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Champs-Élysées

Die Luxusmarken kehren zurück

Von NIKLAS ZÁBOJI (Text) und AARON LEITHÄUSER (Fotos)
26. April 2024 · Einst die mondäne Ausgehmeile schlechthin, verkaufte sich die Prachtstraße Champs-Élysées lange unter Wert. Vor den Olympischen Spielen wird die bekannteste Avenue von Paris nun grüner, nobler – und immer voller.

Wie eine gemütliche Einkaufsstraße wirken die Champs-Élysées nicht. Immer wieder rattern Autos, Transporter und Lastwagen über das Kopfsteinpflaster der leicht ansteigenden Avenue, hinauf zum Triumphbogen und in umgekehrte Richtung hinab zur Place de la Concorde. Rollerfahrer hupen, um sich bei ihrer Slalomfahrt durch noch so enge Lücken Platz zu verschaffen, im Hintergrund heulen die Sirenen eines nahenden Krankenwagens, und bei Hausnummer 86 mischt sich der Verkehrslärm mit dem dumpfen Bass aus dem Kosmetiktempel L’Occitane.

Wer Paris genießen möchte, sollte um die Straße, die im Volksmund schlicht „Champs“ genannt wird, lieber einen Bogen machen. Touristisch, künstlich, billig, laut – diesen Eindruck haben viele Besucher seit Jahren. Von dem Flair, das die wohl berühmteste Avenue Europas zu Zeiten von Édith Piaf und Josephine Baker versprühte, ist nicht mehr viel übrig.

Ein flüchtiger Blick auf die Geschäfte und Restaurants scheint den trostlosen Befund zu bestätigen. Einst waren die 1910 Meter die mondäne Ausgeh- und Kinomeile schlechthin. Heute steht man vor Flagship-Stores von Massenmarken und einer McDonald’s-Filiale, die seit der Fernsehserie „Emily in Paris“ oft überfüllt ist.

1 Montblanc, 2 Dior, 3 Café Joyeux, 4 Yves Saint Laurent, 5 Bulgari, 6 Louis Vuitton, 7 Apple, 8 Fouquet’s, 9 Sephora, 10 Nike, 11 Galeries Lafayette Illustration: Matthias Schardt

1 Das Meisterstück, das 100 Jahre alt wird, gibt es hier natürlich auch. Aber Montblanc ist längst nicht mehr nur eine Marke für Schreibgeräte. Also sind in dem Geschäft des Hamburger Herstellers, der zum Schweizer Richemont-Konzern gehört, auch Accessoires, Uhren, Lederwaren und Parfums zu haben.

2 Eigentlich steht das Stammhaus an der Avenue Montaigne. Aber das Reich von Bernard Arnault, in dem die Sonne nicht untergeht, weitet sich auch in Paris aus: Dior ist seit 2019 hier, und die Verkleidung der Fassade scheint zu versprechen, dass noch mehr entsteht.

3 Hier zeigt die Prachtstraße Herz: Im Café Joyeux, dem Café der Freude, herrscht wirklich gute Laune. Die Angestellten sind Autisten, leiden an Trisomie 21 oder leichteren geistigen Behinderungen. Die Stimmung ist freundlich bis ausgelassen. Ketchup gibt es nicht. Aber wer fragt schon in einem Pariser Café nach Ketchup?

4 Yves Saint Laurent hatte immer davon geträumt, ein Geschäft an den Champs-Élysées zu haben. 15 Jahre nach seinem Tod hat es geklappt: Im Dezember wurde der größte Store von Saint Laurent eröffnet. Das ist ein Etappensieg für François-Henri Pinault, den Chef des Konzerns Kering, zu dem die Marke gehört. Der ewige Zweite ist schneller fertig geworden als sein großer Konkurrent Arnault, der noch an erstaunlich vielen offenen Baustellen arbeitet.

5 Apropos Bernard Arnault: Der reichste Europäer hat 2011 mit seinem LVMH-Konzern auch 50,4 Prozent des römischen Schmuckherstellers Bulgari übernommen. Die Boutique an der Avenue wird noch renoviert: „Eröffnung Sommer 2024“ – mal sehen, ob es noch vor den Olympischen Spielen klappt.

6 Die Schlange vor dem Flagship-Store von Louis Vuitton an der Ecke zur Avenue George V ist selbst schon eine Attraktion. Aber der Riesenkoffer dahinter verspricht noch Größeres: In dem Art-déco-Gebäude entsteht das erste Louis-Vuitton-Hotel der Welt. Die Eröffnung ist aber erst für 2026 geplant.

7 Mag sein, dass die Geschäfte von Apple an der Fifth Avenue, an der Regent Street und am Jungfernstieg spektakulärer sind. Aber dieser Store, der sich ganz in das Gebäude aus der Haussmann-Ära einfügt, pflegt das Bewusstsein für historisch adäquates Bauen. Nicht ganz schlecht für eine Minimalismus-Marke!

8 An dieser Straße mag sich alles ändern, eines steht fest: Fouquet’s bleibt immer gleich. Feines Tatar, süße Éclairs, gesalzene Preise: Warum sollte man an solchen Erfolgsrezepten etwas ändern?

9 Auch die Beautymarke Sephora gehört zum LVMH-Konzern – und muss ebenfalls hier vertreten sein. 1996 wurde das Geschäft eröffnet, im Herbst 2023 wurde es nach monatelanger Renovierung wiedereröffnet. Und weil der Beautymarkt wächst und wächst, kommen viele Kunden.

10 Dem Swoosh von Nike entkommt man nirgends. Das „House of Innovation“ des größten Sportartikelherstellers, 2020 eröffnet, bietet die größte Schuhauswahl Europas. Hier beginnt die untere Hälfte der Prachtmeile, die wegen der nicht mehr so noblen Marken nicht ganz so prächtig ist wie am Triumphbogen.

11 Kaufhäuser sind in der Krise, aber in Paris scheinen sie noch zu laufen. Warum sonst hätten die Galeries Lafayette nur anderthalb Kilometer vom Stammhaus am Boulevard Haussmann entfernt 2019 ein weiteres Haus eröffnet, immerhin auch 6500 Quadratmeter groß?

Wer vornehm shoppen will, der zieht deshalb schon lange eher in die Luxustempel an der Rue Saint-Honoré oder der Avenue Montaigne. Oder, wenn es nicht ganz so viel kosten soll, an Einkaufsstraßen wie den Boulevard Saint-Germain oder die Rue de Bretagne – an Auswahl mangelt es in Paris nicht. Ihre Breite von 70 Metern und der dauernde Verkehrsfluss machen die Avenue nicht zur prädestinierten Shoppingstraße. Die Straßenseite zu wechseln dauert länger als nur ein paar Sekunden.

Hugues Borgia sieht das natürlich ganz anders: „Es hat nie eine Verödung der Champs-Élysées gegeben“, sagt der Generalsekretär des Comité Champs-Élysées. Schon 1990 seien sie unter dem damaligen Bürgermeister Jacques Chirac renoviert worden. Unter anderem wurden die Bürgersteige verbreitert und mit Granit versehen. Weitere Renovierungswellen folgten.

Als Vertreter der örtlichen Geschäftsleute ist Hugues Borgia kein unabhängiger Beobachter. Aber er kennt die Trends an der Avenue wie kein Zweiter, er weiß, wer in den prachtvollen Gebäuden was plant und kauft. Seine Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Jahr für Jahr strömen immer mehr Besucher an die Avenue. Mehr als eine Million Fußgänger passierten das Schaufenster jedes Geschäfts jeden Monat im Durchschnitt. Allein in den Jahren 2022 und 2023 habe es 46 Renovierungen und Neueröffnungen an den Champs-Élysées gegeben.

Markant ist vor allem die Rückkehr der Luxusmarken. Aus Sicht des Comité-Vertreters ist das kein Zufall. Die berühmte Prachtstraße sei für große Marken ideal, um Produkte zu präsentieren. Aber auch als Einkaufsort gewinne sie an Bedeutung, ohne mit der Avenue Montaigne wetteifern zu wollen – schließlich zögen die Champs-Élysées ein breiteres Publikum an.


„Es hat nie eine Verödung der Champs-Élysées gegeben.“
HUGUES BORGIA

Und wirklich: Es tut sich etwas an der geschmähten Prachtstraße. Mit Apple und Nike sind in den vergangenen Jahren Weltmarken mit großer Anziehungskraft hergezogen. Und was die Luxuspräsenz angeht, muss man beim Aufstieg bis kurz vor dem Triumphbogen nur die Augen offen halten. Seit Dezember residiert Saint Laurent in Hausnummer 123. Die Hausnummern 103 bis 111 sind in einen riesigen Monogramm-Koffer aus Holz und Aluminium von Louis Vuitton gehüllt. Wo früher einmal der französische Ableger der HSBC-Bank seinen Sitz hatte, soll auf knapp 6000 Quadratmeter Fläche ein Luxushotel entstehen. Die Umbauarbeiten laufen auf Hochtouren. Die Eröffnung ist für übernächstes Jahr geplant.

Es wäre das erste Hotel von Louis Vuitton, der ertragreichsten Säule im Luxusgüterimperium LVMH des steinreichen Unternehmers Bernard Arnault. Das Projekt ruft auch deshalb so viel Interesse hervor, weil nur ein paar Meter weiter in Hausnummer 101 schon der populäre Flagship-Store von Vuitton ist. Selbst an eisigen Wintertagen stellen sich hier Touristen aus aller Welt in der Schlange an. Als ob das noch nicht genug wäre, gibt es einen weiteren Vuitton-Laden auf der gegenüberliegenden Seite an der Ecke zur Rue de Berri. Und das sind nur einige der vielen Fußspuren, die Arnault seit Jahren auf den Champs-Élysées hinterlässt. So wurde 2019 ein Laden von Dior eröffnet, dem neben Vuitton zweiten großen Umsatzbringer im 75-Marken-Portfolio von LVMH, und zwar in direkter Nachbarschaft zum Triumphbogen. Im selben Jahr zog es schräg gegenüber die Konzernmarke Bulgari an die Champs-Élysées. Weiter abwärts, wo die Mieten etwas niedriger sind als in den höheren Lagen, vervollständigen Geschäfte von Sephora, Tiffany und Guerlain die LVMH-Vorherrschaft.

Und damit noch immer nicht genug: So machte in Paris zum Jahresende die Nachricht die Runde, dass Arnault seinen Luxusgüter-Rivalen Kering beim Erwerb von Hausnummer 150 ausgestochen hat. Von einem Kaufpreis von bis zu einer Milliarde Euro ist die Rede. LVMH lehnt einen Kommentar ab, dementiert die Geschichte aber auch nicht. Welche Konzernmarke die 18.000 Quadratmeter Fläche künftig auch beziehen wird: LVMH ist omnipräsent. Auch in der örtlichen Händlervereinigung: Dem Comité Champs-Élysées sitzt als Präsident seit 2021 der LVMH-Generalsekretär Marc-Antoine Jamet vor.


„Es kommen jetzt die Touristen mit Geld an die Avenue.“
SILKE NADOLNI

Das wachsende Luxusgüterangebot lockt Kundschaft an, die man vor ein paar Jahren eher nicht an den Champs-Élysées angetroffen hat. „Ich finde, dass man eine gewisse Entwicklung sieht“, sagt Silke Nadolni, auf Immobilienrecht spezialisierte Anwältin bei der Kanzlei LPA-CGR. Von ihrem Büro aus blickt sie seit nunmehr zwölf Jahren auf die (von unten gesehen) linke Seite der Champs-Élysées und aktuell auf den monströsen Vuitton-Koffer. „Es kommen jetzt die Touristen mit Geld an die Avenue“, sagt Nadolni. Dass dafür an anderen Pariser Einkaufsstraßen Geschäfte geschlossen werden, lasse sich nicht beobachten. Der Markt sei groß genug.

In jedem Fall kommen mehr Besucher zu den Champs-Élysées. 15 Prozent mehr Menschen waren es laut einer Studie der Immobilienberatung Cushman & Wakefield und des Softwareentwicklers Mytraffic zwischen Mai 2022 und Juni 2023 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Während der Olympischen Spiele in diesem Sommer dürfte der Zustrom weiter wachsen.

Die Standorte an der Prachtstraße sind immer begehrter geworden. Kaum steht etwas leer, werde es sofort hochwertig bebaut, sagen Investoren. Die allgemeine Krise auf dem Immobilienmarkt bemerke man hier nicht wirklich. Die Leute rissen sich inzwischen auch in angrenzenden Wohnblöcken um die Grundstücke. Traditionell gelten die in Blickrichtung Triumphbogen links von den Champs-Élysées abgehenden Straßen mit Luxushotels wie dem Prince de Galles oder dem Four-Seasons-Hotel George V als vornehme Ecken. Rechts der Avenue ist dagegen ein mitunter sehr durchmischtes Publikum anzutreffen, vor allem in den Abendstunden.

Jüngste Branchenstudien bestätigen den Aufwärtstrend. Betrug die gewerbliche Leerstandsquote an den Champs-Élysées Ende 2022 noch knapp zehn Prozent, waren es ein Jahr später weniger als vier Prozent, bilanzieren die Immobilienberater von Knight Frank. „Eine der dynamischsten Achsen in Paris“ sei die Straße 2023 gewesen. Beleg für die Renaissance seien die Neueröffnungen hochwertiger Modemarken wie Calvin Klein und Adidas. Der Anteil von Luxusmarken werde weiter wachsen.

Die Champs-Élysées profitierten dabei von den 30 Millionen Euro, die die Stadt und das für den Bau der olympischen Stätten zuständige Unternehmen in Sanierungs- und Bepflanzungsprojekte investiert, heißt es in der Studie von Cushman & Wakefield und Mytraffic. Das sportliche Großevent habe die Zahlungsbereitschaft für Standorte an der Avenue weiter in die Höhe getrieben. Ein „Pop-up-Store“ koste hier während der Spiele mehr als eine langfristige Gewerbemiete. Olympia sei eine günstige Gelegenheit für Renovierungsarbeiten.

Das Comité freut sich über die Aufwertung. Man will aber nicht einfach zusehen, wie der Luxus alles vereinnahmt. Die Vielfalt des Angebots solle erhalten bleiben, sagt Generalsekretär Borgia – also kulturelle Einrichtungen, legendäre Restaurants wie das „Fouquet’s“, Cafés oder auch die jüngst zwischen den Läden von Lancôme und Lacoste eröffnete Bäckerei „Louise“. Das Comité organisiert auch Veranstaltungen für die große Öffentlichkeit, zum Beispiel das größte jemals abgehaltene Diktat, mit dem man es im Juni 2023 ins „Guinness-Buch der Rekorde“ schaffte, oder unentgeltliche Kinovorführungen unter freiem Himmel.

Alle sollen kommen: Mehr als eine Million Fußgänger passieren pro Monat das Schaufenster jedes Geschäfts – solche Zahlen ziehen immer mehr Marken an die Prachtstraße zwischen Place de la Concorde und Triumphbogen.

„Die Champs-Élysées sollen sowohl ausländische Besucher als auch Pariser willkommen heißen“, sagt Borgia. Je mehr Franzosen wieder an der Avenue unterwegs sind, so der Gedanke, desto größer der Kreis an Touristen, die es ebenfalls an die „Prachtstraße der elysischen Felder“ zieht. Viele wollten in der fremden Stadt schließlich dorthin, wo die Einheimischen verkehren.

Ob die Strategie aufgeht? Das Comité ist jedenfalls darum bemüht. Über die große Frage der Umgestaltung der Verkehrsströme auf der hochfrequentierten Avenue entscheidet am Ende zwar das Rathaus. Aber mit einer Machbarkeitsstudie zum Umbau wollen die Geschäftsleute in der Diskussion mitreden. Rund um den Triumphbogen hat die Stadt dem motorisierten Verkehr unlängst Fläche weggenommen und den Fußgängern zugeschlagen. Ähnliches ist auch für die Prachtstraße im Gespräch, die dorthin führt.


„Die Champs-Élysées sollen sowohl ausländische Besucher als auch Pariser willkommen heißen.“
HUGUES BORGIA

Schon auf den Weg gebracht hat das Comité ein verändertes Erscheinungsbild der Cafés und Restaurants. Der Designer Ramy Fischler wurde damit beauftragt, die Straßengastronomie an der Avenue neu zu gestalten. „Schöner, funktionaler, umweltfreundlicher, einladender und pariserischer“ und dazu noch „homogener“ sollen die Terrassen werden. Das soll den Fußgängerverkehr erleichtern und eine freie Perspektive auf die Avenue ermöglichen.

„Es gibt eine echte Sehnsucht nach den Champs-Élysées“, sagt Borgia. Sie seien nun einmal ein französischer Mythos und Schauplatz vieler Großveranstaltungen, vom Neujahrsfest über die Parade am Nationalfeiertag bis hin zum Finale der Tour de France, wenn nicht gerade Olympia ist. Sie seien aber auch ein Ort, an dem die Franzosen mitunter sehr spontan ihren Emotionen freien Lauf lassen. Hier lag sich nach dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 1998 die Nation in den Armen, hier protestierten und randalierten vor einigen Jahren aber auch wütende Bürger in gelben Westen.

„Wenn man etwas zu sagen hat, sei es, um seiner Freude oder seinem Ärger Ausdruck zu verleihen, dann tut man das auf den Champs-Élysées“, sagt Borgia. Eine Straße zum Feiern, Protestieren und Shoppen in einem also. Und damit ziemlich nah an dem, was der Chanson-Star Joe Dassin schon vor mehr als 50 Jahren sang: Gleich ob bei Sonne oder Regen, ob mittags oder mitternachts – auf den Champs-Élysées findet man alles, was man will.


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