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Jetzt auch bürotauglich: Bei Isabel Marant werden Boilersuits mit langen Ohrringen kombiniert. Bild: Picture-Alliance

Modisch, praktisch, gut : Warum die Mode jetzt Lust auf das Praktische hat

  • -Aktualisiert am

Cargohosen, Anglerweste, Boilersuit: In diesem Jahr dreht sich alles um Funktionskleidung. Woher rührt der Reiz am Praktischen? Geht es um Bodenständigkeit oder um das Bedürfnis nach Entschleunigung?

          5 Min.

          Was praktisch war, galt modisch lange als verpönt. Die Jack-Wolfskin-Jacke war mindestens so sehr antiästhetisches Statement wie der Gürtel mit Handyhalterung oder die Trekkingsandalen. Für die Sommersaison 2019 hat die Modewelt genau diese Funktionalität jetzt aber für sich entdeckt. Auf allen Laufstegen von Paris bis Mailand: Utility Wear. Cargohosen bei Fendi, Odeeh, Alexander Wang und Tibi. Boilersuits bei Isabel Marant, Ganni und Givenchy. Anglerwesten bei Prada, Chanel und Hilfiger Denim. Dazu Safari-Jacken, Fischerhüte und Steppparka. Die Materialien vorzugsweise Kord, Denim oder feste Baumwollstoffe, teils auch natürliches Leinen oder wasserabweisendes Polyester. Selten schmuggeln sich erlesene Seide (Hermés) und glattes, schimmerndes Leder (Celine) dazwischen. Die Farben sind gedeckt. An Beige kommt 2019 niemand vorbei. Getragen wird es vorzugsweise in der Kombination mit Dunkelblau, Olivgrün oder Weiß.

          Simpel, schlicht und maskulin

          Googelt man nach dem Begriff „Utility Wear“ stolpert man zunächst über Schlagworte wie „Understatement“ „Easy-to-Wear“ oder „Active Wear“, um dann schnell bei Wikipedia zu landen, wo „Utility Clothing“ als Maßnahme der britischen Regierung aus dem Jahr 1941 beschrieben wird, um während des Kriegs mit der Problematik verknappter Ressourcen umzugehen. Unter dem Kürzel CC41 (Civilian Clothing 1941) wurde erschwingliche, eher uniforme Kleidung von geringer Qualität produziert. Als Stoff fungierte häufig recycelte Arbeitskleidung.

          Auch Cargohosen stammen aus England zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die großen Taschen sollten es Soldaten ermöglichen, wichtige Dinge mit sich zu tragen. In den achtziger Jahren mauserte sich die praktische Hose dann zur idealen Kleidung für waschechte Outdoor-Männer, ehe sie in den neunziger Jahren einen ersten großen Hype erlebt.

          Definitiv dekorativ: Queen Elisabeth II. trägt 1958 bei einem Besuch schottischer Minenarbeiter einen weißen Boilersuit.
          Definitiv dekorativ: Queen Elisabeth II. trägt 1958 bei einem Besuch schottischer Minenarbeiter einen weißen Boilersuit. : Bild: Picture-Alliance

          Der Boilersuit findet zum ersten Mal um 1928 Erwähnung. Auch der lockere Einteiler richtete sich zunächst ausschließlich an Männer und fungierte als sowohl klassischer Arbeitskleidung, etwa für Mechaniker, und Uniform für Air Force Piloten. Die Anglerweste taucht verhältnismäßig spät auf der Bildfläche auf. 1960 wird sie von der Hutfabrikantin Gertrude Boyle, Tochter eines jüdischen Ehepaars, das 1938 vor den Nazis von Augsburg nach Portland flieht, erfunden. Vor allem in den Vereinigten Staaten wird die praktische Weste schnell zum Erfolgsschlager und begründet ein Unternehmen, das 50 Jahre später noch immer zu den führenden in der Outdoorbranche zählt.

          Warum diese Infos wichtig sind? Sie verdeutlichen, was diesen Kleidungsstücken in erster Linie gemeinsam ist: Sie alle sind aus Pragmatismus und Nützlichkeit entstanden. Und sie richteten sich primär zunächst ausschließlich an Männer. Man könnte auch sagen, der aktuelle Trend zur Utility Wear vereint Vernunft und (männliches) Arbeitsethos in textiler Perfektion. Und was wäre im Bauhausjahr ein besserer thematischer Überbau als das Prinzip „Form Follows Function“?

          Entfremdete Arbeitswelt

          Nun ist es prinzipiell nicht neu, Arbeit als tragende Komponente des 21. Jahrhunderts zu sehen – auch in modischer Hinsicht. Abhandlungen, die Arbeit als Ersatzreligion definieren oder von der Erfüllung durch die eigene Tätigkeit sprechen, gibt es hunderte. Auffällig aber ist, dass Cargohose oder Boilersuit ein ganz anderes Bedürfnis nach Arbeit skizzieren. Eines, das nicht mehr länger den Büroalltag idealisiert, wie etwa Jacketts, Blazer und Anzüge es tun. Utility Wear, die gerne auch als Workwear bezeichnet wird, ist ein Motiv aus der Arbeiterklasse. Diese Form der Kleidung spielt auf den Aspekt körperlicher Tätigkeit an.

          Mit Glitzer: Sängerin Lily Allen feiert in Cargopants.
          Mit Glitzer: Sängerin Lily Allen feiert in Cargopants. : Bild: Picture-Alliance

          Das mag auch daran liegen, dass unser Alltag zunehmend digitalisiert und entfremdet ist. Smart Solutions sind der am stärksten wachsende Markt weltweit. Computer bauen mittlerweile nicht mehr nur noch Autos, sie können sie theoretisch auch steuern und selbst eine Operation am offenen Herzen könnte bald ganz ohne menschlichen Doktor auskommen. Im Gegenzug wird die vom Menschen verrichtete Arbeit immer abstrakter, wenn nicht sogar obsolet. Wirklich anpacken, das tun viele oft nur noch in der Freizeit. Das ist durchaus ein Problem, wenn auch kein neues, denn schon Marx schrieb über die entfremdete Arbeit.

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