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Armin Bittner im Gespräch : „Slalom ist irgendwie Roulette“

  • -Aktualisiert am

1992: Armin Bittner bei den Olympischen Spielen in Albertville Bild: Imago

Gewinnt Felix Neureuther an diesem Sonntag den Slalom-Weltcup, tritt er in die Fußstapfen von Armin Bittner. Ein Gespräch über Kristallkugeln, Superstars und falsche Taktik.

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          Vor 25 Jahren hat Armin Bittner zum zweiten Mal nacheinander die Weltcup-Wertung im Slalom gewonnen. Er ist damit neben Markus Wasmeier der einzige deutsche Skirennläufer, der jemals eine Kristallkugel auf dem Podest stemmen konnte. An diesem Sonntag (9.00 Uhr) kämpft Felix Neureuther um die Nachfolge von Bittner. Vor dem letzten Slalom des Winters hat der WM-Dritte von Vail in der Slalom-Wertung 55 Punkte Vorsprung vor dem Österreicher Marcel Hirscher. Im FAZ.NET-Interview spricht Armin Bittner über die Bedeutung von Kristallkugeln, Roulette-Spiel zwischen den Toren und falsche Taktik.

          Haben die beiden Kristallkugeln für den Sieg in der Slalom-Wertung des Weltcups bei Ihnen eigentlich einen Ehrenplatz?

          Ach, die habe ich schon fünf oder zehn Jahre nicht mehr gesehen. Die hat meine Mutter, also keine Ahnung, wo die sind.

          Das klingt so, als ob sie keine große Bedeutung mehr hätten für Sie.

          Das ist kalter Kaffee. Aber damals hatten sie die gleiche Bedeutung, wie sie jetzt für Felix Neureuther haben würden. Sportlich gesehen ist eine Weltcup-Kugel die Krönung. Für die Öffentlichkeit ist das eine Goldmedaille, aber für den Sportler ist die Kugel die Bestätigung, der Saisonbeste in einer Disziplin zu sein. Die absoluten Superstars – das waren zu meiner Zeit Alberto Tomba, Pirmin Zurbriggen oder Marc Girardelli, jetzt ist es ein Marcel Hirscher – sammeln ja viele Kugeln. Da kommt es am Ende auf eine mehr oder weniger nicht mehr an. Aber viele Skirennläufer bekommen die Gelegenheit nur ein- oder zweimal im Leben, dann wächst der Stellenwert.

          War für Sie der Gewinn des Slalom-Weltcups also wichtiger als Ihre Bronzemedaille bei der WM 1987 in Crans-Montana?

          Sicher, das war viel wichtiger. Die Kugel ist maximal mit einer Goldmedaille gleichzusetzen, und das sieht vielleicht nicht einmal jeder so. Wenn zu mir jemand in Crans-Montana gesagt hätte, Du bekommst Gold, aber dafür gewinnst du nicht den Slalom-Weltcup, weiß ich nicht, ob ich mich darauf eingelassen hätte. Denn ich habe nicht zu den großen Seriensiegern über Jahre gehört. Aber  dafür habe ich zwei Kugeln gewonnen, war zweimal über die gesamte Saison der Beste. Und damit bin ich noch immer der Einzige bei den Herren in Deutschland.

          Ist es ein Unterschied, ob man wie Sie damals mit 24 oder 25 Jahren um die Kristallkugel kämpft, also in der ersten Hälfte der Karriere, oder im letzten Abschnitt, in dem sich der bald 31 Jahre alte Neureuther befindet?

          Der Felix hat halt vielleicht etwas länger gebraucht, um reifer zu werden. Aber es spielt ja keine Rolle mehr, wenn er sein Ziel erreicht. Man kann die Karriere von Felix nicht mit meiner vergleichen. Meine war ja deutlich kürzer. Ich bin etwas später drangekommen, denn ich wurde damals nicht als junger Fahrer zur WM nach Bormio 1985 mitgenommen wie später Felix Neureuther nach St. Moritz. Deshalb bin ich ja nur zu vier WM-Teilnahmen gekommen, der Felix war schon bei sieben Weltmeisterschaften. Und er hat seine erste Einzelmedaille erst mit knapp 29 Jahren gewonnen, mit dem Alter habe ich fast schon meine Karriere beendet.

          Bei der ersten Ihrer zwei Slalomkugeln fiel die Entscheidung auch erst im letzten Rennen.  Sie haben damals geführt, allerdings im Gegensatz zu Neureuther dieses Mal sehr knapp. Können Sie sich noch erinnern, ob Sie damals taktisch gefahren sind oder alles riskiert haben?

          Ich kann gar nicht sagen, ob das damals taktisch war. Ich wusste nur, dass ich vor Tomba landen muss. Auch am Sonntag ist für Felix klar: Auf Ergebnis zu fahren, kann in die Hosen gehen. Er hat einen Trumpf mehr in der Hand durch die Führung. Allerdings hat Marcel Hirscher schon fünf oder sechs Kugeln daheim, das ist vielleicht wieder für ihn ein Vorteil. 55 Punkte hört sich viel an, aber es ist nicht viel anders als im vergangenen Jahr, als Felix mit nur fünf Punkten vor dem letzten Slalom geführt hat. Man darf das Rennen nicht verpennen. 

          Trauen Sie es Neureuther zu, Ihre Nachfolge anzutreten?

          Sicher. Felix hat schon bewiesen, dass er schneller fahren kann als Hirscher, aber jetzt kommt halt noch die Rechengeschichte dazu, und die ist schon ein bisschen haarig. Und Slalom ist immer irgendwie Roulette.

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