Durch die Hölle ins gelobte Land

Text und Fotos von TJERK BRÜHWILLER

9. Juni 2022 · Immer mehr Migranten aus Venezuela wollen in die USA. Doch es gibt nur einen Landweg nach Nordamerika. Der führt durch den tödlichen Dschungel zwischen Kolumbien und Panama.

Wilson Buñay weiß nicht, worauf er sich eingelassen hat. Zusammen mit seinen beiden neun und vier Jahre alten Söhnen sowie etlichen anderen Weggefährten besteigt der junge Venezolaner ein Schiff, das ihn auf die andere Seite des Golfes von Urabá im Nordwesten Kolumbiens bringt. Dort liegt der Darién, ein hügeliges Dschungelgebiet, das Südamerika vom Norden des Kontinents trennt und das so undurchdringlich ist, dass bis heute keine Straße hindurchführt. Mehrere Tage dauert der Marsch über schlammige Trampelpfade, bis man die ersten Siedlungen in Panama erreicht. Den Weg säumen Sümpfe und kreuzen kleine Flüsse, die sich nach jedem Regen in reißende Ströme verwandeln. Es ist heiß und schwül. Überall lauern Gefahren, drohen Angriffe wilder Tiere, oder man gerät in die Fänge bewaffneter Gruppen. Wer hier auf der Strecke bleibt, dem droht der Tod.

Buñay hat seine Habseligkeiten in zwei Plastiksäcke gestopft. Er trägt Turnschuhe, seine Söhne Crocks. Wie sie den tagelangen Marsch durchstehen wollen, bleibt ein Rätsel. „Wir sind bereit, alles zu riskieren“, sagt er tapfer. Er habe von vielen gehört, die es geschafft haben. Das muss reichen.

Wilson Buñay mit seinen beiden Söhnen.
Wilson Buñay mit seinen beiden Söhnen.

„Wir sind bereit, alles zu riskieren“
WILSON BUÑAY

Wie alle anderen Migranten auf dem Schiff will Buñay in die USA, das Land all seiner Hoffnungen. Bereits 2018 ist der junge Mann mit seiner Familie aus Venezuela weggezogen, so wie Millionen andere Venezolaner. Er hatte keine Arbeit mehr und wurde von kriminellen Banden bedroht. Er landete in Ecuador, schlug sich als Straßenverkäufer durch, doch dann kam die Pandemie und machte das Überleben noch schwieriger, als es ohnehin schon war. Die Ecuadorianer begegneten den Flüchtlingen zunehmend feindlich. Als sein Sohn auf der Straße angegriffen wird, weil er Süßigkeiten verkauft, packt die Familie ihre Siebensachen und macht sich auf den Weg in die kolumbianische Kleinstadt Necoclí. Hier beginnt eine der gefährlichsten Migrantenrouten des Kontinents, der einzige Landweg ins gelobte Nordamerika.

Die Route über Necoclí und durch den Darién war immer schon ein Schlupfloch. Schon lange machten sich hier Migranten aus aller Welt auf den Weg Richtung USA. Meistens kamen gut ausgerüstete junge Männer in kleinen Gruppen. Sie hatten die Reise mit der Hilfe von Schleppern organisiert und das nötige Geld, um alles zu bezahlen. Sie kamen in Necoclí an, blieben eine Nacht oder zwei, deckten sich mit Proviant ein und zogen dann weiter.

Doch dann wurden es immer mehr. Im vergangenen Jahr wurde die Ortschaft hauptsächlich von haitianischen Migranten überflutet. Tausende Haitianer stauten sich in der Kleinstadt. Die meisten hatten zuvor in anderen Ländern der Region gelebt und ihre bescheidenen Existenzen im Zuge der Pandemie verloren. Als sich die Reiserestriktionen lockerten, zogen sie los Richtung Norden. Hilfsorganisationen richteten sich in Necoclí ein. Plötzlich war die Route in aller Munde.

Eine Schwangere aus Venezuela am Strand von Necoclí.
Eine Schwangere aus Venezuela am Strand von Necoclí.

Immer mehr Migranten suchen den gefährlichen Weg durch den Darién, besonders Venezolaner. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zahl der Migranten auf der Route fast verdreifacht. Monatlich zählen die panamaischen Behörden über 4000 Migranten, die von Süden her ins Land marschieren, Tendenz steigend.

Es gibt allerdings keine Zahlen darüber, wie viele auf dem Weg durch den Dschungel verschwinden. Was den Behörden Sorgen bereitet: Bei rund einem Sechstel handelt es sich um Minderjährige. Auch die Zahl der Frauen ist gestiegen, nicht wenige von ihnen sind schwanger.

Necoclí hat sich von einem Touristenort in eine Drehscheibe der Migration verwandelt. Touristen zieht die Ortschaft kaum noch an. Das hat auch damit zu tun, dass die Region mitten im Einflussgebiet des berüchtigten Golf-Clans liegt, deren Einnahmequellen Drogenhandel und Schutzgelderpressungen sind. Die Hotels werden unterdessen von den Migranten genutzt, die hier eine Nacht lang rasten. Das Gewerbe hat sich angepasst. Die Stände an der Promenade bieten nun weniger Strohhüte und Sonnencreme feil, dafür mehr Gummistiefel, Taschenlampen, Hängematten und Moskitonetze. Mittendrin im Gewühl halten die Geldwechsler Ausschau nach Kunden.

Hier kann man schon mal Dollar wechseln.
Hier kann man schon mal Dollar wechseln.

Auch das Geschäft von Fredy Marín hat sich komplett verändert. Es läuft besser als je zuvor. Ihm gehört einer der beiden Bootsbetriebe in der Stadt. Einst brachte er mit seinem Boot Touristen zu den Stränden auf die andere Seite des Golfes von Urabá. Heute werden die Plätze auf seinem Schiff ausschließlich von Migranten gebucht. 140 Leute fährt Marín jeden Tag auf die andere Seite. Die meisten seien Venezolaner, oftmals mit Kindern. „Klar, wir machen ein Geschäft damit“, sagt Marín. „Trotzdem ist es schwierig, das jeden Tag zu sehen und zu wissen, was die auf sich nehmen, besonders die Familien mit Kindern und Schwangeren.“

Die Gewerbetreibenden und auch die lokalen Behörden haben nichts gegen die Migranten, solange sie Geld ausgeben. Auf die vielen mittellosen Venezolaner, die hier stranden, sind sie weniger gut zu sprechen. Zu ihnen zählen Saray Alvarado und ihre Weggefährten. Die Gruppe aus Venezuela sitzt am Strand von Necoclí. Auf den Fischerbooten haben sie ihre wenigen Habseligkeiten, die der nächtliche Regen durchnässt hat, zum Trocknen ausgebreitet. Im Schatten der Palmen schläft eines der Kinder. Ein anderes liegt fiebrig in einem alten Kinderwagen. Die Älteren baden im Meer.

Anstatt Sonnencreme und Strohhüte werden am Strand von Necoclí Taschenlampen, Hängematten und Moskitonetze zum Verkauf angeboten
Anstatt Sonnencreme und Strohhüte werden am Strand von Necoclí Taschenlampen, Hängematten und Moskitonetze zum Verkauf angeboten

Alle sind gezeichnet von den Strapazen der vergangenen Wochen. Vor über einem Monat ist die 27 Jahre alte Alvarado mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aus ihrer Heimat fortgegangen. In Venezuela gebe es keine Arbeit, sagt sie. Und wenn man eine finde, reiche das Einkommen nicht aus, um über die Runden zu kommen. „Man verdient bestenfalls zehn Dollar pro Woche, doch ein Liter Öl kostet vier Dollar, ein Kilo Maismehl zwei“, rechnet sie vor. „Ich habe zwei Kinder und ein Baby, die ich ernähren muss.“

Auf der Suche nach einem besseren Leben machte die Familie sich auf den Weg Richtung Kolumbien. Von Dorf zu Dorf marschierte sie bis nach Medellín und von dort aus weiter bis nach Necoclí. Von hier aus gibt es keine Straße mehr, die sie weiterbringt. Deshalb ist sie hier mit anderen gestrandet, die kein Geld für die 50 Dollar teure Überfahrt mit dem Schiff haben. Das wenige Ersparte mussten sie für ein Hotelzimmer ausgeben, als ihr Kind krank war. Seit zwanzig Tagen hängt die Gruppe in Necoclí fest. Eine der Frauen ist im siebten Monat schwanger. Dennoch sind alle fest davon überzeugt, bald überzusetzen, um den Darién zu durchqueren. Sie habe schon etwas Angst, sagt Alvarado. Doch sie habe gehört, dass die Route heute einfacher sei als noch vor zwei Jahren.

Saray Alvarado (27, Bildmitte) mit ihrem Mann und anderen Weggefährten aus Venezuela. Sie sind in der kolumbianischen Ortschaft Necoclí gestrandet, weil sie kein Geld für die überfahrt mit dem Boot haben, um ihre Reise nach Nordamerika fortzusetzen.
Saray Alvarado (27, Bildmitte) mit ihrem Mann und anderen Weggefährten aus Venezuela. Sie sind in der kolumbianischen Ortschaft Necoclí gestrandet, weil sie kein Geld für die Überfahrt mit dem Boot haben, um ihre Reise nach Nordamerika fortzusetzen.

Die politische und wirtschaftliche Krise in Venezuela hat in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Exodus geführt. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen haben in den letzten sechs Jahren mehr als sechs Millionen Venezolaner ihr Land verlassen, mehr als fünf Millionen von ihnen sind in verschiedenen Ländern Lateinamerikas gelandet. Länder wie Kolumbien, Ecuador und Peru sind mit dem Ansturm überfordert, auch dort gibt es seit der Pandemie immer mehr Armut – und in der Folge Feindseligkeit gegenüber den Ankömmlingen aus Venezuela. Viele Venezolaner suchen nun ihr Glück in den USA, wie die Zahlen der amerikanischen Grenzbehörden belegen. Viele von ihnen werden zwar schon in Mexiko aufgehalten, doch das hält die anderen nicht ab. Geblendet vom amerikanischen Traum und den Erfolgsgeschichten jener, die es geschafft haben, riskieren immer mehr den Weg durch den Darién.

Den Hilfsorganisationen bereitet das Kopfzerbrechen. Ein Mitarbeiter der regionalen Diözese, die in Necoclí mit dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge zusammenarbeitet, erzählt, dass die meisten Venezolaner sehr wenig Ahnung von der Route haben und sich der Gefahren nicht bewusst seien. „Auf diesem Weg hilft einem keiner, niemand wartet, wenn jemand nicht mehr weiterkann.“ Während beispielsweise die Haitianer meist sehr gut ausgerüstet und vorbereitet seien, fehle es den Venezolanern in der Regel an den einfachsten Dingen wie etwa guten Schuhen. Hinzu komme, dass viele von ihnen kaum Geld haben. Das mache sie sehr anfällig für jede Form von Ausbeutung bis hin zur Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen in der Region.

Die Venezolanerin Jenny Cordoba (37) mit ihrer 61 Jahre alten uns fast erblindeten Mutter. Auch sie wollen durch den Darién Dschungel. Jennys Bruder hat es bereits geschafft und befindet sich in Texas.
Die Venezolanerin Jenny Cordoba (37) mit ihrer 61 Jahre alten uns fast erblindeten Mutter. Auch sie wollen durch den Darién Dschungel. Jennys Bruder hat es bereits geschafft und befindet sich in Texas.

María Camila Silva, Psychologin einer von der Internationalen Organisation für Migration finanzierten Krankenstation, bestätigt die Einschätzung und verweist auf den oftmals sehr schwachen körperlichen und psychischen Zustand der venezolanischen Migranten. Viele haben lange Fußmärsche hinter sich und seien schlecht ernährt, sagt sie. „Sie blenden die Risiken aus und werden von einem unerschütterlichen Gottvertrauen getrieben. Sie lassen sich nicht aufhalten, selbst Schwangere nicht.“

Wilson Buñay begibt sich mit seinen Söhnen auf die Reise ins gelobte Land.
Wilson Buñay begibt sich mit seinen Söhnen auf die Reise ins gelobte Land.

Und so wartet auch an diesem Morgen bereits in aller Frühe wieder eine große Menschentraube am Steg, von dem die Fähre von Fredy Marín ablegt. Männer, Frauen, Kinder stehen am schlammigen Ufer unter Zeltdächern und verstauen eilig die letzten Sachen in ihren Säcken. Einige kennen sich, haben sich auf dem Weg Richtung Necoclí kennengelernt, sprechen einander Mut zu. Andere sind völlig auf sich allein gestellt. Dann rufen die Bootsbetreiber die Passagiere zusammen, verteilen Schwimmwesten. Auf der Fähre von Fredy Marín ertönt Musik, als ob das alles eine kleine Urlaubsbootstour sei.

Mittendrin sitzt Wilson Buñay mit seinen Söhnen. Die Angst steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Eine Frau, die mit ihren Kindern und ihrer sehbehinderten Mutter unterwegs ist, berichtet noch von ihrem Bruder, der bereits in Texas ist und ihr erstmals Geld schicken konnte. Doch der amerikanische Traum ist noch weit weg. Der Weg beginnt in der Hölle des Darién auf der anderen Seite des Golfes.


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