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Miriam Gössners Leiden : Sperre im Kopf

  • -Aktualisiert am

„Es gelingt ihr nicht, ihr Schießen zu analysieren“, sagt der Bundestrainer über Miriam Gössner. Bild: dpa

Konkurrentinnen im Nacken, Degradierung vor Augen: Miriam Gössner galt einst als natürliche Nachfolgerin von Magdalena Neuner. Den Schlüssel zu alter Stärke hat bislang niemand gefunden.

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          Sie wehrt sich, sie kämpft. So einfach ihren Platz herschenken, das kommt nicht in Frage. Immerhin - den ersten Matchball hat sie schon abgewehrt. Weil sie geliefert hat, endlich. Ein zehnter Platz im Sprint, und vor allem nur ein Schießfehler, das war es, was sie am vergangenen Wochenende in Pokljuka gebraucht hat. Und selbst wenn es tags darauf mit Platz 23 in der Verfolgung wieder deutlich abwärts ging, hat sich Miriam Gössner doch in die Verlängerung gerettet. „Größer hätte der Druck fast nicht sein können. Ich habe mich sehr auf das Schießen konzentriert und bin überglücklich, dass es so geklappt hat“, sagte sie.

          Die Überlegungen, sie aus dem Weltcup-Team zu nehmen und zumindest vorübergehend in die zweite Biathlon-Liga zu versetzen, waren weit gediehen. Zumal der Saisonauftakt im stürmischen Östersund ein Desaster war. Selbst ein Abstecher zu den Langläufern, mit denen sie 2010 Olympia- und 2009 WM-Silber in der Staffel gewonnen hat, stand zur Diskussion. Um mal wieder ein Erfolgserlebnis, mal wieder Spaß zu haben, um alte Muster aufzubrechen.

          Aber dann hat die 26 Jahre alte Biathletin vom SC Garmisch in Slowenien gerade noch rechtzeitig die passende Antwort gegeben. Und darf sich in Nove Mesto, wo an diesem Freitag (17.30 Uhr/Live bei Eurosport) der Frauen-Sprint auf dem Programm steht, weiter auf der großen Bühne bewähren. Aber wenn aus dem Hoffnungsschimmer von Pokljuka kein Licht wird, wenn sich keine Stabilität am Schießstand einstellt, dann hat sie nicht mehr gewonnen als ein bisschen Zeit.

          Ein Mountainbike-Unfall und die Folgen

          Natürlich ist das bitter für eine, die nach dem Rücktritt von Magdalena Neuner 2012 als deren natürliche Nachfolgerin galt. Eine junge Frau mit Glamourfaktor, genauso schnell in der Spur, mit Defiziten im Schießen zwar, aber das würde die Wackelkandidatin schon noch lernen. Drei Weltcup-Siege in der Post-Neuner-Ära waren ein vielversprechender Anfang, aber dann kam 2013 der schwere Mountainbike-Unfall samt vier gebrochenen Lendenwirbeln. Seitdem ist Miriam Gössner auf der Suche nach der alten Form. Und von kleinen Lichtblicken abgesehen, gibt es kaum Fortschritte, von einem Durchbruch ganz zu schweigen.

          Wo das Problem liegt, zeigt ein Blick in die Statistik. Miriam Gössner ist zwar nicht mehr in der überragenden Laufform früherer Tage, aber in dieser Wertung hat es in der vergangenen Saison im Weltcup immer noch zu Platz fünf gereicht. Wenn man sich aber ihre Trefferquote von knapp 71 Prozent anschaut, dann genügt das nicht einmal für einen Platz unter den Top 100.

          Mentaltrainer, Nachhilfe beim Schießen: Sie hat alles versucht

          Inzwischen strahlt der Stern von Laura Dahlmeier heller denn je, und vier weitere Teamkolleginnen sind im Gesamt-Weltcup an ihr vorbeigezogen. Und die sechste ist ihr dicht auf den Fersen: Langlauf-Umsteigerin Denise Herrmann hat nach zwei Weltcup-Rennen nur acht Weltcup-Punkte weniger als Miriam Gössner nach deren fünf. Und die Biathlon-Novizin entwickelt sich rasant.

          Eines kann man der Freundin von Alpinstar Felix Neureuther gewiss nicht vorwerfen: dass sie nicht alles versuchen würde. Miriam Gössner hat mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet, Nachhilfe von Ole Einar Björndalens Schießtrainer bekommen, sie steht nach Rückschlägen immer wieder auf, hat nie ernsthaft ans Aufhören oder einen Wechsel zum Langlauf gedacht, und in dieser Saison versucht sie es mit einem kürzeren Gewehrschaft.

          Bundestrainer Gerald Hönig und die Suche nach der Stellschraube
          Bundestrainer Gerald Hönig und die Suche nach der Stellschraube : Bild: dpa

          Aber niemand hat bislang den Schlüssel gefunden. Auch Bundestrainer Gerald Hönig nicht: „Sie trainiert, sie tut und macht, aber es fällt ihr schwer, mitunter recht gute Trainingsleistungen in den Wettkampf rüberzubringen. Da fragen auch wir Trainer: Wo ist die Stellschraube, wo müssen wir ansetzen?“

          „Den Tunnel finden“

          Das Problem liegt vor allem im Kopf, so viel steht fest. Denn zwischen Training und Wettkampf liegen bei Miriam Gössner Welten. Wenn es nicht darauf ankommt, schießt sie - auch unter Belastung - mitunter beeindruckende Nullserien. Nur im Ernstfall ist es damit vorbei. „Im Wettkampf steht man halt allein vorne an der Feuerlinie, da muss man mit der Situation, mit den Abläufen klarkommen, sich eine Taktik zurechtlegen. Der Miri muss es einfach gelingen, die halbe Minute am Schießstand einen Fokus um sich herum aufzubauen, den Tunnel zu finden und sich auf die individuellen Schwerpunkte zu konzentrieren“, sagt Hönig.

          Ihr fehlt aber auch die technische Stabilität, und was die meisten Kolleginnen sehr gut beherrschen, geht Miriam Gössner weitgehend ab. „Es gelingt ihr nicht, ihr Schießen zu analysieren“, sagt der Bundestrainer. Auch in dieser Kategorie ist die Trefferquote nicht sonderlich hoch.

          Die Trainer haben vor der Saison versucht, ihr den Qualifikationsdruck zu nehmen, haben kurzerhand die A-Mannschaft für die ersten beiden Weltcups gesetzt. „Ich habe der Miri aber auch nach dem Weltcup in Östersund gesagt, dass irgendwann eine Entscheidung gefällt werden muss, wenn die Ergebnisse nicht besser sind“, sagt Hönig.

          Erstaunlicherweise wurden sie es erst, als der Druck am höchsten war. Ob das jetzt ein Akt der Befreiung war oder ob Miriam Gössner bald wieder in alte Muster verfällt und dann doch für eine Weile im IBU-Cup verschwindet, das wird sich zeigen. Aber bei allen Defiziten, die Miriam Gössner hat: Sie ist eine Kämpfernatur.

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