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Influencerin Chiara Ferragni : Wenn Narzissten Kinder kriegen

Sie ist die mächtigste Mode-Influencerin der Welt: Chiara Ferragni. Bild: AFP

Was macht eigentlich ein Influencer, wenn er alt ist? Nicht viel. Lieber reproduziert man sich vorher, um den Nachwuchs die Instagram-Arbeit machen zu lassen, wenn man selbst nicht mehr kann.

          Was braucht eine Influencerin, um glücklich zu sein? Viele schöne Accessoires. Die lassen sich tragen und in erster Linie lassen sie sich vermarkten. Und was ist wohl das schönste Accessoire von allen? Selbstredend der passende Mann. Tätowiert darf er sein, muskulös, gerne mit vollem Haar und halbem Bart. Und genau solch ein Prachtexemplar hat sich Chiara Ferragni, die Influencerin schlechthin, angelacht.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Ferragni selbst ist bekannt geworden als der “blonde Salat”. Die gebürtige Italienerin betreibt seit neun Jahren einen höchst erfolgreichen Fashion-Blog mit Namen “The Blonde Salad”, auf Instagram hat sie über zwölf Millionen Follower. 2017 kürte das Forbes-Magazin sie zur mächtigsten Modeinfluencerin des Jahres. Ferragni hat nicht nur ein Händchen für Mode, die sie in sozialen Medien und in ihrem Blog stilsicher zeigt, sie ist obendrein bildhübsch und eignet sich – neben all den schönen und oft sehr teuren Accessoires, mit denen sie sich behängt – selbst als bestes Geschäftsmodell. Das nutzt die Influencerin geschickt aus. Marken wie Guess buchten sie als Modell, für Schuhhersteller Steve Madden designte sie eine Kollektion, für Pantene wurde sie Marken-Botschafterin.

          Dabei inszeniert sie via Instagram ihr Privatleben genauso kunstvoll, wie sie Modetrends auf ihrem Blog in Szene setzt: Im Mittelpunkt ist stets Ferragni selbst, die einen tollen Look präsentiert und dabei gern noch das ein oder andere Markenprodukt mit ins Bild nimmt. Und jetzt eben auch noch mehr Eyecandy in Form ihres ihr noch nicht ganz Angetrauten. Ihr Verlobter, der italienische Rapper Fedez, ist glücklicherweise genauso wenig kamerascheu wie seine Liebste und post ausgiebig, gern auch mit nacktem Oberkörper, sämtliche geschmacklose Rockstar-Tattoos zur Schau stellend, neben dem blonden Salat.

          Er ließ sich nicht lumpen, als es hieß, seiner medien- und aufmerksamkeitsliebenden Frau den passenden Heiratsantrag zu machen. Er lud sie und 30 ihrer Freunde zu einem seiner Konzerte als Ehrengäste ein, holte schließlich seinen Salat auf die Bühne, um ihm so öffentlich wie möglich die Frage aller Fragen zu stellen: Lieber Salat, willst du mit mir für immer einen Instagram-Account teilen? Ferragnis Begeisterung war überbordend, vielleicht auch angesichts der Tatsache, dass das ganze Event zusätzlich im italienischen Fernsehen (natürlich auf RTL) und Radio live übertragen wurde. Ein größeres Publikum hätte Fedez wohl nur über den Instagram-Account seiner Zukünftigen erreichen können.

          Da sieht man es mal wieder: Gemeinsamkeiten sind wichtig in einer Beziehung. Hier eint die beiden die Affinität zu Insta-Fame und Reichtum. Da dieser Ruhm jedoch, wie der Name schon sagt, nur instant ist, also genauso vergänglich wie das bis zur Perfektion inszenierte Leben der beiden Turtler, haben sie sich etwas Schlaues überlegt: Sie reproduzieren sich und ihre Fabelhaftigkeit. Und das natürlich so öffentlich wie möglich.

          Seit Ferragni schwanger geworden ist, postete sie also neben verruchten Unterwäschebildern aus unschwangeren Zeiten mit mindestens genauso viel Hingabe Bilder ihres sich natürlich in perfekter Wölbung rundenden Bäuchleins, in dem ihr kleines Mini-Me heranwuchs. Besonders beliebtes Motiv dabei: der stolze Papa küsst den Babybauch. Das macht er nicht nur gerne oben ohne, sondern wie es scheint  auch überdurchschnittlich oft.

          Am Dienstag war es dann soweit: Der blonde Salat, millionenschwere Influencerin, und ihr Lieblingsaccessoire bekamen Nachwuchs. Einen Sohn. Leo. Und das genießen sie in aller Öffentlichkeit. Von Erschöpfungstränen während der Geburt (selbst da krallen sich noch Ferragnis makellos lackierte, blutrote Fingernägel in den Vordergrund) bis hin zur glückseligen Erschöpfung danach, wenn Papa, Mini-Me und Salat ihre ersten Stunden zu dritt verbringen, wird hier alles dokumentiert.

          Das ist insofern für den kleinen Leo vorteilhaft, als dass seine Eltern den Sohnemann direkt vertraut machen mit den Praktiken im Hause Ferragni: Kein Frühstück ohne Schminke, kein Outfit ohne Instagram-Post. Und sie sorgen natürlich auch vor. Ihr Kind soll es mal viel besser haben als sie selbst, die sich in Selfmade-Manier hochknipsen mussten. Leo wird dieses Talent und die passende Öffentlichkeit gleich in die Wiege gelegt.

          Eigentlich möchte man ja meinen, dass solche ich-fixierten Menschen in diesem Moment von ihrem Selbst abrücken, sich auf den Sprössling konzentrieren und vielleicht sogar ein bisschen selbstloser werden. In Wahrheit ist jedoch die eigene Reproduktion, die Erschaffung eines kleinen Ichs, die eigentlich narzisstische Handlung: Die beiden schlachten also schon jetzt ihr Kind aus – denn das ist schließlich nur eine weitere fabelhafte Variante ihrer selbst.

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