https://www.faz.net/-gtl-9d722

Turn-EM : Die Deutschen und das verflixte Lieblingsgerät

  • -Aktualisiert am

Patzer am Barren: Marcel Ngyuen verpasst das Finale an seinem Lieblingsgerät. Bild: Reuters

Die deutschen Turner sind bei der EM durchaus erfolgreich und erreichen die Finals. Dabei befinden sie sich aber teilweise in einer kuriosen Situation – wie Marcel Nguyen.

          Marcel Nguyens Lieblingsgerät ist der Barren. An den beiden Holmen hat der Unterhachinger olympisches Silber gewonnen und zwei Titel bei Europameisterschaften unter Dach und Fach gebracht. Doch wenn am Sonntag in Glasgow wieder die kontinentale Krone vergeben wird, muss der 30-Jährige zuschauen. Ein Griff zum Boden nach dem schweren Tsukahara-Abgang hat ihn in der Qualifikation aller Chancen beraubt. Ein anderer Deutscher hingegen wird sich das Gerät präparieren, Honig und Magnesia für den optimalen Griff auf das Holz schmieren und den Aufschwung wagen.

          Einer, der überhaupt nicht damit gerechnet hatte, in dieser Entscheidung dabei zu sein. Denn Nils Dunkels Lieblingsgerät ist das Pauschenpferd. Warum, das weiß der 21-jährige Erfurter gar nicht so genau. „Offenbar habe ich Talent dafür“, sagt er nur. Der starre Bock galt bei den deutschen Männern lange Zeit als genauso wacklig wie der Schwebebalken bei den Frauen. Dunkel weiß allerdings gut umzugehen mit den Scheren und Schwüngen darauf. Doch obwohl er dabei auch am Donnerstag den Kampf mit der Schwerkraft für sich entschied, reichte das nicht aus, um in die Einzel-Entscheidung einzuziehen. Dafür darf er noch mal an den Barren.

          Das Podest hat der Sportsoldat dabei nicht im Blick. Nur noch einmal die Übung so gut wie möglich durchziehen und vielleicht ein oder zwei Plätze nach vorne kommen. Mehr, glaubt Dunkel, ist nicht drin. An den Pauschen wäre das anders gewesen. Da steigen selbst Favoriten schon mal vorzeitig ab. Die Chancen auf eine Überraschung sind entsprechend groß.

          So befinden sich die Bewegungskünstler des Deutschen Turner-Bundes (DTB) in einer kuriosen Situation. Obwohl die Mannschaft an am Samstag im Teamfinale stand – und dort Platz vier belegte – und neben Dunkel am Barren auch Nguyen am Boden und an den Ringen einen Tag später einen weiteren Auftritt in der Hydro-Arena der schottischen Großstadt hat, ist man nicht so recht glücklich mit der Ausgangslage. „Ich würde meine beiden Finals gerne gegen das am Barren eintauschen“, sagte Nguyen. Möglich ist das nicht. Vielleicht, wenn der ältere Teamkollege es auf den Reserveplatz geschafft hätte, hätte Dunkel einen Verzicht überlegt.

          Andererseits darf sich der Thüringer zum ersten Mal bei einer internationalen Meisterschaft allein auf der großen Bühne präsentieren. In der Riege selbst gilt Dunkel noch als Nachwuchskraft, als einer, der zu denen zählt, die nach den Olympischen Spielen in Tokio weiter dabei sein werden. Wenn auch der letzte der goldenen Generation um Fabian Hambüchen seinen Rücktritt erklärt. Nguyen ist im gleichen Jahr wie der Reck-Olympiasieger geboren. Doch die Aussicht, 2020 seine vierten Spiele zu erleben, treibt ihn nach zwischenzeitlichen Motivationsproblemen an. Allein dafür quält er sich tagtäglich an allen sechs Geräten. Selbst am Pauschenpferd, das er eigentlich nicht mehr anfassen wollte. Das er aber zähmen muss, um im Mehrkampf anzutreten.

          Perspektiven auf gute Einzelergebnisse sieht Nguyen für sich aber nur noch an zwei Geräten: am Barren und am Boden, wo er zuletzt deutlich zugelegt hat. Sein Trainer Valeri Belenki hat ihm für die Akrobatik einen neuen Lehrer verschafft, einen, der sich besonders gut auskennt mit den Salti und Schrauben. Und wie man sich für diese in der Luft genügend Zeit nimmt. Belenki selbst hat während seiner Karriere bereits von den Tipps und Tricks von Valentin Potapenko profitiert. „Er kann einem Ratschläge erteilen, die sofort fruchten“, schwärmt Nguyens Teamkollege Andrea Toba. Nguyen setzt dadurch nun Höchstschwierigkeiten um, von denen er vorher nur träumte. Im für einen Turner bereits fortgeschrittenen Alter hat er zu neuer Spritzigkeit gefunden.

          Alles Gelernte wird er am Sonntag nicht auspacken. Einiges ist noch in Arbeit mit Blick auf die Weltmeisterschaften im Oktober in Doha. Doch die bei ihm selten gesehene Begeisterung, mit der er von seinen bislang ungewohnten Höhenflügen erzählt, legt eine Vermutung nahe: Vielleicht hat Nguyen bald ein anderes oder zumindest ein zweites Lieblingsgerät.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Der Faktor Wohnen wird von den meisten Menschen in der Klimadebatte übersehen. Dabei produzieren vor allem Warmwasser und Heizungen große Kohlendioxid-Emissionen.

          Wohnen und Heizen : Das ist Deutschlands Klimakiller Nr. 1

          Kaum jemand will wahrhaben, dass wir mit unseren Wohnungen dem Klima mehr schaden als mit Steaks und Flugreisen. Einige Länder reagieren darauf – während sich die Politik in Deutschland nicht einigen kann.
          Gemeinsame Geste: Mattarella und Steinmeier in Fivizzano

          Deutsche Kriegsverbrechen : Verantwortung ohne Schlussstrich

          In Fivizzano haben Nationalsozialisten im Jahr 1944 Massaker an der Bevölkerung verübt. Bundespräsident Steinmeier redet über frühere Greuel – und heutige Gefahren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.