Die Rückkehr des Sommersmogs
Ende der Neunzigerjahre warnten die Nachrichten im Sommer fast täglich vor Sommersmog: Empfindliche Menschen sollten sich nachmittags nicht draußen aufhalten, Kinder nicht im Freien spielen, von Sport an der frischen Luft wurde abgeraten. Hauptbestandteil dieses Smogs war Ozon, ein farbloses Gas, das beim Einatmen die Schleimhäute reizt und die Lunge schädigt. Fachleute, Politiker und Medien diskutierten damals heiß über den Sinn und Unsinn von Fahrverboten, Tempolimits und sonstigen Maßnahmen, um die Schadstoffmengen in der Luft zu senken. Seitdem ist es still geworden um das bodennahe Ozon.
Es ist aber nicht weg, im Gegenteil. Die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Ozon hat im letzten Jahr keine der 260 Messstationen in Deutschland eingehalten: An allen lag der Acht-Stunden-Mittelwert dauerhaft über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Bleiben erhöhte Konzentrationen nur kurz, sollten sie laut WHO 100 Mikrogramm pro Kubikmeter nicht überschreiten.
Grenzwerte für Ozon gibt es in Deutschland nicht, nur Informationsschwellen. Bei 180 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft müssen die Behörden die Öffentlichkeit informieren, damit empfindliche Gruppen wie kleine Kinder oder Menschen mit Asthma oder anderen Atemwegserkrankungen geschützt werden können. Bei mehr als 240 Mikrogramm pro Kubikmeter, der sogenannten Alarmschwelle, wird generell vor körperlichen Aktivitäten im Freien gewarnt. Als Langfristziel gelten hierzulande 120 Mikrogramm pro Kubikmeter, die nicht überschritten werden sollen.
Ozon unterscheidet sich grundlegend von anderen Luftschadstoffen wie Stickoxiden, Rußpartikeln, Kohlenmonoxid oder Schwefeldioxid. Zum einen hat es zwei Gesichter: Es schützt das Leben auf der Erde, weil es in der Stratosphäre in etwa 26 Kilometer Höhe energiereiche UV-Strahlung absorbiert und so von der Erdoberfläche fernhält. Aber das Gas ist giftig, denn das Molekül aus drei Sauerstoffatomen ist extrem reaktiv, der stechende, chlorähnliche Geruch des Ozons ist manchmal schon bei sehr geringen Konzentrationen von etwa 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wahrnehmbar.
Zum anderen sind die Quellen für Ozon diffus und lassen sich nicht einfach abschalten wie Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid. Diese beiden Luftschadstoffe, die in den Neunzigerjahren noch zum Sommersmog beitrugen, sind heute bedeutungslos, weil Kohlekraftwerke stillgelegt, Verbrennungsprozesse optimiert oder Feuerungsanlagen mit Rauchgasentschwefelung ausgestattet wurden. Aber Ozon kommt nicht aus dem Auspuff von Autos oder aus Fabrikschornsteinen. Sondern es entsteht in der Atmosphäre durch Kaskaden chemischer Reaktionen aus Vorläufersubstanzen, und zwar nur unter dem Einfluss von Sonnenlicht. Die Vorläufersubstanzen sind Stickoxide, die bei Verbrennungsprozessen in Motoren oder Heizungen entstehen, und flüchtige Kohlenwasserstoffe, VOC genannt. VOC entweichen aus Benzin, Lacken oder Reinigungsmitteln, aber auch aus Pflanzen: Wälder sind eine Quelle für VOC, denn Bäume emittieren besonders unter Trockenstress und bei Hitze sogenannte Isoprenoide, Duftstoffe, die ebenfalls zur Ozonbildung in Bodennähe beitragen. Deshalb gehen warme und sonnige Sommertage mit wenig Wind und geringer Luftfeuchtigkeit mit besonders hohen Ozonkonzentrationen einher. Paradoxerweise sind bei Ozon die Konzentrationen in ländlichen Gegenden stets höher als in Städten. Denn dort tragen Schadstoffe, vor allem aus dem Straßenverkehr, dazu bei, dass Ozon schnell wieder abgebaut wird.
Bis zum Jahr 2000 war es gelungen, den starken Anstieg der Ozonkonzentrationen in der Luft der Vorjahre zu bremsen: Die Abgasvorschriften für Kraftfahrzeuge wurden in der EU strenger, die Menge der Autos, die ohne geregelte Katalysatoren auf den Straßen unterwegs waren, nahm ab. Tankstellen wurden so umgerüstet, dass weniger Benzindampf entweichen konnte, Druckereien setzten verstärkt wasserbasierte Farben ein, Metall verarbeitende Betriebe und Lackierereien mussten ihre Absauganlagen aufrüsten.
Aber seitdem stagnieren die Ozonkonzentrationen in der Luft oder steigen in einigen Gebieten sogar an. In heißen und trockenen Jahren zeigen die Messstationen der Bundesländer wieder besonders viele Tage mit hohen Ozonwerten an. So ragt das Jahr 2003 mit über 40 Tagen über der Informationsschwelle von 180 Mikrogramm pro Kubikmeter heraus. Im heißesten Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, im Jahr 2018, überschritten mehr als 40 Tage das Langfristziel von 120 Kubikmetern. Projektionen sagen vorher, dass durch den Klimawandel die Tage mit hohen Ozonwerten weiter zunehmen werden.
Doch nicht nur die menschliche Gesundheit leidet unter den Werten. Ozon schädigt auch die Vegetation. Denn Pflanzen nehmen Ozon über ihre Blätter auf, die sich ab einer bestimmten Menge verfärben und dann absterben. Die Pflanzen wachsen schlechter und werden empfindlicher gegenüber anderen Stressfaktoren wie Trockenheit oder Schadpilzen. In Phasen intensiven Wachstums reagieren Pflanzen besonders empfindlich auf Ozon. Besonders anfällig sind unter anderem Weizen, Reis, Bohnen, Tomaten und Kartoffeln. Die Ernteverluste bei den Kartoffeln summierten sich im Jahr 2022 nach einem heißen Sommer auf 196 Millionen Euro. Die kritischen Mengen an Ozon für Pflanzen werden in Deutschland seit Jahren überschritten, gibt das Umweltbundesamt an.
Langfristig werden sich die Ozonkonzentrationen in der Luft nur senken lassen, wenn weniger Vorläufersubstanzen emittiert werden, vor allem weniger Stickoxide, heißt: weniger Verbrennungsprozesse in Autos, Heizungen und Industrie.


