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Terrazzo als Trendmaterial : Aus der Antike in die Wohnzimmer der Influencer

Nachhaltiges Bauen: Mit dem Baustoff „Urban Terrazzo“ soll verhindert werden, dass kostbare Materialien unter dem Asphalt verschwinden. Bild: They Feed Off Buildings

Trends sind oftmals kurzlebig und haben mit Nachhaltigkeit nicht viel zu tun. Mit dem Terrazzo liegt jedoch nicht nur ein Material zeitloser Schönheit im Trend, sondern auch ein ressourcenschonender Baustoff — mit viel Zukunftspotenzial.

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          In den vergangenen Jahren war es der Marmor: Auf Wänden, Möbeln, und als Innendekoration erwachte der Liebling aus der Antike zu neuem Leben — das zeigte sich in Luxusküchen aus Designerhand genauso wie im Notizblock in Marmoroptik vom Discounter. Dass die Antike zeitlos schöne Klassiker hervorbrachte, stellt nun ein weiteres Gestein unter Beweis: der Terrazzo.

          Johanna Christner
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Auch das gesprenkelte Steinmuster blickt auf eine lange Historie zurück: In der Antike von den Römern und Griechen als edler Bodenbelag mondäner Villen verwendet, prägt er bis heute das Antlitz der Paläste und Sakralbauten Venedigs. In Italien wird dem Terrazzoverleger mit „Terrazziere“ gar eine eigene Berufsbezeichnung zuteil, während der Boden selbst auch als „Pavimento Veneziano“, Italienisch für „Venezianischer Boden“, bezeichnet wird. Der mit Gesteinssplittern vermengte Werkstoff aus Kalk oder Zement kehrte in den vierziger und fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zurück, zuhauf verlegt in Schalterhallen und Treppenhäusern Nachkriegsdeutschlands, das nicht an vielem reich war, aber doch an Schutt und Trümmern.

          Wird ein altes Gebäude abgerissen oder entkernt, fallen Unmengen solchen Bauschutts an, darunter auch Kostbarkeiten voller Historie.
          Wird ein altes Gebäude abgerissen oder entkernt, fallen Unmengen solchen Bauschutts an, darunter auch Kostbarkeiten voller Historie. : Bild: Hannes Wiedemann

          Bald geriet der gesprenkelte Boden jedoch wieder aus der Mode und wandelte sich überwiegend zum verstaubten Massenprodukt — bis ihm vor einigen Jahren der Weg von den Römern zu den Influencern geebnet wurde. 2014 war es zunächst Max Lamb, der aus vier verschiedenen italienischen Marmorarten und Polyester das rebellische Kind des traditionellen Terrazzos schuf: „Marmoreal“ ergab mit seinen größeren Marmorstücken in größeren Abständen zueinander ein grafisches, modernes Terrazzobild, mit dem der Designer in Paris eine ganze Boutique des Modelabels Maison Kitsuné verkleidete — dem gesprenkelten Influencer-Traum schlechthin.

          Im Jahr 2015 veredelte der preisgekrönte Regisseur Wes Anderson seine für die Fondazione Prada entworfene Bar Luce in Mailand mit bonbonrosanen Terrazzoböden, was sich schnell zu einer Pilgerstätte für Mode- und Designliebhaber mauserte. In Mailand war Terrazzo dann bald auch auf der Möbel- und Designmesse „Salone del Mobile“ allgegenwärtig – und wurde spätestens dort wieder salonfähig.

          Mittlerweile erlebt das Gestein in Konfetti-Optik eine neue Blütezeit: Als Bodenbelag aus gekonnter Hand unter Umständen recht kostspielig, wird es aktuell etwa durch Schneidebretter, Duschvorhänge und Kissen in Terrazzo-Optik einem breiten Publikum zugänglich. Was seinen Ursprung vorwiegend im Mittelmeerraum hat, wird nun vor allem mit dem skandinavischen Einrichtungsstil verbunden, der die farbigen Sprenkel meist mit nüchternen Cremetönen zu bändigen weiß.

          Langlebig und ästhetisch zugleich

          Aber zurück zum Baustoff: Einer der ältesten Funde, datiert auf die Zeit um 8000 v. Chr., wurde im Südosten der heutigen Türkei entdeckt — was die Langlebigkeit des Steinbelags unter Beweis stellt. Denn Terrazzo ist nicht nur schön und pflegeleicht, sondern entspricht – je nach Herstellungsart – auch dem zunehmenden Drang nach mehr Nachhaltigkeit. Durch seine Strapazierfähigkeit erfreut er über Jahre hinweg und kann mittels Abschleifens zu alter Frische aufpoliert werden. Viel mehr noch, wirkt starke Abnutzung auf den hochwertig hergestellten Terrazzoböden wie eine feine Pattina. Oft sind es zudem Reste von Marmor, Granit und Quarz, die mit Zement vermischt einen neuen Zweck finden. Wird etwa ein altes Gebäude abgerissen oder entkernt, fallen Unmengen solchen Bauschutts an.

          Luisa Rubisch (rechts) und Rasa Weber, Gründerinnen von They Feed Off Buildings
          Luisa Rubisch (rechts) und Rasa Weber, Gründerinnen von They Feed Off Buildings : Bild: Martin Diepold

          Vor allem Architekten und Designern blute das Herz, wenn Materialien wie alter Marmor, Granit oder alte Klinkerziegel erst auf Recyclinghöfen und schließlich im Straßenbau unter dem Asphalt verschwinden, sagt Rasa Weber. Gemeinsam mit Luisa Rubisch gründete sie vor einigen Jahren in Berlin das Design- und Architekturkollektiv „They Feed Off Buildings“, welches genau das verhindern will – und mit dem Baustoff „Urban Terrazzo“ eine Lösung für nachhaltiges Bauen fand. Das Team mit Hintergrund in Design, Architektur, Materialforschung, Film und Fotografie verwendet hierfür Überreste alter Gebäude, um neue Oberflächen zu kreieren. „Die Spuren alter Architektur wertschätzen, ihre Geschichten erzählen und aus Altem etwas Neues schaffen, das ist unser Ausgangspunkt“, sagt Rasa Weber.

          In der Praxis geht das Kollektiv hierfür zunächst in alten Gebäuden händisch auf Spurensuche und untersucht das anvisierte Gestein nicht nur auf visuelle, sondern auch auf statische Qualitäten. Erfüllen die Materialien den Anspruch, werden sie mit Beton eingegossen, eingefärbt und anschließend abgeschliffen. „Der Prozess ist kein anderer als der des traditionellen Terrazzo, nur sind bei uns die Körnungen größer“, sagt Weber. „Die Steine lassen wir bewusst groß, damit zu erkennen bleibt, was für Materialien verwendet wurden und woher sie kommen.“ Die Resonanz auf „Urban Terrazzo“ sei sehr positiv. Zu „They Feed Off Buildings“‘ Kunden zählen Architektur- und Designfirmen, aber auch Kulturinstitutionen: „Wir haben ein Projekt in Prag, wo wir ein altes Elektrizitätswerk in der Altstadt so umbauen, dass die alten Materialien im Innenausbau verarbeitet werden“, sagt Weber. „Ein neues Denkmal errichten, so nennen wir das.“

          Von aktuellen Terrazzo-Trends in Home-Kollektionen großer Bekleidungsketten will Weber weniger sprechen. „Trends gibt es immer, ob das nun Messing- oder Terrazzo-Accessoires sind“, sagt sie. Es handele sich dabei vorwiegend um Phänomene ästhetischen Ursprungs. „Das wird aber nicht den überzeitlichen Charakter beschreiben, den wir im Bauen benötigen.“ Vielmehr sei es ressourcenschonendes Bauen, das für Architekten und Designer zunehmend ins Bewusstsein rücke. Es gehe um kreislaufgerechte Gebäude, die auf Altmaterialien und zeitlose Klassiker setzen. Das Credo hierbei: Gebäude sollten keine Halbswertszeiten und Ablaufdaten haben. Was sie sich für das Material Terrazzo, aber auch für das nachhaltige Bauen wünsche, seien Lösungen, die mit Trends nicht beschrieben werden können – und „Urban Terrazzo“ sei da nur eine von vielen Möglichkeiten.

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