Ein hibbeliger Junge, impulsiv und unkonzentriert – so stellen sich viele ADHS vor. Lange hieß es, Jungen seien in Deutschland viermal so häufig von der Störung betroffen wie Mädchen. Doch das stimmt nicht. Die Krankheit wurde bei Mädchen schlichtweg übersehen. Sie äußert sich bei ihnen anders. Mädchen zeigen weniger offensichtliche oder sozial störende Verhaltensweisen. Die Folge: Eine Diagnose bekommen Mädchen im Schnitt sechs Jahre später als Jungen. Bis dahin leiden sie mitunter unbemerkt.
Diese späte Diagnose von ADHS bei Mädchen steht beispielhaft für den Gender-Bias in der Medizin, also eine Schieflage zwischen den Geschlechtern. Es handelt sich nicht um ein individuelles Versäumnis, sondern um die Konsequenz eines Systems, in dem der weibliche Körper lange Zeit vernachlässigt wurde – in Lehrbüchern, Forschung und Finanzierung.
Hier beginnt das Ungleichgewicht. Bevor Forschung stattfinden kann, muss sie finanziert werden: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sammeln dafür Mittel ein, sei es bei der öffentlichen Forschungsförderung oder bei privaten Unternehmen wie Pharmakonzernen. Somit entscheidet das Geld auch darüber, welche Krankheit überhaupt erforscht wird und welche Fragen gestellt werden.
Eine Studie aus den Vereinigten Staaten, erschienen in der Fachzeitschrift „Journal of Women’s Health“, hat untersucht, wie Fördermittel auf Studien zu Krankheiten verteilt sind, die überwiegend Frauen oder überwiegend Männer betreffen. Das Ergebnis: Erkrankungen, die tendenziell eher Frauen betreffen, sind gemessen an ihrer Krankheitslast unterfinanziert.
Die Zahlen kommen von der US-Forschungsbehörde National Institutes of Health. Deren Fördergelder können auch international beantragt werden. Erkenntnisse aus den Studien kommen der globalen Forschungsgemeinschaft zugute. Die Krankheitslast ist in Deutschland zwar insgesamt geringer, die Rangfolge der belastendsten Erkrankungen deckt sich aber zum Großteil mit den Ergebnissen der Studie.
Auch andere Arbeiten kommen zu dem Befund, dass sich Forschungsförderung nur begrenzt an der Krankheitslast orientiert, wobei eine strikte Ausrichtung daran seltene Krankheiten zusätzlich benachteiligen könnte.
Die NIH gelten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit als zentraler Geldgeber. 89 Prozent der Förderung für biomedizinische Forschung im Jahr 2023 kamen von der Behörde. In den vergangenen drei Jahren vergaben die NIH jährlich Forschungsstipendien in Höhe von rund 37 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Das EU-Programm „Horizon Europe“ umfasst für die Jahre 2021 bis 2027 insgesamt 93,5 Milliarden Euro, davon flossen bislang 5,3 Milliarden Euro in Gesundheitsforschung. Um von „Horizon Europe“ gefördert zu werden, muss ein Forschungsprojekt die Geschlechterdimension berücksichtigen. Im Rahmen dieses Programms und des Vorgängers „Horizon 2020“ seien außerdem mehr als zwei Milliarden Euro in Projekte investiert worden, die sich auf die Gesundheit von Frauen konzentrieren, heißt es vonseiten der Europäischen Kommission.
Die Schieflage in der Forschungsfinanzierung setzt sich inhaltlich in den Studien fort. Dahinter stand lange die irrige Annahme, Ergebnisse aus Studien an Männern ließen sich ohne Weiteres auf Frauen übertragen – und weibliche Tiere seien wegen des Zyklus „zu variabel“. Die Folge davon zeigte sich in präklinischen Studien, also bei Tierversuchen, die in der Regel die Grundlagen für Tests am Menschen darstellen. In vielen Versuchsprotokollen präklinischer Studien fehlten weibliche Organismen.
Eine Auswertung der University of California in Berkeley und der University of Chicago zeigt: In der präklinischen Forschung wurde das Geschlecht von Versuchstieren über Jahrzehnte oft gar nicht angegeben – besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zwar ist der Anteil von Studien ohne Geschlechtsangabe inzwischen stark gesunken. Gleichzeitig nahm jedoch der Anteil von Arbeiten zu, die ausschließlich männliche Tiere untersuchten. Das wirkt sich bis heute auf die Qualität der medizinischen Versorgung von Frauen aus.
Seit 2016 verpflichten die NIH Forscherinnen und Forscher, das Geschlecht als biologische Variable in Förderanträgen zu berücksichtigen. Drei Jahre später wurden zwar häufiger beide Geschlechter einbezogen, doch oft ohne getrennte Auswertung. Die Forscher aus Berkeley und Chicago sprechen von einer „verpassten Chance“: Mehr weibliche Tiere im Experiment führten bislang nicht automatisch zu mehr Erkenntnissen über weibliche Biologie. Sie fordern, Daten nicht länger zusammenzufassen, sondern geschlechtsspezifische Unterschiede systematisch zu prüfen und zu dokumentieren.
Vor allem ältere Frauen werden von klinischen Studien ausgeschlossen
Das Muster aus der präklinischen Forschung setzt sich in der klinischen Forschung fort. Nach dem Contergan-Skandal wurden Frauen lange Zeit aus klinischen Studien ausgeschlossen, aus Sorge vor Schäden für Schwangere und ungeborene Kinder. Heute gilt das nicht mehr: In Deutschland schreibt das Arzneimittelgesetz seit 2004 vor, dass Frauen in Studien entsprechend ihrem Anteil an der jeweiligen Erkrankung vertreten sein sollen.
Trotzdem bleiben sie in vielen Bereichen unterrepräsentiert – auch in randomisierten Kontrollstudien (RCT), dem „Goldstandard“ für Wirksamkeitsnachweise von Behandlungen, wie eine israelische Studie im medizinischen Fachjournal „Trials“ feststellt. Nur bei Immunerkrankungen lag die mittlere Teilnahmequote von Frauen bei 68 Prozent, was angesichts der größeren Anzahl von Frauen mit Autoimmunerkrankungen angemessen ist. In allen anderen untersuchten Krankheitsgruppen betrug die Quote weiblicher Probandinnen weniger als 50 Prozent. Am niedrigsten (22 Prozent) war sie in Studien zur ischämischen Herzerkrankung.
Hinzu kommt ein Alterseffekt: Je älter Frauen sind, desto seltener werden sie als Probandinnen eingeschlossen – obwohl sie einen großen Teil der Behandelten ausmachen. Auch andere Arbeiten kommen zu einem ähnlichen Befund: Frauen sind gemessen an ihrem Krankheitsanteil häufig unterrepräsentiert, und Ergebnisse werden zu selten getrennt nach Geschlecht ausgewertet. Das könne dazu führen, dass „klinisch bedeutsame Unterschiede in der Wirksamkeit oder Sicherheit verwässert oder gänzlich übersehen werden“, warnt die Erstautorin der „Trials“-Studie, Vered Daitch.
Es lohne sich, die Unterschiede zu erheben, selbst wenn sie in Einzelstudien nur begrenzt statistisch absicherbar sind, findet auch Gertraud Stadler, Leiterin der Arbeitseinheit „Gender in Medicine“ an der Charité in Berlin. In Metastudien könne man dann auf diese geschlechtsspezifischen Ergebnisse zurückgreifen und besser gesicherte Aussagen zum Beispiel über einen Behandlungsnachteil für Frauen treffen.
Die Vernachlässigung weiblicher Biologie in Studiendesigns und die Unterfinanzierung frauendominierter Krankheiten hat konkrete Folgen: Frauen werden mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen und schlechter medizinisch versorgt. Bei Endometriose vergehen vom Auftreten erster Symptome bis zur Diagnose im Schnitt elf Jahre, fanden italienische Forscher heraus. Innerhalb von fünf Jahren sollte die Erkrankung laut deutschen Wissenschaftlerinnen aber erkannt werden, um „ungünstige Verläufe“ zu verhindern.
Bei knapp 1000 Krankheiten erkannten die Autoren der „Nature Communications“-Studie einen Unterschied im Diagnosezeitpunkt zwischen den Geschlechtern. In 770 davon wurden Frauen später diagnostiziert – im Mittel um vier Jahre. Die komplette Patientenversorgung verlief unterschiedlich und zeitlich versetzt. Die Unterschiede ergeben sich aus unterschiedlichen Zeitpunkten einer Erkrankung, aber auch aus verspäteten Diagnosen. In 72 Prozent der Fälle war die Zeitspanne von den ersten Symptomen bis zur Diagnose bei Frauen länger.
Grundlage der Studie sind Gesundheitsdaten der dänischen Bevölkerung aus mehr als zwei Jahrzehnten. Die Forscher analysierten das Auftreten von Krankheiten und die Multimorbidität, also das gleichzeitige Vorliegen mehrerer Krankheiten sowie den Verlauf der Versorgung von 6,9 Millionen Frauen und Männer.
Eine Studie aus den Vereinigten Staaten kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Bei den meisten der 112 untersuchten akuten und chronischen Erkrankungen dauerte es bei Frauen ab dem Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose länger als bei Männern. Das galt selbst dann, wenn nur Symptome berücksichtigt wurden, die bei beiden Geschlechtern auftreten. Die Analyse legt nahe, dass Krankheitssymptome bei Frauen und Männern unterschiedlich gemessen oder gewichtet werden. Auch bei seltenen Krankheiten zeigen Daten der europäischen Organisation für seltene Krankheiten einen Diagnoseverzug: Frauen warten im Schnitt 1,7 Jahre länger als Männer.
Das „One size fits all“-Prinzip, also die einheitliche Behandlung für alle, habe vor allem für Frauen Nachteile, sagt Stadler, die auch eine Professur für geschlechtersensible Präventionsforschung an der Charité innehat. Es gebe aber auch Krankheiten, in denen es zum Nachteil für Männer wird – bei Depressionen zum Beispiel, die sich bei Männern anders äußern und deswegen seltener erkannt und behandelt würden. Oder bei Osteoporose, einer Krankheit die mit der Frau nach der Menopause assoziiert wird. Männer würden oft erst nach einem Knochenbruch diagnostiziert werden, erzählt sie.
Frauen haben mehr Nebenwirkungen durch Medikamente
„Viele Medikamente, die jetzt in der Verwendung sind, wurden in einer Zeit entwickelt und getestet, in der Frauen von klinischen Studien in der Medikamentenforschung ausgeschlossen waren. Das ist ein Grund, warum Frauen höhere Nebenwirkungen haben“, erläutert die Forscherin.
Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur in Symptomen und Krankheitsverläufen, sondern teils auch in der Wirkung und Verträglichkeit von Medikamenten. Das kann man leicht übersehen, wenn Ergebnisse nicht getrennt nach Geschlecht ausgewertet werden.
Der weibliche Körper baut manche Wirkstoffe langsamer ab, etwa durch Unterschiede in Hormon- und Enzymaktivität. Die Stoffe verbleiben dadurch länger im Organismus. Zudem erhalten Frauen bei standardisierten Dosierungen wegen ihres im Schnitt geringeren Körpergewichts relativ gesehen oft eine höhere Dosis. Beides kann Nebenwirkungen verstärken. Studien haben das lange nur unzureichend erfasst; inzwischen sollen Vorgaben eine angemessenere Berücksichtigung beider Geschlechter sichern.
Die Rückrufdaten verdeutlichen die Dimension: Zwischen 1980 und 2023 waren weltweite Medikamentenrückrufe 3,6-mal häufiger auf Nebenwirkungen bei Frauen zurückzuführen als bei Männern. Nebenwirkungen bei Frauen machten fast ein Drittel aller Rückrufe aus; geschlechtsunspezifische Risiken ebenfalls fast ein Drittel. Unerwünschte Effekte bei Männern waren in acht Prozent der Fälle ausschlaggebend, in 34 Prozent fehlten ausreichende Angaben.
In der Medizin ist die Gleichbehandlung ausnahmsweise ungewollt, denn Frauen sind nicht einfach nur „kleine Männer“, sagte bereits die Autorin und Ernährungswissenschaftlerin Stacy Sims. „Quer durch die Medizin gibt es Geschlechteraspekte zu berücksichtigen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir jetzt mehr dazu forschen“, fordert Stadler. Andere Länder seien weiter: In Kanada würden bei öffentlich finanzierten Studien die Hauptergebnisse nach Geschlecht getrennt berichtet – ein vergleichsweise einfacher und kostengünstiger Weg, Evidenz aufzubauen. Je nach Fragestellung sollten zudem weitere relevante Faktoren wie Alter oder Gewicht systematisch berücksichtigt werden, findet sie.
Dass Frauen häufig später erkranken und öfter mehrere Diagnosen haben, macht die Rekrutierung geeigneter Probandinnen in klinischen Studien aufwendiger. „Insofern ist es teurer, eine Frau in eine Studie einzuschließen“, sagt Stadler. Das müsse aber nicht so bleiben. Eine bessere Datengrundlage – etwa über die elektronische Patientenakte und andere Verfahren, um geeignete Patientinnen zu identifizieren und einzuladen – wäre aus ihrer Sicht ein „riesiger Fortschritt“. Im März hat das Bundeskabinett den Entwurf für das Medizinregistergesetz beschlossen. Damit sollen Gesundheitsdaten der mehr als 400 Register künftig verknüpft und besser für die Forschung und Versorgung nutzbar gemacht werden.
Auch Algorithmen und Künstliche Intelligenz halten Einzug in Diagnostik, Therapie und Versorgung. Sie können helfen, große Datenmengen auszuwerten und Behandlungen zu personalisieren. Werden Systeme jedoch mit Daten trainiert, die vor allem männliche Verläufe abbilden, wird der Gender-Bias digital fortgeschrieben. Diese Fehlversorgung von Frauen gelte es zu verhindern, forderte der Runde Tisch „Frauen im Gesundheitswesen“ bereits vor zwei Jahren in einem Positionspapier. Die zwölf Trägerorganisationen, darunter der Bundesverband Managed Care, der Deutsche Ärztinnenbund und das Berlin Institute of Health an der Charité verlangten eine geschlechtersensible Weiterentwicklung digitaler Technologien – und mehr Parität in den Gremien, die über Digitalisierung entscheiden.
Um den „Gender-Data-Gap“, also die Datenlücke zwischen den Geschlechtern in der klinischen Forschung, zu schließen, hat das Bundesforschungsministerium Ende 2025 eine entsprechende Förderrichtline erlassen. Im Januar startete das Bundesgesundheitsministerium ein Programm zur Forschungsförderung zu „Frauengesundheit“. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sagt: „Frauen haben andere Beschwerden, Symptome und Belastungen als Männer. Genau diese Unterschiede sollen sich in der Gesundheitsversorgung besser abbilden.“
Ein Schwerpunktthema ist Endometriose. Vermehrte Forschung und mediale Aufmerksamkeit für die Erkrankung haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass sie doppelt so häufig diagnostiziert wird wie noch vor 20 Jahren. Die Zahl der Krankenhausbehandlungen ist laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen. Das ist die gute Nachricht: Mehr Betroffene, die lange im Stillen gelitten haben, bekommen inzwischen eine Diagnose – und damit überhaupt erst Zugang zu Versorgung.
Von geschlechtssensibler und damit personalisierter Medizin würden alle Patientinnen und Patienten profitieren. Voraussetzung dafür ist vor allem eine belastbare Wissensgrundlage: Studien und Versorgungsdaten, die beide Geschlechter systematisch abbilden und Analysen, die Unterschiede sichtbar machen. „Bereits in geschlechtssensibler Prävention stecken viele gesunde Lebensjahre drin, die wir in einer alternden Gesellschaft mit großem Fachkräftemangel brauchen“, sagt Stadler.




