Angriff auf die Lebensader der Ukraine
Um die Russen zu täuschen, haben die Arbeiter ihre Lokomotive einfach angesprüht. Sie ist nun nicht mehr hellgrün-gelb, sondern dunkelgrau, mit Hunderten asymmetrischen roten Strichen. Genau genommen soll die neue Lackierung gar nicht die Russen verwirren, sondern deren Drohnen. Denn die Zielerfassung funktioniert heute mit Künstlicher Intelligenz. Der Algorithmus orientiert sich an Zielen, die er kennt. Wenn die Lokomotive eine andere Farbe hat, weicht sie von der Norm ab, die KI erkennt sie nicht als solche. Das zumindest ist die Idee.
Ihre neu lackierte Rangierlok haben die Ukrainer gerade erst wieder instand gesetzt. Ein riesiges Stahlross aus der früheren Tschechoslowakei, in den Tank passen sechs Tonnen Diesel. In wenigen Tagen wird sie wieder auf der Strecke sein. Aber getarnt, zumindest für die Augen der Maschine. „Maskirowka“ nennen sie diese uralte Strategie. „Wenn wir sie nicht austricksen würden, dann hätten wir schon gar keine Lokomotiven mehr“, sagt einer. Im Hintergrund hämmern Arbeiter an einer anderen Lok herum.
Die geheime Werkstatt ist ein Herzstück der ukrainischen Bemühungen, die Eisenbahn auch im fünften Kriegsjahr am Laufen zu halten. Die Russen zielen in der Regel auf die Lokomotiven, denn die sind das knappste Gut. Hier machen sie beschädigte und ausgemusterte Loks wieder fit. Jedes Teil wird wiederverwertet. Alles gerettet, was man noch brauchen kann. „Manchmal machen wir eben aus drei Loks eine neue“, sagt der Werkstattchef.
Die Männer arbeiten in permanenter Gefahr. Wenn nötig, hasten sie in einen Luftschutzkeller. Auf speziellen Apps auf ihren Telefonen können sie die Flugrouten der Drohnen überwachen. Die Werkstatt liegt zwar nicht unmittelbar an der Front, sie ist aber auch nicht weit davon weg. Einschläge gehören hier zum Alltag. An der Deckenkonstruktion der Werkstatt ersetzen Spanplatten die Fenster. Vor ein paar Monaten haben in einer Nacht rund zwei Dutzend Großdrohnen sowie ballistische Raketen und Marschflugkörper das Gelände getroffen. Das Zugdepot nebenan wurde schwer getroffen, Waggons und Lokomotiven sind ausgebrannt.





