https://www.faz.net/-hrx-9gsxd

Cellulite? Eher die anatomische Normalvariante des Unterhautfettgewebes. Bild: Prisma Bildagentur

Weder Krankheit noch Problem : Weshalb Cellulite kein Makel ist

  • -Aktualisiert am

Cellulite gilt als Makel. Dabei ist das Thema nur ein Symptom des Schönheitswahns. Man kann sich also locker machen.

          5 Min.

          Ganz schön verrückt. Auf der einen Seite propagieren Klatschblätter immer wieder, dass so gut wie alle Frauen Cellulite haben: „Cellulite-Alarm bei Kim & Co.“ Oder: „Cellulite-Bilder: Auch Stars haben Orangenhaut“. Die gerade einmal 26 Jahre alte Selena Gomez? Ja! Jennifer Lopez, die einst gerüchteweise ihren Po für 27 Millionen Dollar versichern ließ? Aber ja! Und nicht einmal Sportlerinnen wie Venus Williams sind davor gefeit.

          Eigentlich müsste der Schluss sein: Na gut, ist eben so, Frauen haben Cellulite. Doch im Gegenteil: Das Geschäft mit Anti-Cellulite-Behandlungen läuft, viele Betroffene, je nach Studie zwischen 80 und 90 Prozent der Frauen, sind bereit, alles dafür zu tun, um sie loszuwerden.

          Früher war Cellulite kein Problem. Das typische Hautbild einer postpubertären Frau und ein rundlicher Körper galten in der Malerei des Barocks sogar als Schönheitsideal. Das Gemälde „Die Drei Grazien“ von Peter Paul Rubens, das zwischen 1630 und 1635 entstand, bildet Dellen auf Oberschenkeln, Po und Armen der nackten Frauen ab.

          „Die Vorstellung, dass Cellulite ein Makel sei, den es auszubessern gilt, entspringt der irrationalen Vorstellung, dass Frauen makellos sein sollen“, sagt der Düsseldorfer Dermatologe Manuel Cornely. „Aber natürlich ist kein Mensch makellos.“ Cellulite werde meist oberflächlich behandelt, in der Therapie wie in der Debatte. Diese oberflächliche Behandlung ist, wie die Haut selbst, allerdings eine mehrschichtige Angelegenheit. Unter der sichtbaren Oberfläche liegen weitere Schichten, die es zu sezieren gilt.

          Die erste dieser Schichten ist die medizinische. Cellulite sei keine Krankheit, eigentlich noch nicht einmal ein Problem, sagt der Mediziner Cornely. „Cellulite ist die anatomische Normalvariante des Unterhautfettgewebes bei Frauen an Beinen und Armen“, sagt er. „Die Bindegewebsstruktur bildet sich schon beim Embryo und betrifft somit jede Frau. Die Frage ist nur, wann die Ausprägung beginnt. Manchmal lässt sie sich schon bei Kindern erkennen.“ Außerdem betreffe Cellulite nicht nur übergewichtige Frauen, sie wird aber dann schneller sichtbar.

          Cremes, Schwämme und Bürsten

          Die Geschichte der Medizin, so schrieb der Philosoph Michel Foucault, ließ und lässt in ihrem Prozess den menschlichen Körper immer wieder als dekodierbares Objekt neu entstehen. Andersartigkeit sei in der Medizin oft pathologisiert worden. Hysterie war ein Dachbegriff für zahlreiche neurotische Frauenleiden, die man nicht erklären konnte oder wollte. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort für Gebärmutter ab – in der Antike nahm man an, eine Gebärmutter, die nicht häufig genug mit Sperma in Kontakt komme, schweife im Körper umher und setze sich schließlich im Gehirn fest. Hysterische Anfälle seien die Konsequenz. Als Behandlung wurde bis ins vergangene Jahrhundert die „Ovarienpresse“ verordnet, ein Gerät aus Metall und Leder, das Druck auf die Eierstöcke ausübte, oder es wurden ärztlich ausgeführte Massagen angewiesen, die zum Orgasmus führen sollten.

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Ähnlich medizinisch unbegründet waren auch die ersten Cellulite-Diagnosen. Erstmals erwähnt wurde die Cellulite in einem französischen Lexikon, der zwölften Ausgabe des „Dictionnaire de médecine“, im Jahr 1873. Sie bezeichnete allerdings damals noch eine abszessartige Entzündung des Fettgewebes. Diese Meinung hielt sich lange Zeit: Ärzte fehldiagnostizierten die Cellulite als Entzündung oder als Ablagerung von Abfallprodukten, die auf „zu langes Sitzen, ermüdende Tätigkeiten, das Leben in der Stadt, Ehetraumata und – bei Jungfrauen – Störungen des Rhythmus der utero-ovarischen Zirkulation und der Hormonsekrete“ zurückzuführen seien, wie es Rossella Ghigi von der Universität Bologna 2004 in einem Artikel für die Fachzeitschrift „Travail, Genre et Sociétés“ beschreibt.

          Lediglich eine einzige wissenschaftliche Publikation, die sich mit der tatsächlichen Beschaffenheit der Cellulite auseinandersetzt, gibt es zum Thema. Sie stammt aus dem Jahr 1978. Dort weisen die deutschen Forscher Fritz Nürnberger und Gerhard Müller darauf hin, dass es sich bei der „sog. Zellulitis“ um eine „erfundene Wohlstandserkrankung“ handelt, deren „Symptome“ auf einer „Mißdeutung der normalen, hormonell und alterungsbedingten geschlechtstypischen Binnenstruktur der Haut und Unterhaut im OberschenkelGesäß-Bereich von meist adipösen Frauen“ basiere. Demnach sind alle Begrifflichkeiten wie Cellulite oder Zellulitis, die dieses Hautzustandsbild beschreiben, abzulehnen. Die Mediziner sprechen von „sogenannnter Zellulitis“, Pannikulose oder „Dermopanniculosis deformans“.

          Seither hat sich die Cellulite vom Krankheitsbild zum kosmetischen Makel zurückgebildet. Problematisiert wird sie noch immer. Das liegt maßgeblich an der zweiten Schicht, der finanziellen. Mit dem Schreckgespenst der Cellulite lässt sich viel Geld machen. Eine ganze Industrie hat sich um sie gebildet: Ob Cremes, Schwämme oder Bürsten, medizinische Eingriffe oder Massagen – die Therapiemaßnahmen sind mannigfaltig, Den Nachweis eines therapeutischen Effekts allerdings liefert keine davon.

          Verschwendetes Geld

          Mehr als drei Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr nach Zahlen des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel allein auf dem deutschen Markt mit Mitteln für Haut- und Gesichtspflege erwirtschaftet. Nach Ansicht des Marktanalyse-Unternehmens Future Market Insights aus London handelt es sich bei der Cellulite-Behandlung um eine schnell wachsende Branche, die sich mit dem wachsenden Anteil der fettleibigen Bevölkerung etabliert hat. Der Behandlungsmarkt gliedert sich demnach hauptsächlich in nichtinvasive und minimalinvasive Eingriffe sowie topische Eingriffe, für die ein Medikament lokal angewendet wird. Besonders die Nicht-Invasiven seien lukrativ. Bis Ende 2028 solle der Markt auf der Welt einen Wert von mehr als 1,9 Milliarden Dollar erreichen. Verschwendetes Geld: „Der Einsatz von Luffa-Schwamm und Laser gegen Cellulite bei Frauen ist genauso unsinnig wie Haarwässerchen gegen Glatze bei Männern“, sagt Mediziner Manuel Cornely.

          Die dritte Schicht, die bei weitem komplexeste, ist die kulturelle. Rossella Ghigi beschäftigte sich 2004 mit der Entstehung und Verbreitung der Idee der Cellulite als weiblichem Problem. Einst, so schreibt sie, sei Schönheit wenigen vorbehalten gewesen, die von der Natur gesegnet waren. Das habe sich im frühen 20. Jahrhundert geändert. Die aufkommenden Frauenmagazine und der Massenmarkt voller Verschönerungsangebote hätten die Schönheit „demokratisiert“. Mit Hilfe von Geld und Selbstdisziplinierung in Form von Diäten und sportlicher Betätigung sei Schönheit nun, so behaupteten es jedenfalls die Magazine, für jede Frau erreichbar.

          Die Cellulite als optischer Makel wird erstmals in französischen Frauenmagazinen aus den Zwanzigern erwähnt. Das ging nicht zufällig einher mit dem Eintritt der Frauen in die Erwerbstätigkeit. Die Cellulite habe damals dazu gedient zu beweisen, dass der Körper der Frau mit Vergiftungserscheinungen auf das urbane Leben reagiere und einfach nicht dafür gemacht sei.

          Im Magazin „Votre Beauté“ hieß es im Mai 1935, es handle sich bei der Cellulite um „degeneriertes Fleisch, das dem Urin mehr ähnelt als Blut oder Wasser“. Verursacht werde es, so das französische Frauenmagazin, von zu engen Gürteln, die die Blutzirkulation abdrückten. Auch wurde die Cellulite in ihren ersten Tagen oft am Hals und am Nacken lokalisiert, was Ghigi darauf zurückführt, dass dies die Körperteile der Frau waren, die am meisten zu sehen waren.

          In den sechziger Jahren wurde die Cellulite an den Beinen dann mit dem Aufkommen des Minirocks zum Thema. Die amerikanische „Vogue“ schrieb in ihrer April-Ausgabe 1968: „Cellulite. The new word for fat you couldn't lose before“. Immer dann, wenn ein solcher Artikel erschien, schreibt Ghigi, trudelten in kurzer Zeit Leserbriefe besorgter Frauen ein, die von der Plage, die zuvor keinen Namen gehabt hatte, aus erster Hand berichteten.

          Man könnte Cellulite also einfach als ein Phänomen des Schönheitswahns sehen, als eine Erfindung, die es heute in vielen Ausprägungen gibt. Noch vor wenigen Jahren wusste niemand, was ein Thigh Gap oder ein Toblerone-Tunnel ist – so werden bei Instagram Lücken zwischen den Oberschenkeln betitelt. Es war wohl besser so.

          Weitere Themen

          Traditionalist und Neuschöpfer zugleich

          Mr. Bean wird 30 : Traditionalist und Neuschöpfer zugleich

          Seit 30 Jahren ist Mr. Bean in Deutschland, und das Lachen vergeht uns einfach nicht. Wie konnte dieses erwachsene Kind in Schlips und Anzug zu einem so lange anhaltenden Erfolg werden?

          Topmeldungen

          Mann mit Mission: Kolumnist Reinhardt bei der Probe

          Wir kosten bei Aldi und Lidl : Wie gut sind Weine vom Discounter?

          Kann der was? Unser Weinkolumnist hat 35 Weine von Aldi und Lidl in der Preisspanne von 1,99 bis 14,99 Euro verkostet – und die ein oder andere Überraschung erlebt. Hier sein Befund.

          Tödlicher Schuss am Set : Regieassistent räumt Fehler ein

          Die Hinweise zu Verstößen gegen Waffenregeln bei den Dreharbeiten zu „Rust“ haben sich bestätigt. Und Nicolas Cage hat schon mal wütend ein Set verlassen – weil die Waffenmeisterin, die auch bei „Rust“ arbeitete, Fehlzündungen nicht verhindert hatte.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.