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Rad-Comeback nach Horrorsturz : 130 Stiche und ein neuer Kiefer aus Beckenknochen

  • -Aktualisiert am

Kann wieder lächeln: Fabio Jakobsen Bild: Roth

Ein heftiger Unfall kostet den Niederländer Fabio Jakobsen fast das Leben. Nun wagt er ein Comeback. Hinter ihm liegt eine schlimme Zeit. Und bald könnte er auf den treffen, der den Sturz verursachte.

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          Es gibt Bilder, die grauenhaft sind und sich einbrennen ins Gedächtnis. Man will sie nicht mehr sehen, aber man sieht sie doch. Radsportfans haben solche Aufnahmen vor acht Monaten gesehen. Wenige live, viele im Fernsehen und auf Youtube.

          Es war der 5. August 2020 in Kattowitz, die erste Etappe der Polen-Rundfahrt, ein Massensprint. Die Rennfahrer stürzten sich in die leicht abschüssige Zielgerade mit einer Wucht und Energie, die sich angestaut hatte im ersten Corona-Lockdown. Aller Ehrgeiz, aller Siegeswille explodierte auf den letzten hundert Metern, vorn flogen sie Lenker an Lenker mit 80 Kilometern pro Stunde dahin, ein wildgewordenes Kampfgeschwader.

          Doch auch das ist Radsport, das ist Rennsport. Die schnellsten Sprinter und ihre Helfer sind schon viele Entscheidungen auf Messers Schneide gefahren. Diesmal aber war nicht nur das Tempo extrem hoch, auch die Anspannung und der Druck nach einer langen Zwangspause. Und diesmal fuhr ein Profi im Moment der größten Anstrengung, man kann es nicht anders sagen: Amok. Ein Kollege verlor deshalb fast sein Leben.

          Bei rasender Fahrt in die Absperrgitter

          Es war der niederländische Topsprinter Dylan Groenewegen, der seinen damals 23 Jahre alten Landsmann Fabio Jakobsen bei rasender Fahrt in die Absperrgitter drückte. Ein fürchterlicher Sturz war die Folge. Jakobsen prallte mit großer Wucht in die Streckenbegrenzung, ein Helmchen auf dem Kopf, sonst vollkommen ungeschützt. Der Arzt seines Deceuninck-Quick-Step-Teams, der damals zur Stelle war, sagte im Rückblick, er habe „gedacht, dass Fabio auf dieser polnischen Straße stirbt“.

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          Jakobsens Schicksal hing am seidenen Faden. Die Erstversorger, die auf der brütend heißen Straße ganze Arbeit leisteten, retteten sein Leben, davon ist er bis heute überzeugt. Ein Rettungshubschrauber flog ihn mit schweren Kopfverletzungen, zerschmettertem Gesicht, Knochenbrüchen und nur noch einem Zahn im Mund in ein Krankenhaus nach Sosnowiec, wo er mehrere Stunden am Kopf operiert wurde.

          Nach zwei Tagen holten ihn die Ärzte aus dem künstlichen Koma und konnten berichten, dass der Patient wohl keine Hirnschäden und keine Rückenmarksverletzung davongetragen habe. Jakobsen hat sich den Crash später im Video angesehen, an ihn erinnern kann er sich bis heute nicht. Nur an die ersten Tage und Nächte im Krankenhaus. „In dieser dunklen Phase hatte ich Angst, nicht zu überleben“, sagt er.

          Grauenhafter Sturz: Radprofi Fabio Jakobsen aus den Niederlanden hat einen langen Weg zurück ins Profileben hinter sich.
          Grauenhafter Sturz: Radprofi Fabio Jakobsen aus den Niederlanden hat einen langen Weg zurück ins Profileben hinter sich. : Bild: Roth

          Acht Monate ist das her. Acht Monate, in denen Jakobsen noch mehrmals operiert wurde. Mit 130 Stichen flickten die Ärzte sein Gesicht, den zerstörten Kiefer formten sie neu aus Teilen seiner Beckenknochen. Das Gebiss ist noch ein Provisorium. Erst wenn der Kiefer völlig verheilt ist, werden ihm Implantate eingesetzt. „Das wird noch ein paar Monate dauern“, sagt Jakobsen, der zum Zeitpunkt seines Unfalls niederländischer Meister war.

          Seit Sonntag fährt Jakobsen wieder Rennen. Er nimmt an der Türkei-Rundfahrt teil. Teamkamerad Remco Evenepoel, im vergangenen Sommer auf einer Abfahrt schwer gestürzt, begrüßte ihn auf Instagram mit den Worten: „Die härteste Schlacht hast du geschlagen. Genieße es, wieder dabei zu sein.“ Leichter gesagt als getan. Jakobsen, der am Start der Rundfahrt mit Ovationen gefeiert wurde, kam in seinem ersten Rennen seit Kattowitz mit zehn Sekunden Rückstand auf das Hauptfeld ins Ziel. Platz 147 zum Ende der auf 72 Kilometer gekürzte Etappe.

          Er sei mit gemischten Gefühlen unterwegs gewesen, sagte er. Mit der Freude, wieder auf dem Rad zu sitzen. Und mit dem unsicheren Gefühl eines Neu-Profis. „Im Finale konnte ich nicht mehr für das Team da sein, aber dass ich mein erstes Rennen nach so vielen Monaten zu Ende fahren konnte, macht mich stolz“, sagte er. Die zweite Etappe über 144 Kilometer, die der Brite Mark Cavendish im Sprint gewann, beendete Jakobsen abgeschlagen auf Platz 167. Vor acht Monaten noch hatte Cavendish keine Chance gegen ihn. Es wird ein langer Weg zurück.

          Auf seinen Landsmann Groenewegen wird Jakobsen womöglich bald wieder im Rennen treffen. Den Kollegen, der ihn vor acht Monaten in die Absperrungen rammte, hatte der Radsport-Weltverband für neun Monate gesperrt. Vom 7. Mai an darf er wieder Rennen fahren. Ob und wann sein Team Jumbo-Visma ihn einsetzen wird, ist ungewiss. Jakobsen hat es bis heute abgelehnt, mit Groenewegen zu sprechen und dessen Bitte um Entschuldigung persönlich anzunehmen. „Es ist schwer für mich zu verstehen, warum er das getan hat“, sagte er. „Wir sind menschliche Wesen, keine Tiere. Das ist Sport, kein Krieg, bei dem es keine Grenzen gibt.“

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