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Segel-Klassiker : Ein Schmierentheater überschattet das Ocean Race

Das Team AkzoNobel (viertes Boot von links) wird zum Streitobjekt. Bild: Lorenzo/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Vorfreude vieler Segler und die Hoffnung der Fans auf ein episches Ocean Race werden von den dunklen Wolken getrübt, die schon vor der ersten gesegelten Seemeile aufgezogen sind. Die Folgen sind immens.

          Zumindest die Kulisse stimmt: Blauer Himmel und warme Mittelmeersonne hüllen die spanische Hafenstadt Alicante, wo an diesem Sonntag (Start um 14.00 Uhr MESZ) das 13. Ocean Race startet, auch Mitte Oktober noch in spätsommerliche Atmosphäre. Sieben Teams mit je acht bis zehn Seglern steuern dann ihre fast zwanzig Meter langen Yachten innerhalb der nächsten acht Monate in elf Etappen im besten Fall einmal rund um den Globus. Die Crew, welche die fast 85.000 Kilometer lange Strecke entlang des Kaps der Guten Hoffnung, rund um die eisige Südspitze Südamerikas und durch die stürmischen Winde des Pazifik und Atlantik am schnellsten bewältigt, soll im Juni 2018 im Hafen von Den Haag zum Sieger gekürt werden. Doch die Vorfreude vieler Segler und die Hoffnung der Fans auf ein episches Rennen werden von den dunklen Wolken getrübt, die schon vor der ersten gesegelten Seemeile aufgezogen sind.

          Vor allem Simeon Tienpont sollte man auf die nächsten acht Monate derzeit nicht ansprechen. Eigentlich hatte der 35 Jahre alte Segler aus den Niederlanden geplant, seine Crew vom Team AkzoNobel als Skipper um den Erdball zu führen. Doch daraus wird nichts. Noch während sich die an der Regatta teilnehmenden Yachten in der vergangenen Woche durch den Ocean-Race-Prolog von Lissabon nach Alicante kämpften, erreichte Tienpont die Nachricht von seinem Team, dass er die Crew unverzüglich verlassen müsse, weil er „Vertragsbruch“ begangen habe. Der Skipper soll seine Crew – die komplett bei Tienponts Management unter Vertrag stand, welches für das Ocean Race einen übergeordneten Kontrakt mit dem Namenssponsor des Teams abgeschlossen hatte – systematisch unter Druck gesetzt und bei dem Sponsor, einem der weltgrößten Hersteller von Farben und Lacke, deutlich mehr Geld für alle gefordert haben. Er sei als Skipper deswegen nicht mehr tragbar.

          Der Geschasste ließ tags darauf verlauten, das Statement von AkzoNobel sei „absolut falsch“. Ja, er habe sich bis zuletzt dafür eingesetzt, dass er und seine Crew für die Zeit des Ocean Race besser bezahlt werden. Tienpont zufolge wurde das Team letztlich vom Sponsor dazu gedrängt, den Vertrag mit seiner Management-Agentur zu kündigen und – unter nahezu gleichen Bedingungen – direkt bei AkzoNobel zu unterschreiben. Die Folgen des Schmierentheaters sind für beide Seiten immens: Während der Ruf von AkzoNobel massiv beschädigt ist und im Team eine Atmosphäre der Unsicherheit herrscht, hat Tienpont angekündigt, notfalls vor Gericht zu ziehen.

          Seine Degradierung zum Zuschauer ist bereits der zweite prominente Verlust, den das Ocean Race noch vor dem Start hinnehmen muss. Erst vor wenigen Wochen kündigte der bisherige Organisationschef Mark Turner überraschend seinen Rücktritt an. Der Brite, der die Regatta mit einem verkürzten Rennzyklus von zwei Jahren, einem neuen Boot-Design sowie einer revolutionierten Regel zur Besetzung gemischter Teams eigentlich in eine freudige Zukunft führen wollte, hatte sich mit den Ocean-Race-Inhabern überworfen, weil diese Turners Ideen für überambitioniert hielten und die Regatta auch künftig lieber in klassischer Manier starten lassen wollen. Während Turner jedoch noch so lange kommissarisch die Geschäfte des Ocean Race führt, bis ein Nachfolger für ihn gefunden ist, hat den Platz von Tienpont bei AkzoNobel Brad Jackson übernommen.

          Der 49 Jahre alte Neuseeländer erhält somit kurzfristig die Chance auf sein siebtes Ocean Race und kann somit ähnlich viel Erfahrung vorweisen wie Bouwe Bekking. Der Niederländer umsegelt mit seinem Team Brunel den Erdball schon zum achten Mal – und will endlich erstmals gewinnen. Die Chancen stehen nicht schlecht, hat Bekking doch alles dafür getan, dass mit Peter Burling der Sieger des America’s Cup seine Crew als Steuermann anführt. Für den 26 Jahre alten Jungstar aus Neuseeland ist es genauso das erste Ocean Race wie für seinen Kumpel Blair Tuke. Gemeinsam gewannen beide nicht nur im Sommer die bedeutendste Regatta der Welt, sondern segelten im vergangenen Jahr in Rio auch zum OlympiaSieg. Tuke sitzt als Trimmer beim spanischen Team Mapfre mit an Bord, das nach zwei Siegen im Prolog und im Sprintrennen im Hafen von Alicante als Favorit auf den Gesamtsieg gilt. Sowohl auf den beiden Veteranen als auch auf den zwei Jungen liegen nun die Hoffnungen der Organisatoren, die dunklen Wolken auf dem Ozean zu verschieben.

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          Anmerkung der Redaktion

          Beim Start des Volvo Ocean Race führte Simeon Tienpont  das Team AkzoNobel doch als Skipper an. Kurz zuvor hatte er sich offenbar vor einem niederländischen Schiedsgericht durchgesetzt. Allerdings folgten ihm nicht alle Crew-Mitglieder, sodass er mit einer dezimierten Mannschaft in Alicante starten musste.

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