https://www.faz.net/-gtl-9o2ds

Nach Dressur-Debakel : Isabell Werth rekultiviert ihre Gehirnzellen

  • -Aktualisiert am

Am Ende wieder glücklich: Dressurreiterin Isabell Werth freut sich über ihren Sieg auf Emilio. Bild: dpa

Sie kann es noch: Isabell Werth verirrt sich erst mit Bella Rose, findet mit Emilio dann den Erfolgsweg wieder – und gewinnt am Ende doch den Titel. Von Höhen und Tiefen bei der Dressur-DM.

          Ehrenrunden machen meistens glücklich. So eine zum Beispiel, wie sie Isabell Werth am Sonntag nach dem Gewinn ihres 15. deutschen Meistertitels in Balve mit Emilio drehte. Wenn es schon am Samstag mit Bella Rose nicht geklappt hat, dann mit deren Stellvertreter Emilio tags darauf umso besser: Mit 88,150 Prozentpunkten erzielte sie eine Traumnote für eine spektakuläre Kür zum Klang italienischer Opern-Arien. Brava!

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Es gibt aber etwas, das noch zuverlässiger glücklich macht als Siegerehrungen. Die Psychologie nennt es Flow. Oder auch Funktionslust. Das selige Glück, wenn man in einer Aufgabe restlos aufgeht. Das erlebte Isabell Werth tags zuvor im klassischen Titelkampf, dem Grand Prix Spécial. Sie setzte sich auf ihre geniale Fuchsstute Bella Rose, ritt ein – und war weg. „Ich bin mit dieser Stute manchmal etwas selbstvergessen“, sagte sie später. Am liebsten wäre die Meisterin in diesem Zustand der Selbsthypnose einfach nur ins Ziel geschwebt. Das geht mit Bella Rose eigentlich, weil sie die schweren Lektionen nahezu mühelos beherrscht. Aber dann: Ein Zwischenfall. Nach dem erhabenen Trab, der Passage, sollte sie angaloppieren und rechts abwenden, wozu Rechtsgalopp gefragt ist. Doch Bella Rose verfiel in Linksgalopp. Wahrscheinlich, weil dieser Move tags zuvor, im Grand Prix, gefordert war.

          „Hast du gestern vielleicht doch zu viel getrunken?“

          Auf einmal: Hoppla! Isabell Werth hatte den Einsatz verpasst. Sie erwachte verwirrt aus ihrem Traum, und war mit der Wirklichkeit konfrontiert. Jetzt aber schnell korrigieren. Doch schon verfiel die Stute vom Galopp unplanmäßig in Trab. Schnell weiter. Aber dann setzte der Plan ganz aus. Die sechsfache Olympiasiegerin, die routinierteste Frau im Feld, ritt auf die Diagonale und ließ Bella Rose als nächstes fliegende Galoppwechsel springen. Zwei links, zwei rechts.

          Chefrichter Reinhard Richenhagen traute seinen Augen nicht. „Ich habe mich gefragt, hast du gestern vielleicht doch zu viel getrunken?“ Eigentlich hätten jetzt nämlich Traversalen im Programm gestanden. Richenhagen hätte jetzt sein Glöckchen betätigen müssen, um die Reiterin auf ihren Lapsus aufmerksam zu machen, aber er war ein paar Sekunden wie gelähmt. „Ich musste dreimal nachdenken, da man sich der Tragik des Klingelns bewusst ist.“ Seine Kollegen mussten ihn erst mit Zurufen auffordern, zu reagieren. Klingeling. Isabell Werth diskutierte kurz mit ihm, begab sich an den Ausgangspunkt der Irrtümer zurück und absolvierte die Aufgabe nun korrekt. Bella Rose spielte natürlich klaglos mit. „Bella war super drauf. Es tut mir leid, dass ich ihr heute nicht gerecht geworden bin“, sagte Isabell Werth.

          Statt mit ihrem Weltpferd erstmals deutsche Meisterin zu werden, rutschte sie auf Platz vier, mit der immer noch stattlichen Note von 79,471 Prozentpunkten. Nach internationalem Reglement wäre der Fehler noch teurer gekommen. Zwei Prozentpunkte. Und das in der Prüfung, in der zum Beispiel bei Olympia die Mannschaftswertung entschieden wird. „Das macht den Charme unseres Sports aus“, sagte der freundliche Chefrichter.

          Nach Fehler am Vortag: Isabell Werth reitet auf Emilio zum Sieg.

          Isabell Werth versuchte es mit Humor zu tragen. „Spätestens bis Aachen möchte ich alle Gehirnzellen so weit rekultiviert haben, dass ich wieder alle Wege finde“, sagte sie. Der CHIO findet im Juli statt. Doch es ging schneller als gedacht. Mit ihrem zweiten Pferd, dem Wallach Emilio, mit dem sie am Samstag bereits Zweite gewesen war, fand sie sich glänzend zurecht, obwohl sie dessen neue Kür zum ersten Mal ritt. Erst am Freitag war die Musik angekommen.

          Trotz Isabell Werths Missgeschick ging der klassische Titel an ein mehr als würdiges Paar: Dorothee Schneider aus Framersheim und den 13 Jahre alten, hoch eleganten Wallach Showtime. Auch die bienenfleißige 50 Jahre alte Top-Ausbilderin, die ein Grand-Prix-Pferd nach dem anderen in den Sport bringt, hat ihr Traumpferd gefunden. „Nur Fliegen ist schöner“, sagt sie immer wieder über die Ritte mit ihm. Schon bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro sah die Fachwelt Showtimes Stern aufgehen. Sie wurde Sechste in der Einzelwertung und steuerte eine Spitzennote zum Mannschafts-Olympiasieg bei. Danach allerdings verletzte sich das hoffnungsvolle junge Pferd, kam zwischendurch wieder, musste noch einmal pausieren, und ist erst seit dieser Saison wieder fit. „Ich habe ein topfittes Pferd unter dem Hintern“, sagte sie fröhlich. „Er ist wieder da. Besser als je zuvor.“ Seine einstige Schüchternheit habe Showtime abgelegt. Dorothee Schneider hat allen Grund für große Pläne. Ein gesunder Showtime gehört zum Favoritenkreis bei den Europameisterschaften in Rotterdam im August.

          Am Sonntag, als in der Kür der zweite deutsche Meistertitel vergeben wurde, waren die Stars Bella Rose und Showtime nicht mehr dabei. Beide werden geschont für den CHIO und die Europameisterschaft. Nur nicht zu viel machen, sagen sich Schneider und Werth: Die Gesundheit ihrer Pferde ist kostbar, und auch ihr Nervenkostüm soll nicht allzu oft strapaziert werden.

          Beide Reiterinnen verfügen allerdings über Zweitpferde, die immer noch gut für internationale Championate wären: Kür-Siegerpferd Emilio und Sammy Davis junior, mit dem Dorothee Schneider Vierte wurde. Starke Auftritte zeigten auch die beiden Mannschafts-Weltmeisterinnen Jessica von Bredow-Werndl mit der langbeinigen Stute Dalera und Helen Langehanenberg mit dem alterslosen Hengst Damsey als Zweite und Dritte in der Kür. Bedenkt man, dass Cosmo, das Top-Pferd des Bad Homburger Mannschafts-Weltmeisters Sönke Rothenberger in Balve wegen Kolik-Symptomen fehlte, zeigt sich das ganze Ausmaß der aktuellen deutschen Dressur-Klasse. Der Traum von Tokio hat gerade erst begonnen.

          Haßmann holt den Titel

          Deutscher Meister ist deutscher Meister, da gilt das Hier und Jetzt. So gewann am Sonntag in Balve Felix Haßmann aus Lienen mit Cayenne verdient den Titel, auch wenn die stärksten Springreiter der Nation an anderen Orten unterwegs waren. Im Gegensatz zur parallel ausgetragenen Dressur-Meisterschaft war im Feld der Springreiter beziehungsweise ihrer Pferde am Dauer-Austragungsort im Sauerland nicht die nationale Spitze vertreten.

          Das lag vor allem an den vielen Konkurrenz-Veranstaltungen. Zum Beispiel dem Nationenpreis-Turnier in Sopot, an dem unbedingt eine deutsche Equipe teilnehmen musste, um Qualifikationspunkte für das Nationenpreis-Finale zu sammeln. Betreut wurde das Team dort von Bundestrainer Otto Becker. Die Deutschen belegten Platz vier, wobei einer zum wiederholten Mal herausragte: Der in Belgien lebende Wiesbadener Daniel Deußer. Er gewann mit Jasmien am Freitag den Großen Preis, am Samstag ein schweres Springen mit Kiana und lieferte am Sonntag wiederum mit Jasmien zwei tadellose Null-Fehler-Runden für die Mannschaft ab. Gerrit Nieberg mit Contagio, Jörne Sprehe mit Stakkis Jumper und Patrick Stühlmeyer mit Varihoka (4/0) schnitten nicht ganz so glänzend ab. Auch der dreifache Olympiasieger in der Vielseitigkeit, Michael Jung aus Horb, konnte nicht wie zuletzt das Starterfeld der Springreiter aufwerten. Aus Gründen des Termindrucks mussten die deutschen Titelkämpfe in der Vielseitigkeit in Luhmühlen am selben Wochenende stattfinden wie Balve, Jung wurde Sechster. Weitere Turniere fanden in Stockholm, Villach und Peelbergen (Niederlande) statt. Trotz aller Schwierigkeiten hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung den Vertrag mit Balve als Standort bis 2025 verlängert. (oni)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bereits ab 14.00 Uhr könnte die gefühlte Temperatur über 32 Grad liegen, dann herrscht Warnstufe 2. (Archivbild aufgenommen in Berlin)

          Deutscher Wetterdienst : Hitzewarnung für Deutschland

          Der Deutsche Wetterdienst rechnet ab Montag mit ersten Hitzewarnungen. Ab Mittwoch soll dann ganz Deutschland von einer Hitzewelle erfasst werden. Besonders Kinder, alte und kranke Menschen sind durch die hohen Temperaturen gefährdet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.