Wie diese sieben Staaten zum Schlachtfeld der US-Wahl wurden
Manchmal lohnt sich Wahlkampf einfach nicht. Wenn von vornherein klar ist, dass ein Donald Trump in einem progressiven Bundesstaat wie Kalifornien oder eine Kamala Harris in einem konservativen Staat wie Texas keine Mehrheit bekommen kann, dann wollen sie dort weder Zeit noch Geld verschwenden. Selbst ein richtig guter zweiter Platz bringt nämlich gar nichts: Der Sieger bekommt sämtliche Wahlleute – „Winner Takes All“, sagen die Amerikaner.
Umso häufiger hatten die Menschen in Pennsylvania, Michigan und Wisconsin im Nordosten sowie Nevada, Arizona, North Carolina und Georgia im Süden der Vereinigten Staaten zuletzt Besuch von Trump, Harris und den prominentesten Fürsprechern der beiden. Im Netz, im Radio, im Fernsehen und selbst an der eigenen Haustür konnten sie sich vor Wahlwerbung kaum retten. Das galt erst recht für die wenigen, die nicht längst entschieden waren, wen sie wählen – oder ob überhaupt. Auf sie haben beide Kandidaten ihre Botschaften zugeschnitten.
Was also macht die Wähler dieser „Swing States“ aus, auf die in dieser Wahlnacht die halbe Welt starrt?
Pennsylvania, das sei „Philadelphia im Osten und Pittsburgh im Westen mit Alabama dazwischen“, charakterisierte Bill Clintons Wahlkampfstratege James Carville den Staat einst. Der Staat im Nordosten der USA stellt die meisten Wahlmännerstimmen unter den Swing States und ist entsprechend umkämpft.
Kamala Harris will vor allem Wähler in den beiden Metropolen mobilisieren. Philadelphia ist eine der prosperierenden Millionenstädte in dem nach einem Schnellzug benannten „Acela-Korridor” von Washington nach Boston, eine Art Mini-New-York mit Finanzindustrie und großen Biotechnologie-Unternehmen; vier von zehn Einwohnern sind Afroamerikaner. Die Bevölkerung von Pittsburgh ist deutlich weißer. Doch auch die frühere Stahl-Kapitale im Westen des Staates hat den Übergang zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft gemeistert und viele gut ausgebildete Amerikaner angelockt, die für Trump schwerer zu gewinnen sind.
Dazwischen aber liegen lauter Trump-Hochburgen: Seit den siebziger Jahren sind die vielen kleineren Industrie- und Bergbauzentren des Staates im Niedergang – auch Scranton, wo 1942 Joe Biden geboren wurde. Die Produktion wurde ins Ausland ausgelagert, immer weniger Arbeiter stellen etwas her. Das war ein Nährboden für Trump, der den Staat mit Bekenntnissen zu Kohleabbau und Fracking sowie Tiraden gegen den Freihandel zum „Schaukeln“ brachte und 2016 gewann. Die Demokraten hatten offenbar übersehen, dass ihnen selbst Gewerkschaftsmitglieder in Scharen davongelaufen waren.
Demoskopen betrachten das vielfältige Pennsylvania als Mikrokosmos der USA. Was hier passiert, dürfte viel über die Stimmung anderswo aussagen. Allerdings wird es wegen der Auszählungsregeln vermutlich besonders lange dauern, bis im „Keystone State” ein Ergebnis vorliegt.
Der „Great Lakes State“ im Norden der USA ist nicht nur stolz auf seine großen Seen, sondern auch auf die „Big Three“: Die drei großen Autohersteller General Motors, Ford und Chrysler haben ihre Konzernzentralen in Michigans größter Stadt Detroit. Historische Wolkenkratzer zeugen von ihrer Bedeutung für die Region – und zugleich verraten die vielen Brachflächen in der jahrzehntelang geschrumpften Stadt, dass es sich nicht um eine ungebrochene Erfolgsgeschichte handelt. Nicht ohne Grund wird Michigan zum „Rostgürtel“ gezählt.
Donald Trump findet jedenfalls viel Gehör für seine Tiraden gegen E-Autos. Auf die Gewerkschaftsmitglieder können sich die Demokraten nicht mehr blind verlassen, auch wenn die Führung der „United Auto Workers“ offiziell zur Wahl von Joe Biden und dann Kamala Harris aufgerufen hatte. Viele weiße Arbeiter hegen Sympathie für Trump. Hillary Clinton hatte das 2016 nicht kommen sehen.
Kopfschmerzen bereitet den Demokraten heute eine weitere Wählergruppe. In Michigan sind 200.000 arabischstämmige Wähler registriert. Eigentlich den Demokraten zugeneigt, dürften viele aus Protest gegen eine als zu israelfreundlich empfundene Gazapolitik des Weißen Hauses die Wahl boykottieren. Harris hat sich aus Sicht vieler Wortführer nicht genug von Bidens Kurs distanziert und sich zu halbherzig um die Dissidenten gekümmert.
Unmittelbar nach der Wahl 2020 hatten Trump-Unterstützer einen zunächst spontan wirkenden Protest vor einem Auszählungszentrum in Detroit orchestriert. Sie bedrohten Wahlhelfer, die fast ausnahmslos schwarz waren – in Detroit stellen Afroamerikaner vier von fünf Einwohnern. Die Demonstranten, die den Helfern mit an den Haaren herbeigezogenen Behauptungen Manipulationen unterstellten, kamen aus dem weiten, ziemlich weißen Rest des Staates.
Man könnte meinen, in Wisconsin hätten Demokraten und Republikaner noch einen gemeinsamen Sinn für das, was wichtig ist. Immerhin trugen die Delegationen beider Parteien auch diesmal auf den jeweiligen Nominierungsparteitagen riesige gelbe Styroporkäse auf dem Kopf – eine Hommage an die rund 5500 Milchfarmen mit ihren 1,3 Millionen Kühen in dem Staat an der Grenze zu Kanada. Zwölf Prozent der Beschäftigten von Wisconsin sind in der Landwirtschaft tätig.
In Wirklichkeit gilt Wisconsin seit einiger Zeit als ein besonders polarisierter Staat, in dem es politisch ziemlich unversöhnlich zugeht – und das ohne außergewöhnliche externe Schocks. Die meisten Statistiken deuten eher auf Stabilität. Gewiss, der Niedergang der Industrie traf die Großstadt Milwaukee – den Staat insgesamt aber nicht so arg wie Michigan oder Pennsylvania.
Demographische Veränderungen halten sich im Rahmen; kein anderer Bundesstaat mit mehr als fünf Millionen Einwohnern ist „weißer“ als Wisconsin. Das flache Land ist in republikanischer Hand. Neben Milwaukee, das keine zwei Autostunden von Chicago entfernt liegt, ist Madison mit seiner als progressiv geltenden Universität eine sichere Bank für die Demokraten.
Die Republikaner haben im Juli mit Bedacht ihren Nominierungsparteitag in Milwaukee veranstaltet. Sie wollen das Wunder von 2016 wiederholen: Trump war der erste Republikaner seit Ronald Reagan 1984, der den Staat gewann – ohne jede Vorwarnung der Demoskopen und mit nicht einmal 23.000 Stimmen Vorsprung. Biden eroberte ihn 2020 zurück – mit weniger als 21.000 Stimmen Vorsprung.
Auch der „Silver State“ im „Wilden Westen” ist ein Beispiel dafür, wie demographische Entwicklungen Wahlausgänge verändern können. Inzwischen sind rund 20 Prozent der Wahlberechtigten dort Latinos – eine Wählergruppe, die traditionell mehrheitlich den Demokraten zugeneigt ist.
Parteiloyalitäten sind in Nevada allerdings nicht sehr ausgeprägt: In Nevada haben sich mehr Bürger als Unabhängige für die Wahlen registriert denn als Anhänger einer der beiden Parteien. Diese potentiellen Wechselwähler werden von beiden Seiten heftig umworben.
Mehr als zwei Drittel der rund drei Millionen Einwohner in dem weitläufigen Rancher-Staat leben im Clark County, wo die Casinos und Hotels von Las Vegas die wichtigsten Arbeitgeber sind – darunter das Trump International Hotel. Die Arbeitnehmer im Gastgewerbe hatte Trump im Blick, als er in Nevada etwas versprach, was ihn auch für eingewanderte Kellner oder Barkeeper attraktiv machen sollte: „No tax on tips” – keine Steuern auf Trinkgelder.
Demokraten gaben sich zunächst empört über dieses ihrer Ansicht nach nicht durchgerechnete Wahlgeschenk. Dann zog Kamala Harris nach und versprach dasselbe. Denn auch sie kann sich nicht erlauben, auf die sechs Wahlleute eines Staates zu verzichten, in dem Barack Obama zweimal mit klarem Vorsprung gewonnen hatte, die Republikaner seither aber viel Boden gut gemacht haben.
Der Wüstenstaat Arizona teilt sich beinahe 600 Kilometer Grenze mit dem Nachbarland Mexiko. So drehte sich der Wahlkampf hier maßgeblich um das Thema Migration, bei dem Trump die Demokraten vor sich herzutreiben weiß. Dennoch konnte Joe Biden 2020 in dem Staat als erster Demokrat seit 1996 siegen. Wie konnte der Grand-Canyon-Staat wenn nicht blau, so doch wenigstens violett werden?
Die erste Antwort lautet: Zuwanderung. 25 Prozent der Wahlberechtigten bezeichnen sich als Latinos. Allerdings heißt das in Arizona nicht, dass sie zwangsläufig ihr Kreuz bei den Demokraten setzen. Vielmehr gibt es auch in dieser Community immer lautere Stimmen, die ein hartes Durchgreifen an der Grenze fordern. Arizona wächst allerdings auch durch Zuzug aus anderen US-Bundesstaaten: Das Wetter ist auch im Winter warm, und die Lebenshaltungskosten sind niedriger als etwa in Kalifornien.
Daher lautet die zweite Antwort: Verstädterung. Mehr als 60 Prozent der Einwohner Arizonas wohnen in Maricopa County, dem Landkreis, in dem auch die Hauptstadt Phoenix liegt. Diese weit ausgedehnte Metropole ist inzwischen die fünftgrößte der Vereinigten Staaten. Sie ist nicht wie New York, Chicago oder Los Angeles eine traditionelle Demokraten-Hochburg – aber der Trend geht in diese Richtung.
Daneben haben die Demokraten-Strategen die indigene Bevölkerung im Blick gehabt. Das Reservat der Navajo liegt zu großen Teilen auf dem Staatsgebiet von Arizona. In einem Staat, in dem Biden mit gerade einmal 11.000 Stimmen Vorsprung gewann, sind auch sie nicht zu vernachlässigen. Sie aber an die Wahlurnen zu bekommen fällt auch der Harris-Kampagne schwer.
Erst seit einigen Wochen taucht ein weiterer Staat des „alten Südens“ wieder regelmäßig auf den Swing-State-Listen auf: North Carolina am Atlantik, wo Trump zwar schon zweimal gewonnen hat, aber mit knappem Vorsprung. Der bisher letzte Demokrat, der in dem Staat gewann, war Barack Obama 2008 – vier Jahre später konnte er sich dort aber nicht behaupten. Das Kuriose ist: So selbstverständlich die Bürger des Staates in den vergangenen Jahrzehnten bei Präsidentenwahlen Republikaner gewählt haben, so häufig wählten sie Demokraten zum Gouverneur.
Für Harris kommt es auf die Mobilisierung der schwarzen Bevölkerung an: immerhin 22 Prozent der Wählerschaft, fast neun Prozentpunkte mehr als im nationalen Durchschnitt. Dass sie sich überhaupt Hoffnungen machen darf, liegt auch in North Carolina am ungleichen Bevölkerungswachstum – es sind die eher linksliberal tickenden (Universitäts-)Städte, die für Amerikaner aus anderen Staaten attraktiv sind.
Der Hurrikan „Helene“ hat auch in North Carolina große Schäden verursacht. Daraus wurde ein großes Wahlkampfthema, unter anderem, weil Trump der Katastrophenschutzbehörde FEMA heftige Vorwürfe machte. Das Votum könnte insofern auch eine Abstimmung über die Nothilfe der Bundesregierung unter Biden und Harris werden.
Georgia am Atlantik gehört zum „Deep South” der Vereinigten Staaten – also dem tiefen Süden, dessen Wirtschaft vor dem Bürgerkrieg besonders von der Sklaverei abhing. Damit war es fest in Demokraten-Hand, bis die sich in den 1960er Jahren in einer 180-Grad-Wende zur Speerspitze der Bürgerrechtsbewegung erklärten. Nach 1960 konnten nur zwei demokratische Präsidentschaftskandidaten in Georgia gewinnen: der aus dem Staat stammende Erdnussfarmer Jimmy Carter, Bill Clinton (weil sich 1992 zwei Konservative gegenseitig Stimmen stahlen) – und Joe Biden vor vier Jahren.
Dessen Sieg ging zu einem Großteil auf die systematisch betriebene Registrierung und Mobilisierung schwarzer Wähler zurück, die ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Die Entwicklung des tiefroten Georgia zu einem Swing State lässt sich dabei nicht ohne das seit Langem boomende Atlanta erklären.
Mehr als die Hälfte von Georgias Bevölkerung lebt im Großraum der Hauptstadt des Staates. Deren Flughafen gehört als internationales Drehkreuz zu den größten der Welt. Atlanta wurde auch zu einem Mittelpunkt der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, was auf gezielte Steuererleichterungen Anfang der 2000er Jahre zurückgeht. So wurden hier zahlreiche Filme der Marvel Studios gedreht. Auf diese Weise kam auch politisch etwas Hollywood in den alten Süden.
Die Republikaner versuchen dem zu entgegnen, indem sie Zweifel an der Stimmenauszählung wecken. Legendär ist Trumps Anruf beim republikanischen „Secretary of State” nach der denkbar knappen Niederlage 2020, er solle ihm die fehlenden 11.800 Stimmen „finden”. Bis kurz vor der Wahl versuchten Republikaner dieses Jahr, das Wahlrecht in ihrem Sinne zu verändern. Dass das vor Gericht scheiterte, dient ihnen nun als Beleg dafür, dass die Wahl unfair sei.


