© Jens Kuhr
Sie ist, was sie isst
Text und Fotos von JENS KUHR14.01.2017 · Dominica ist eines von zehn ethischsten Reisezielen weltweit. Vor allem beim Umweltschutz macht man dort vieles richtig. Die Auszeichnung kann die karibische Insel auch gut brauchen, denn ganz so optimistisch blickt die Bevölkerung nicht in die Zukunft.
Ein Willkommen kann schöner nicht sein. Auf der Höhe von Portsmouth reißt der Himmel auf. Schwere Wolken geben den Blick frei auf die mit üppiger tropischer Vegetation bewachsenen schroffen Berge, vor denen die Fähre Richtung Süden zieht. Von den Baumriesen auf den Talflanken steigen Nebelschwaden empor. Lichtflecken wandern über die Hänge, als wolle die Sonne jeden Winkel genau untersuchen. Noch vor drei Stunden, vor der Überfahrt im Hafen von Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe: Nieselregen, Wind, Tristesse.
„Das beste Fremdenverkehrsbüro für Dominica ist das auf Guadeloupe. Die Touristen dort machen einen Tagesausflug auf die Nachbarinsel, und im nächsten Jahr bleiben sie ihren kompletten Urlaub hier“, scherzt Herve Nizard. Bis 2007 hat der Franzose als Pilot auf Guadeloupe gelebt. Dann bot ihm das französische Übersee-Département nicht mehr genügend Lebensqualität. Auf der Karibikinsel Dominica fand Nizard, was er suchte. Nahe dem Ort La Plaine betreibt er heute auf acht Hektar etwas ökologische Landwirtschaft und eine kleine Ferienhausanlage mit Restaurant. Wenn Journalisten über sozial- und naturverträglichen Tourismus auf Dominica berichten sollen, präsentiert ihnen das dortige Fremdenverkehrsbüro gerne den erfolgreichen Franzosen.
Der ursprünglichste tropische Regenwald der Karibik ist seit 1997 Unesco-Weltnaturerbe.
Nizard sitzt im Schatten seiner Veranda am Ufer des von Urwaldriesen gesäumten Flusses Taberi. Schnell kommt er auf seine elf Angestellten zu sprechen, die alle aus der näheren Umgebung stammen. Nizard weiß sie zu würdigen: „Ohne lokale Kenntnisse hätte ich es nicht geschafft. Die hilfsbereiten, optimistisch in die Zukunft blickenden Menschen waren der wichtigste Grund, warum ich vor zehn Jahren nach Dominica kam.“ Jetzt profitiere die gesamte Region von seinem Unternehmen, und umgekehrt profitiere er noch immer von der lokalen Bevölkerung.
„Community-basierten Tourismus“ nennen das Fremdenverkehrsexperten, und der ist ein Kriterium, nach dem die gemeinnützige Organisation „Ethical Traveler“ aus Berkeley in den Vereinigten Staaten entscheidet, welche zehn Nationen die ethischsten Reiseziele der Welt sind. Ebenfalls auf den Prüfstand kommen für die jährlich aktualisierte Liste der Entwicklungs- und Schwellenländer das Sozialwesen und der Umweltschutz. Dominica hat es auf die Liste geschafft. Die Auszeichnung kann die seit 1978 selbständige Republik gut gebrauchen, denn so optimistisch, wie Nizard behauptet, sind viele hier nicht mehr.
Schuld ist der Hurrikan „Erika“, der Dominica 2015 heimsuchte. Seine Wassermassen rissen in wenigen Stunden ganze Dörfer ins Meer. 35 Menschen starben. Inzwischen ist die Infrastruktur wiederhergestellt, selbst die Wanderwege sind in Ordnung. Dennoch: Der Douglas-Charles Airport als einer der größten Arbeitgeber verbucht nach „Erika“ weniger Landungen, etliche Mitarbeiter mussten entlassen werden. Ähnlich reagierten Hotelbesitzer nach stornierten Reisen, und auch viele Bauern mussten aufgeben, weil das Wasser ihr Farmland weggespült hate. Das Unwetter hat Arbeitsplätze gekostet und die Armut in dem wirtschaftlich ohnehin schwachen Land vergrößert. Es fehlt an Kaufkraft, Frust macht sich breit. Viele Insulaner hoffen, dass wieder mehr Gäste kommen. Dafür könnte die Kür Dominicas zum politisch korrekten Entwicklungsland sorgen, die Auszeichnung soll natürlich dazu anspornen, in die jeweiligen Länder zu reisen.
Die Schäden, die Hurrikan Erika im Sommer 2015 anrichtete, sind immens. Das Geld für den Wiederaufbau fehlt.
Einen großen Pluspunkt bekam Dominica bei der Bewertung durch „Ethical Traveler“ wegen seines Engagements im Umweltschutz. Die Regierung, die ihre Insel als „The Nature Island“ vermarktet, engagiere sich konsequent. So werde schon die Kinder in den Grundschulen Respekt vor den heimischen Tieren gelehrt.
Allein 150 heimische Vogelarten leben auf Dominica, auf einer Fläche von 749 Quadratkilometern – das ist die Größe von Hamburg. Auch der ursprünglichste tropische Regenwald der Karibik, seit 1997 Unesco-Weltnaturerbe, gedeiht hier, ebenso wie 55 Orchideenarten und Nebel- und Mangrovenwälder. Vor dieser Kulisse drehte Disney vor ein paar Jahren seinen Blockbuster „Fluch der Karibik 2“. Die Filmcrew um Johnny Depp belegte damals sämtliche Hotelbetten. Dennoch soll es nach dem Willen der dominicanischen Regierung große Hotelketten künftig nicht geben, „The Nature Island“ soll „The Nature Island“ bleiben.
Helfen soll dabei auch eine umweltfreundliche Energieversorgung auf der dafür von der Natur so reich gesegneten Insel. Es gibt neun Vulkane und ungezählte heiße Quellen. Der Boiling Lake ist mit rund 70 Metern Durchmesser der zweitgrößte kochende See der Erde. 365 Flüsse queren so manchen Bergsee und stürzen als Wasserfälle Richtung Küste – ideal, um Energie aus Wasserkraft zu gewinnen.
Michael Fadelle ist Koordinator des Erneuerbare-Energien-Programms auf Dominica und freut sich darüber, dass „Ethical Traveler“ seine Energiepläne mit der Wahl Dominicas als eines der zehn ethischsten Reiseziele gewürdigt hat. Der bärtige Endfünfziger, der auch als Greenpeace-Veteran durchgehen könnte, sitzt im klimatisierten Büro seines Ministeriums im Osten der Hauptstadt Roseau und präsentiert einige Zahlen: „25 Prozent unserer Energie erzeugen wir dank des starken Gefälles und des Wasserreichtums aus Wasserkraft.“ Dazu komme bald ein beträchtlicher Anteil geothermisch gewonnener Energie. Sie soll den Diesel ablösen, der im Moment 75 Prozent des Energiebedarfs deckt. „Im Roseau Valley wollen wir 300 Megawatt produzieren. Über Erdkabel könnten wir dann je zwischen 40 und 50 Megawatt nach Guadeloupe und Martinique verkaufen“, so der Koordinator. Für die eigene Bevölkerung würde der Strom viel billiger. Anders als etwa in Trinidad und Tobago, wo die Kilowattstunde fünf US-Cent koste, hätten die Dominicaner mit 40 Cent die höchsten Stromkosten in der Karibik. Schuld daran sind laut Fadelle der teure Diesel und die wegen der vielen Berge aufwendige Infrastruktur für die nur 70.000 Menschen der Republik.
Geologen kritisieren die ehrgeizigen Pläne als zu unsicher, da alle für die Geothermie geeigneten Orte in einer aktiven Erdbebenzone liegen. Besonders in solchen Zonen könnte der Betrieb von Geothermie-Anlagen, bei denen warmes Wasser aus dem Untergrund gepumpt und kaltes nach unten gepresst wird, starke Erdbeben auslösen. Das sei gerade im dichtbesiedelten Roseau Valley, in dem die Hauptstadt liegt, eine Katastrophe. Fadelle hält die Probleme trotzdem für beherrschbar und sucht weiter nach Investoren, die ihm helfen, die Geothermie-Anlagen zu bauen.
Zwei Etagen über seinem Kollegen Fadelle, im Gesundheitsministerium Dominicas, sitzt David Johnson. Der Chief Medical Officer ist für einen weiteren Sektor zuständig, den „Ethical Traveler“ in seinem Bericht an Dominica lobt, das Gesundheitswesen. Johnson erklärt seinen Gästen gerne, wie gut die 52 über die Insel verstreuten Gesundheitszentren arbeiten, in denen Krankenschwestern die Patienten bei Bedarf an Ärzte überweisen. Selbstverständlich sei die Behandlung umsonst.
Mit den Themen Gesundheit und Wellness werben auch die Tourismusverantwortlichen um Gäste. Dank der vielen Vulkane locken zahlreiche warme Naturpools inmitten der üppigen Pflanzenwelt zum Entspannen. Selbst im seichten Meereswasser blubbert es warm aus dem Boden, etwa am „Bubble Beach“ von Soufrière. Die Gärten und Farmen platzen fast vor exotischer Vielfalt. Allein 14 Bananensorten wachsen hier. Dazu Mango, Papaya, der sogenannte Wax Apple, Zitrusfrüchte, Ananas, Yams, Kakao. Bei so viel gesunder Ernährung scheint es logisch, dass auf Dominica überdurchschnittlich viele über Hundertjährige leben, worauf die Tourismusverantwortlichen gerne hinweisen. Und als im Jahr 2003 Elizabeth George Israel mit 128 Jahren als damals älteste Frau der Welt auf Dominica starb, schaffte ihr Porträt es anschließend auf die 90-Cent-Briefmarke.
Tatsächlich aber lebt die Wellness-Insel heute gar nicht so gesund. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist jeder vierte Bewohner fettleibig. Damit gehört das Land weltweit zu den 25 Ländern mit den schlechtesten Werten. „Die Folge sind viele Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems und vor allem Diabetes“, sagt Sybil Allen-Jones. Die Ernährungsexpertin unterrichtet an der Ross-Universität Trophologie und zeigt Touristen, wie sie gesund und zugleich lecker kochen. Dazu steht sie regelmäßig auf dem Wochenmarkt von Portsmouth, um den Marktbesuchern zu beweisen, wie gut gesunde Ernährung aus regionalen Produkten schmecken kann. Allen-Jones: „Anders als etwa in den Vereinigten Staaten, die hinsichtlich Fettleibigkeit auch zu den Top 25 gehören, sind die Behandlungsmöglichkeiten der Folgeerkrankungen hier alles andere als gut.“ So würde Diabetes oft nicht richtig behandelt, Beinamputationen gerade bei armen Menschen seien häufig.
Bus in Pointe Michel
Im zunehmenden Konsum von Fastfood und Softdrinks sieht Johnson zwar auch ein Problem. Seine Regierung habe aber bereits die Steuern auf ungesunde Lebensmittel erhöht sowie an öffentlichen Plätzen Poster aufgehängt, die zur gesunden Ernährung auffordern. „Das reicht nicht“, meint dazu Allen-Jones. Sie ärgert sich darüber, dass heimische Früchte und Gemüse längst nicht überall auf der so fruchtbaren Insel für alle Menschen günstig zu bekommen sind. Die FAO hat der Regierung deswegen schon empfohlen, die Landwirtschaft zu unterstützen, um die Kosten für heimisches, gesundes Essen zu senken. Doch das Gegenteil scheint zu geschehen. Lediglich der Export von Obst und Gemüse auf die Nachbarinseln werde gefördert, um dem Importüberschuss der Republik zu begegnen, kritisieren viele Bauern und mit ihnen auch Allen-Jones. Staatliche Gelder flössen nahezu komplett in den Tourismus. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn es beim Transport landwirtschaftlicher Produkte in andere Orte als die beiden großen Häfen etwas Hilfe gäbe, sagen sie. Herve Nizard, der ökologische Landwirt und Ferienhausanlagenbesitzer, wiegelt ab und mahnt, die Möglichkeiten der Regierung nicht zu überschätzen. Deren Haushalt sei noch nicht einmal halb so groß wie der des FC Bayern München: „Was willst du da groß machen?“
© F.A.Z.-Karte lev.
Der Weg nach Dominica
Anreise: Aus Europa gibt es keine Direktflüge. Am besten mit Air France nach Guadeloupe und von dort am nächsten Tag mit der Fähre (express-des-iles.com) nach Dominica (komplett ab ca. 700 Euro)
Wohnen: Das „Fort Young Hotel“ (ca. 80 Euro/DZ) in der Hauptstadt ist ideal für Ausflüge ins Roseau River Valley. Traumhaft: „Beau Rive“ bei Castle Bruce (ca. 175 Euro/DZ). In herrlicher Umgebung und ideal für Wanderungen im Süden: „Rodney’s Wellness Retreat“ in Soufrière (ab 25 Euro p. P.)
Weitere Informationen unter www.discoverdominica.com.


