Staffel bei der WM 2009 und Olympia 2010 jeweils Silber gewonnen.

          Mit der Biathlon-Staffel ist sie 2011 in Chanty-Mansijsk Weltmeister geworden. Den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere erlebte sie am Samstag bei der WM in Ruhpolding, wo sie zusammen mit Magdalena Neuner, Tina Bachmann und Andrea Henkel wieder Gold holte.

          Magdalena Neuner hat auf die Frage, ob sie die Weißrussin Darja Domratschewa für ihre Nachfolgerin hält, gesagt: Ich setze ganz auf die Miriam, weil ich ihr Potential kenne. Wie sehen Sie das?

          Schön, dass sie so was sagt. Das ehrt mich, und ich weiß selber, wenn ich es schaffe, alle Bausteine zusammenzufügen, wenn ich mal einen ganzen Sommer ohne Probleme trainieren kann, dann kann ich nächste Saison vielleicht zeigen, was wirklich in mir steckt. Dieses Jahr war nicht so meine Saison, aber trotzdem habe ich sehr viel gelernt. Ich bin ja auch erst 21.

          Was haben Sie gelernt?

          Viele Kleinigkeiten. Wie ich in bestimmten Situationen reagiere, wie ich mich einschätze, wie man lernt, mit dem Druck umzugehen. Es ist ein Lehrjahr. Aber ich bin in den letzten Wochen am Schießstand stabiler geworden. Da haben irgendwann ein paar Rädchen ineinandergegriffen, wo vorher nicht viel zusammengepasst hat. Das lag nicht am Schießvermögen, sondern weil ich im Kopf noch mit zu vielen anderen Baustellen beschäftigt war.

          Nicht nur Miriam Gössner bedauert das Karriere-Ende von Magdalena Neuner
          Nicht nur Miriam Gössner bedauert das Karriere-Ende von Magdalena Neuner : Bild: dpa

          Magdalena Neuner und Sie teilen im WM-Teamhotel als Einzige ein Doppelzimmer. Brauchen Sie keine Privatsphäre?

          Wir beide sind keine Menschen, die die ganze Zeit alleine hocken wollen. Wir verstehen uns gut und haben zusammen viel mehr Spaß.

          Sie haben gesagt, die Lena und ich sind die idealen Zimmerpartner. Weshalb?

          Wir sind uns einfach sehr ähnlich. Wir verstehen, was im anderen vorgeht. Wir sind auch von der Art der Wettkampfvorbereitung gleich. Es gibt Athleten, die fangen schon sehr früh an, sich zu konzentrieren. Wir gehen den Wettkampf auch mit hundert Prozent Konzentration an, aber nicht so früh, und wenn wir wieder im Zimmer sind, fällt die ganze Spannung schnell ab. Wir haben auch gemeinsame Interessen, Lena strickt gerne, ich habe auch angefangen, ich lese gerne. Momentan schauen wir ganz oft unsere Lieblingsserie One Tree Hill auf DVD und schreiben nebenbei Autogrammkarten. Ansonsten quatschen wir über alles Mögliche. Wir sind halt ganz normale Mädels.

          In der Staffel am Samstag holten Neuner, Gössner und Co. die Goldmedaille
          In der Staffel am Samstag holten Neuner, Gössner und Co. die Goldmedaille : Bild: dpa

          Gibt es Situationen, in denen man Magdalena Neuner besser aus dem Weg geht?

          Nein, das habe ich noch nicht erlebt.

          Egal, was im Wettkampf passiert?

          Definitiv. Sie ist überhaupt keine, die irgendwie aggressiv wird. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der mit allen möglichen Situationen so gut umgehen kann. Selbst als sie im Einzel sechs Fehler geschossen hat, war sie total entspannt, obwohl sie ihre Medaille verpasst hat. Klar, ärgert man sich manchmal. Dann geht die eine joggen, und die andere hat ihre Viertelstunde allein auf dem Zimmer, um sich abzureagieren. Und wir muntern uns gegenseitig auf, erzählen was Lustiges, und dann lachen wir wieder.

          Bewundern Sie Magdalena Neuner?

          Ja, auf jeden Fall. Wie sie mit der ganzen Situation umgeht und dass sie in der ganzen Zeit trotzdem immer sie selbst geblieben ist. Wie sie das alles schafft - das ist sehr bewundernswert. Lena ist ein absolut positiver Mensch, das kann man sich nur zum Vorbild nehmen.

          „Die Biathleten, die weitermachen, sind gut genug“
          „Die Biathleten, die weitermachen, sind gut genug“ : Bild: dpa

          Hat sie sich gar nicht verändert?

          Sie ist erwachsen geworden. Aber sie ist ein Mensch, der ganz stark zu dem steht, was er sagt.

          Wie bei der Rücktrittsankündigung . . .

          Ja. Ich werde traurig sein, wenn sie weg ist, und sie sehr vermissen. Aber ich kann vollkommen verstehen, dass es für sie jetzt Wichtigeres im Leben gibt. Es ist schön, dass sie sich nicht nur über den Sport definiert. Das macht sie für mich so menschlich und noch viel sympathischer.

          Was haben Sie von ihr gelernt?

          Ich habe von ihr gelernt, genau das zu machen, was ich für richtig halte. Dass ich auch zu dem stehe, was ich für richtig halte. Dass ich den Weg, den ich eingeschlagen habe, konsequent gehe.

          Golden girsl in gelben Jacken: Tina Bachmann, Magdalena Neuner, Miriam Gössner und Andrea Henkel (v.l.n.r.)
          Golden girsl in gelben Jacken: Tina Bachmann, Magdalena Neuner, Miriam Gössner und Andrea Henkel (v.l.n.r.) : Bild: dpa

          Denken wir an die Zeit nach Neuner: Evi Sachenbacher-Stehle will es künftig mit Biathlon versuchen. Was halten Sie davon?

          Ich habe mit Evi tolle Langlauf-Staffeln bei der WM und bei Olympia erlebt, wir waren in der Zeit immer auf einem Zimmer. Ich brauche ja eine neue Zimmerpartnerin. Also, wenn sie Lust hat . . . Aber Spaß beiseite. Respekt, wenn sie das durchzieht. Mit diesen Erfolgen im Langlauf zwei Jahre vor Olympia noch mal eine komplett andere Sportart zu probieren - Hut ab.

          Der Verband hat neun Langläuferinnen angesprochen, um die Lücke im Biathlon zu schließen. Klappt das?

          Biathlon ist eine komplett andere Sportart. Ich habe beides selbst gemacht, aber es ist viel einfacher, vom Biathlon zum Langlauf zu wechseln. Da muss man nur skaten. Aber mit dem Schießen ist es nicht so einfach. So ein Wechsel muss von Herzen kommen, nur dann kann es was werden. Man soll sich aber nicht zu etwas drängen lassen.

          „Ich habe gelernt, genau das zu machen, was ich für richtig halte“
          „Ich habe gelernt, genau das zu machen, was ich für richtig halte“ : Bild: dpa

          Brauchen die Biathleten überhaupt fremde Hilfe?

          Natürlich wird uns eine absolute Ausnahme wie Magdalena fehlen, aber ich glaube, dass die Biathletinnen, die weitermachen, gut genug sind. Vielleicht ist noch nicht jede so weit gewesen, dass sie vorne mitlaufen kann, aber wir haben noch einen ganzen Sommer Zeit, um uns zu verbessern.

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