Wie lernt das Hirn?
Es ist traurig zu sehen, wenn ein Kind am Ende der ersten Klasse eigentlich schon aufgeben will“, sagt Kira Fuchs. Ihr Schüler Leon* hat Schwierigkeiten beim Lesenlernen. Die Grundschullehrerin probiert verschiedene Methoden aus, etwa Visualisierungsübungen mit einem Spielzeugauto, das von Buchstabe zu Buchstabe fährt – doch Leon wird immer frustrierter. Er merkt, dass er nicht schafft, was für seine Mitschüler einfach ist.
Lehrer und Eltern stehen oft vor der Frage, wie sie ihre Kinder optimal beim Lernen unterstützen können. „Viele Eltern haben Angst, dass ihr Kind nicht genug gefördert wird oder den Anschluss verliert“, sagt Kira Fuchs. „Das bekomme ich als Lehrerin ständig mit.“ Lehrerinnen und Lehrer stehen im Unterricht täglich vor der Herausforderung, spontan auf Verständnisprobleme eingehen zu müssen. „Im Unterricht läuft selten eine Stunde genau nach Plan“, sagt die Grundschullehrerin. Um auf diese Situationen angemessen zu reagieren und Schüler wie Leon optimal unterstützen zu können, brauchen die Lehrkräfte ein tiefergehendes Verständnis darüber, wie Menschen lernen.
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Das können Sie vergessen
Das können Sie vergessen
Der verpasste Zeitpunkt
Angeblich können manche Fähigkeiten ausschließlich innerhalb eines bestimmten Zeitfensters erlernt oder entwickelt werden. So sollte man unbedingt vor dem siebten Lebensjahr damit beginnen, eine Zweitsprache zu lernen, wenn man sie denn jemals fließend sprechen möchte. Oder: Kleinkinder sollten möglichst viel klassische Musik zu hören bekommen. Denn nur wenn sie in dieser Phase Bach, Beethoven oder auch Schostakowitsch hören, werden sie später kreativ sein und ein gutes Gedächtnis bekommen.
Wissenschaftlich betrachtet, gibt es tatsächlich sensible Phasen, in denen sich bestimmte Fähigkeiten besonders effizient entwickeln. Wer beispielsweise eine Sprache in den ersten sechs Monaten des Lebens kennenlernt, hat es leichter, die genaue Aussprache und die Klänge dieser Sprache zu reproduzieren. Allerdings existieren keine empirischen Belege dafür, dass ein „Lernfenster“ sich unwiderruflich schließt, wenn man, wie in diesem Beispiel, die Sechs-Monate-Marke verpasst. In der Regel kann ein Gehirn nur dann so stark geschädigt werden, dass es nicht mehr lernfähig ist, wenn einem Kind alle akustischen und visuellen Reize entzogen werden.
Die Mär von den Lernfenstern kann schwerwiegende Folgen für Schüler haben, wenn Lehrer davon ausgehen, dass Kinder mit Förderbedarf in bestimmten Bereichen ihre Chance verpasst haben und eine individuelle Unterstützung deshalb vergeblich wäre. Eine australische Studie verglich die Annahmen von Lehrkräften, die eine Auszeichnung für ihre Lehrfähigkeit erhalten hatten, mit Lehrkräften ohne eine solche Auszeichnung. Unter den als herausragend ausgezeichneten Lehrpersonen schenkten weniger dem Mythos der kritischen Lernfenster Glauben im Vergleich zu ihren Berufskollegen ohne Auszeichnung.




