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Vorwürfe gegen Mode-Fotografen : „Testino war ein Triebtäter“

Fotograf Mario Testino im Oktober 2017 mit zwei Models in Paris – männliche Models haben Belästigungsvorwürfe gegen ihn erhoben. Bild: dpa

Die Missbrauchsdebatte erreicht die Modeszene: Die Fotografen Mario Testino und Bruce Weber sollen männliche Models belästigt haben. Zu ihrem Image passt das ganz und gar nicht.

          Wie hat er das nur geschafft: Kate Moss entspannt, Prinzessin Diana sinnlich, Gisele Bündchen nackt? Auf die Frage dieser Zeitung sagte Mario Testino vor fünf Jahren: „Ich verbringe Zeit mit ihnen. Da baut man Vertrauen auf.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Und dieses Vertrauen, so die nächste Frage, das enttäusche er nicht? „Ich habe allen gezeigt, dass die Person, die fotografiert wird, wichtiger ist, als ich es bin. Ich lasse sie gut aussehen. Und sie wissen das. Daher fühlen sie sich beschützt.“

          Heute wirken die Worte des aus Peru stammenden Fotografen wie Hohn. Denn der Dreiundsechzigjährige mit dem unwiderstehlichen Lächeln scheint sich zuweilen doch wichtiger genommen zu haben als die Person, die fotografiert wurde.

          Die „New York Times“ schrieb am Samstag, zahlreiche Zeugenberichte belegten, dass Testino und sein Berufskollege männliche Models und Mitarbeiter sexuell belästigt hätten, unter ihnen bekannte Männermodels wie Ryan Locke, Robyn Sinclair und Terron Wood.

          Berühmt-berüchtigt obszöne Gucci-Kampagnen

          Schon Anfang Dezember hatte Model Jason Boyce dem 71 Jahre alten Weber vorgeworfen, ihn sexuell genötigt zu haben. Nun bestätigen 15 Models (und ehemalige Models), der amerikanische Fotograf habe sie bei Aufnahmen gebeten, sich auszuziehen, habe sie zu Atem- und „Energie“-Übungen angehalten und dazu gebracht, sich selbst und den Fotografen zu berühren, wo auch immer sie ihre „Energie“ fühlten. Weber habe ihre Hand geführt, habe seine Finger in den Mund der Models gesteckt und sie an die Geschlechtsteile gefasst.

          Model Jason Boyce (rechts) auf einer Pressekonferenz im Dezember – er und sein Kollege Mark Ricketson (links) machen dem Fotografen Bruce Weber Belästigungsvorwürfe.

          Im Fall von Mario Testino behaupten 13 männliche Assistenten und Models, dass er übergriffig geworden sei. „Er war ein Triebtäter“, behauptet Ryan Locke, der für die berühmt-berüchtigten obszönen Gucci-Kampagnen des Fotografen vor der Kamera stand oder besser: lag. Als er das Casting im Hotelzimmer des leicht bekleideten Fotografen bestanden und Gucci ihn gebucht habe, sei Testino „aggressiv und fordernd“ vorgegangen.

          Am letzten Tag der Aufnahmen habe der Fotograf ihm vorgeworfen, die Szene nicht richtig zu erfühlen, alle Mitarbeiter aus dem Hotelzimmer ausgeschlossen, sich auf das auf dem Rücken liegende Model gesetzt und gesagt: „Ich bin das Mädchen, Du der Junge.“ Locke sagt, er habe sich aus der Lage befreit, sich angezogen und sich schleunigst entfernt.

          Auch Testinos ehemaliger Assistent Hugo Tillman behauptet, der Fotograf habe sich in einem Hotelzimmer auf ihn gesetzt und seine Arme aufs Bett gedrückt. Andere ehemalige Assistenten behaupten, er habe sie und weitere Personen immer wieder befummelt und vor ihnen masturbiert. „Sexuelle Belästigung war eine ständige Realität.“ Von Vergewaltigung ist nicht die Rede.

          Wer sich Möglichkeiten entgehen lasse, schade seiner Karriere

          Beide Fotografen ließen nun mitteilen, die Vorwürfe seien unwahr, die Zeugen nicht glaubwürdig. Wie um zu beweisen, dass er ganz anders ist, veröffentlichte Testino auf Instagram Fotos, die ihn als Wohltäter in Peru zeigen, der eine aus Spenden finanzierte Klinik besucht. Viele der Kommentare unter den Fotos lauten allerdings „#timesup“ – das ist der neue Hashtag der Me-too-Bewegung.

          Modefotograf Bruce Weber, aufgenommen im Juli 2015 bei der New York Fashion Week

          Noch etwas untergräbt allerdings die Anwürfe. Unter männlichen Models ist schon lange bekannt, dass man bei Bruce Weber oder Mario Testino Gefahr lief, unsittlich berührt zu werden. Warum also sollte man sich solchen Aufnahmen aussetzen?

          Dazu behaupten die Chefs von Modelagenturen immer wieder, wer sich solche Möglichkeiten entgehen lasse, der schade seiner Karriere – schließlich arbeitete Weber für Calvin Klein, Ralph Lauren oder Moncler, Testino für Gucci, Burberry oder Versace, und beide machten Aufnahmen für die besten Magazine der Welt. Testino nahm sogar Prinzessin Diana für die „Vanity Fair“ auf, schoss das Verlobungsfoto von Prinz William und Kate Middleton und hat gerade Serena Williams mit Baby für die amerikanische „Vogue“ abgebildet.

          Aber zwingt solche Autorität zu Hörigkeit? Ist nicht vielmehr Vorsicht angesagt? Viele Booker, also Manager von Models, raten explizit von bestimmten Anfragen ab und vermitteln ihre Schützlinge nicht. Es geht also auch anders.

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