Auf dem E-Bike
zu den Löwen
„Es besteht immer die Gefahr, dass wir ein Tier überraschen“, sagt unser Guide Jess Botha, während wir auf E-Bikes durch die Wildnis Südafrikas fahren, umgeben von Löwen, Leoparden, Nashörnern und Büffeln, sie selbst vornweg, ein Gewehr lässig auf dem Rücken. „Nur für den äußersten Notfall“, sagt sie, „aber man muss immer wachsam sein. Ich halte Ausschau nach Spuren und höre auf jedes Geräusch.“ Ganz hinten fährt Thabiso Sydney aus dem Nachbardorf, der die E-Bikes und Wege wartet.
Leise und sanft gleiten wir an jahrtausendealten Bäumen vorbei, die Sonne wirft spielerische Schatten durch das dichte Blätterdach, und die leichte Brise beim Fahren macht die feuchte Hitze des Spätsommers erträglicher. Wir sind im „Phinda Private Game Reserve“, wo die E-Bike-Safari in Zusammenarbeit mit den Einheimischen stattfindet. Alle Einnahmen kommen den umliegenden Gemeinden Makhasa und Mnqobokazi zugute. Sogenannte regenerative Safaris gehen über klassische Pirschfahrten und die bloße Erhaltung der Wildtiere und ihrer Lebensräume hinaus – sie sollen sich positiv auf Tier und Mensch auswirken, Naturschutzaktionen zur Vermehrung gefährdeter Arten bis hin zur Stärkung der umliegenden Gemeinden inklusive.
Die Geschichte der Safari ist tief in kolonialen Traditionen verwurzelt: Begriffe wie „Big 5“ erinnern an Jagdzeiten, in denen Reservate dazu dienten, möglichst viele Tiere zu erlegen, und man damit die am gefährlichsten zu Fuß zu jagenden Arten meinte. Im Tourismus stehen die „Big 5“ heute für die großen Tierarten, die Urlauber besonders gern sehen: Löwe, Elefant, Nashorn, Büffel und Leopard. Das Land für die Jagd wurde früher den Einheimischen geraubt. Diese neue Art von Safari heute bricht mit kolonialen Klischees und will die Ausbeutung von Mensch und Natur durch nachhaltige Erlebnisse ersetzen.
Vor rund 30 Jahren begannen die Gründer des mittlerweile internationalen Tourenanbieters „&Beyond“ in der Region KwaZulu-Natal innerhalb der Munywana Conservancy damit, 13.000 Hektar Ackerland, das einst von Rinderherden und Ananasplantagen geprägt war, zu renaturieren. Dabei wurden auch große Säugetiere wieder angesiedelt, die es ab den 1920er-Jahren hier nicht mehr gab. Heute umfasst das „Phinda Private Game Reserve“ knapp 30.000 Hektar – und das alles im Einvernehmen mit den einheimischen Zulu, einer der größten ethnischen Gruppen Südafrikas. Der Name „Phinda“ bedeutet auf Zulu „Rückkehr“.
„Bitte langsamer und leiser fahren, wenn wir diesen Zaun passieren“, sagt Botha, und plötzlich wird einem wieder bewusst, wo wir sind: im bedrohten Sandwald, einem der letzten seiner Art in ganz Afrika. „Wir haben den Wald mit einem Elektrozaun vor den Elefanten geschützt. Obwohl Elefanten sonst sehr nützlich für die Regeneration von Wäldern sind, würden sie hier aufgrund der kleinen Fläche mehr Schaden als Nutzen anrichten“, erklärt Botha. Alle anderen Tiere kommen aber durch. „Hyänenspuren erkennt man an den geschwungenen Rändern. Die Spuren von Löwen sehen ähnlich aus, sind aber breiter und viel größer“, sagt Sydney. Am besten sei es immer, wenn ein Tier gar nicht erst merkt, dass man da ist. „Aber wir wissen auch damit umzugehen. Es kommt dann darauf an, ob es uns gerochen, gehört oder gesehen hat oder auch alles zusammen“, so Botha.
Anders als bei einer gewöhnlichen Pirschfahrt, bei der meist nach großen Säugetieren wie Löwen oder Elefanten Ausschau gehalten wird, richtet sich der Blick mit dem E-Bike auf Kleintiere und Insekten sowie seltene Pflanzen wie die geschützte Baumart Lebombo Wattle. „Dieser hier ist über 900 Jahre alt.“ Botha zeigt auf einen Gründorn, der alle anderen überragt. Stopp an einem Termitenhügel. Sie enthalten zersetzte Blätter und Gestrüpp, aus denen die Wurzeln der Bäume ihre Nährstoffe aus dem sonst kargen, sandigen Boden ziehen. „Der Sandwald überlebt nur dank der Termiten“, so Botha. Jetzt im Spätsommer erwacht der ganze Wald zum Leben, statt gefährlicher Tiere begleiten uns auf der Fahrt bunte Schwärme an Schmetterlingen.
„Guten Morgen! Das ist Ihr Weckruf für das Einfangen der Geparden!“, tönt die Stimme um 5.30 Uhr am Telefon. Wieder wird es keine gewöhnliche Safari-Ausfahrt. Das Naturschutzteam muss eine Gepardenmutter mit ihren zwei Jungen aufspüren, betäuben und in ein Gehege bringen, um sie gegen Räude zu behandeln. „Ansonsten würde es für sie im Winter schwierig werden, wenn sie ihr Fell verlieren, frieren und womöglich noch Myiasis [eine tödliche Hautkrankheit] bekommen“, erklärt Dale Wepener, Leiter des Naturschutzteams. Außerdem hat das Team ein zehn Monate altes Gepardenjunges entdeckt, dessen Mutter und Schwester bei einem Kampf ums Leben kamen. Allein hätte es in der Wildnis keine Chance. „Wir wollen die Geparde zusammenbringen und hoffen, dass die andere Mutter das verwaiste Junge adoptiert“, sagt Wepener. In den vergangenen 30 Jahren wurde ein solcher Versuch nur dreimal unternommen. „Die Erfolgschancen stehen 50:50.“ Aber es sei einen Versuch wert.
Das „Phinda Private Game Reserve“ ist vor allem für seinen Einsatz im Artenschutz von Geparden, Nashörnern und Pangolinen bekannt. Afrikas gefährdetste Großkatze ist besonders anfällig für Angriffe von Löwen und Leoparden und steht auch wegen des Verlusts ihres Lebensraums auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. In Phinda leben 33 Geparde, nur neun waren es bei der Wiedereinführung 1992. Mittlerweile werden sie aufgrund der hohen Erfolgsquote auch in andere Reservate überführt, um dort eigene Populationen aufzubauen.
Gemeinsam mit Botha und Fährtenleser Thokozani Mlambo geht es auf die Suche nach den Geparden. Mlambo arbeitet seit 25 Jahren für „&Beyond“ und kennt diese Landschaft, seit er als Fünfjähriger nach der frei laufenden Rinderherde seines Großvaters Ausschau halten musste. „Es ist schön, all die Veränderungen zu sehen“, sagt er. „Wir lernen viel und passen uns an, um Neues in die Gemeinschaft zu bringen. Anders als früher leben wir nicht mehr nur von der Viehzucht.“ Mlambo ist eine angesehene Persönlichkeit in der Makhasa-Gemeinschaft. Unter den 16.000 Mitgliedern ist er einer von zwölf „Induna“, ausgewählten Gemeindeführern, die direkt unter dem Chief über wichtige Angelegenheiten wie die Landnutzung entscheiden. Jetzt sitzt er lässig mit baumelnden Beinen auf seinem Sitz und sucht mit dem Fernglas die Umgebung ab.
An diesem Morgen haben wir kein Glück. Erst am Abend entdecken wir die Gepardenmutter, kurz bevor sie sich ins hohe Gras fallen lässt. Botha gibt über Funk die Nachricht weiter, dann geht alles ganz schnell: „Der Tierarzt ist unterwegs!“ Sofort wird das Gebiet für andere Fahrzeuge gesperrt, wir warten gespannt, nur das laute Quaken der Frösche ist zu hören. „Wir müssen auf dem Weg erst noch ein Nyala erlegen“, knistert es aus dem Walkie-Talkie. Botha erklärt, dass sie einen Köder brauchen, um die Geparden anzulocken und in Ruhe per Dartschuss betäuben zu können. In der Ferne zieht ein Gewitter auf, Blitze zucken dramatisch über die weite Landschaft, scheinen aber in die andere Richtung zu ziehen. Schließlich nähert sich das Naturschutzteam, lädt die erlegte Beute von der Ladefläche ab und fährt langsam an der Gepardenmutter und ihren Jungen vorbei. So ganz trauen sie dem vermeintlichen Abendessen nicht, nur zögerlich schleicht sich ein Junges heran. Der Donner grollt immer lauter, die Abenddämmerung bricht herein, zu spät. Die ganze Aktion muss abgebrochen werden.
Beim neuen Versuch am nächsten Morgen sind die Tiere bereits weitergezogen. Wieder heißt es stundenlang suchen, Mlambo mit seinem Fernglas voran, schließlich finden wir die beiden Jungen – aber ohne Mutter. Niemand weiß, was in der stürmischen Nacht passiert ist, immer wieder rufen die Jungen nach ihrer Mutter, und es klingt wie das Piepsen eines kleinen Vogels. Jetzt gilt es, die Jungen zu beschützen, während ein Fahrzeug des Naturschutzteams nach der Mutter sucht. „Sollten die beiden angegriffen werden, etwa von einem Löwen, dürfen wir eingreifen“, sagt Botha. Am Ende wird auch die Mutter gefunden, diesmal schnappen sich die Tiere die Lockbeute, nach ein paar Minuten mit Dart im Körper schlafen sie friedlich ein und können ins Gehege gebracht werden. Mehr als 24 Stunden nach Beginn der Suche. Das kostet viel Zeit – und Geld. Deshalb werden ähnlich aufwendige Eingriffe wie das Enthornen von Nashörnern oder das Einkerben der Ohren auch für Gäste angeboten. „Wer auf Safari ins Reservat kommt, trägt damit natürlich zur Nutzung des Landes für den Schutz der Tiere bei“, so Wepener.
Besuch in einem Dorf der Makhasa, einer von fünf Gemeinden, die direkt an das private Wildtierreservat grenzen und davon profitieren. Kühe und Ziegen trotten gemächlich über die Straßen, wir sehen ein Feld mit meterhohen Maispflanzen und kleinen Mangosetzlingen. „Das ist einer der Gemeinschaftsgärten, die wir fördern“, sagt Cebelihle Ntuli im Vorbeifahren. Sie ist ein Guide von „Wild Impact“, ehemals CC Africa und Africa Foundation.
Die NGO wurde zusammen mit der Gründung des „Phinda Private Game Reserve“ ins Leben gerufen – als Stimme der lokalen Bevölkerung. „Die Initiative sollte die Kommunikation zwischen den Gemeinden und dem Wildreservat mit den Lodges ermöglichen“, so Ntuli, die selbst aus der Nachbargemeinde KwaNibela stammt. 70 bis 80 Prozent der Angestellten im „Phinda Private Game Reserve“ kommen aus den umliegenden Dörfern. Das wurde so von Anfang an festgelegt. „Als Phinda gegründet wurde, lebten dort Menschen. Viele von ihnen wurden in die Gemeinden umgesiedelt, die jetzt das Wildreservat umgeben. Es war keine gewaltsame Umsiedlung, aber man kann sich vorstellen, wie schwer es ist, das Gebiet zu verlassen, in dem man bisher gelebt hat.“ Umso mehr setzte sich „Wild Impact“ dafür ein, das Leben der Menschen vor Ort spürbar zu verbessern: Zunächst wurde vor allem in die Infrastruktur investiert. Es entstanden Grund- und weiterführende Schulen, darunter eine für Menschen mit Behinderungen sowie ein Krankenhaus. Davor war das nächste 80 Kilometer entfernt gewesen. „Über die Jahre haben wir weitere Bereiche definiert, von denen die Menschen hier profitieren können“, so Ntuli. Zum Beispiel das sogenannte „Hustle“-Programm, das hilft, Unternehmer auszubilden und zu unterstützen.
Beim Betreten der „Mduku Bakery“ fällt der Blick sofort auf die knallpinken Kugeln in der Theke: „Das sind ‚Snowballs‘! Wir verkaufen mehr als 200 am Tag“, sagt die Besitzerin Khethiwe Ndlazi. Die beliebte Süßspeise ist mit Kokoscreme gefüllt, die auffällige Farbe stammt von Himbeeren. Im hinteren Teil der Backstube holt eine Kollegin gerade frisches Brot aus dem Ofen, dessen warmer Duft den ganzen Raum erfüllt.
„Seit 2016 führe ich hier meine Bäckerei, 2021 bin ich als Senior Facilitator in das ‚Hustle‘-Programm eingestiegen“, erzählt Ndlazi. Neben ihrer eigenen Praxiserfahrung lernte sie dort alles über Themen wie Finanzmanagement, Marketing und den Aufbau eines eigenen Unternehmens. Seitdem hat sie ihr Wissen an mehr als 100 Jugendliche weitergeben können. „Das macht mich sehr stolz“, sagt Ndlazi. „Zu sehen, wie sich ihr Leben verändert hat. Manche verdienen endlich genug, andere können sich sogar ein Auto leisten.“
Die Jugendlichen erhalten von „Wild Impact“ ein Startkapital für ein Jahr und werden betreut. Auch Ndlazis eigenes Unternehmen ist weitergewachsen: Inzwischen besitzt sie eine zweite Bäckerei und beliefert mehr als 50 Läden mit ihren süßen Kreationen. Vor dem Abschied sollen wir unbedingt ihren „Pudding cake“ probieren. Ein saftig-weiches Stück Kuchen, das angenehm süß schmeckt und seine leuchtend gelbe Farbe allein den frischen Eiern verdankt.
Auf dem Rückweg zur Lodge weist ein Schild auf die „Makhasa Lodge“ hin. „In den vergangenen drei Jahren hat die Makhasa-Gemeinde ihre eigene Lodge im Wildreservat gebaut“, erzählt Ntuli. „‚&Beyond‘ hat die Gemeinde dabei unterstützt und darin geschult, wie sie die Lodge bauen und worauf sie achten müssen, wie bei einem Mentorship.“ Der Makhasa-Trust besitzt immer noch einen Teil des Landes im Wildreservat, den sie an „&Beyond“ verpachten. „Die Lodge ist ein weiterer Schritt, um die Gemeinde nachhaltig und selbsttragend zu machen“, so Ntuli. Jetzt streifen wieder Giraffen und Zebras die Straße entlang, ohne dass eine gezielte Pirschfahrt nötig wäre. „Meine Kollegen und ich sagen oft scherzhaft: ‚Unser Chef ist der Löwe‘“, sagt Ntuli lächelnd. „Denn die Gäste kommen in erster Linie hierher, um Löwen oder Elefanten zu sehen. Aber so unterstützt das Wildreservat die umliegenden Gemeinden und fördert den Naturschutz“, sagt Ntuli. „Ohne den Beitrag der Touristen wäre es sehr schwierig, diesen Ort so zu erhalten, wie er ist.“
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