„Stärke
schreckt Aggression ab“
Zum ersten Mal steht Friedrich Merz als Bundeskanzler vor den Abgeordneten des Bundestages. Seine Regierungserklärung dauert knapp eine Stunde – der Christdemokrat spannt darin einen weiten inhaltlichen Bogen. Diese zehn Sätze werden von seiner Rede in Erinnerung bleiben.
„Stärke schreckt Aggression ab.
Schwäche hingegen lädt zur Aggression ein.“
Merz kündigt eine deutliche Ausweitung der deutschen Verteidigungsausgaben an. Dass es ihm hierbei in erster Linie um Russland geht, steht deutlich im Raum, auch wenn er den Aggressor an dieser Stelle nicht benennt.
„Die Bundesregierung wird zukünftig alle finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, die die Bundeswehr braucht, um konventionell zur stärksten Armee Europas zu werden.“
Noch mit dem alten Bundestag haben die neuen Regierungsparteien ein Finanzpaket für Verteidigung und Infrastruktur durchgebracht, das den finanziellen Spielraum nach oben de facto offenlässt. Merz nennt nun zum ersten Mal ein konkretes Ziel, das mit diesem Geld erreicht werden soll – ein ehrgeiziges Ziel, das alle bisherigen Maßgaben überschreitet.
„Wir sind nicht Kriegspartei und wollen dies auch nicht werden. Aber wir sind eben auch nicht unbeteiligte Dritte oder neutrale Vermittler.“
Merz ist beim Ukrainekrieg in einer ähnlich schwierigen Position wie sein Vorgänger Olaf Scholz. Dennoch hat er seit Amtsantritt schon deutlich gemacht, dass er eine schärfere Linie verfolgt als der Sozialdemokrat – indem er etwa die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern nicht ausschließt.
„Unser großer Partner im Osten wird für diese Bundesregierung eine ebenso große Rolle für die Europapolitik spielen wie unser großer Nachbar im Westen.“
Der neue Kanzler hat gleich an seinem ersten Tag im Amt sowohl Paris als auch Warschau besucht. Er macht damit deutlich: Er verfolgt eine neue Ausrichtung in der Europapolitik, stärker auch nach Osten gewandt. Den so wichtigen guten Draht zum polnischen Regierungschef Donald Tusk allerdings drohte er mit den Grenzkontrollen an der deutsch-polnischen Grenze, ein wichtiges innenpolitisches Ziel, zuletzt zu riskieren. Diese Spannung dürfte den Kanzler weiter begleiten.
„Deutschland ist ein Einwanderungsland. Das war so, das ist so und das bleibt auch so.“
Der Bundeskanzler ist in seiner Rede immer wieder von einer neuen Schärfe, die es in der Migrationspolitik brauche, zurückgekehrt zur andererseits dringend benötigten und gewünschten Einwanderung. Die Gratwanderung, auf der er seine Akzeptanz als Kanzler links wie rechts der Mitte schnell riskiert, ist politisch notwendig: Ohne eine grundsätzliche Offenheit für Migration ist Protest aus der SPD bei Zurückweisungen illegaler Einwanderer vorprogrammiert.
„Zu bezahlbarem Wohnraum gehört vor allem: bauen, bauen, bauen.“
Es ist eine politische Binse, dass es in Deutschland zu wenig Wohnraum gibt. Interessant ist, dass Merz so formuliert, wie es im Wahlkampf eher Vertreter von SPD und Linkspartei taten: Bezahlbarer Wohnraum als politisches Schlagwort kam bei Merz bislang eher selten vor. Die Passage steht beispielhaft dafür, dass Merz gezwungen sein wird, auf Linke zuzugehen: Linke in der eigenen Koalition und womöglich sogar die Linkspartei, wenn es um eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag geht.
„Für meine Generation ging es eigentlich immer nur vorwärts und aufwärts“
Friedrich Merz als Repräsentant einer Regierung, als Repräsentant Deutschlands: Das hat es in seiner langen politischen Karriere bislang nicht gegeben. Seine erste Regierungserklärung lässt erkennen, wie er in diese neue Rolle finden will. Der Bezug zu Ludwig Erhard und seinem Versprechen („Wohlstand für alle“), dem sich jüngere Generationen nicht mehr sicher sein können, ist nicht neu – wohl aber die für Merz'sche Verhältnisse wenig geradlinige, biografisch angehauchte Herleitung. Als Oppositionsführer ist Merz immer wieder auf Zwischenrufe eingegangen, hat den politischen Streit gesucht, in seiner Regierungserklärung ignoriert er solche Provokationen konsequent, geht nicht einmal mit Blicken oder Redepausen auf sie ein.
„Wir können alle Herausforderungen, ganz gleich wie groß sie auch sein mögen, aus eigener Kraft heraus bewältigen.“
Der Grundsatz des Kanzlers Friedrich Merz, der seine zentralen Politikfelder – Wirtschaft, Migration, Außen – durchziehen soll, heißt: Stärke. Deutschland soll nicht ängstlich auf Unterstützung der USA und auf eine erfreulichere Konjunktur hoffen, sondern selbstbewusst vorangehen. Um dann, so die Botschaft, eben jene Ziele zu erreichen, an denen die Ampel gescheitert ist: Wirtschaftliches Wachstum generieren, eine europäische Ukraine-Politik prägen und das Gefühl der Kontrolle über die eigenen Grenzen vermitteln.
„Deutschland muss ein Schutzraum
für Jüdinnen und Juden sein und bleiben.“
Der Kanzler prangert Antisemitismus in Deutschland an und macht deutlich, dass die Bundesrepublik an der Seite Israels steht. Das stand grundsätzlich nie infrage, womöglich aber, so die ersten Signale, wird die deutsche Kritik am Vorgehen der israelischen Führung im Gazakrieg nach dem Regierungswechsel nun etwas leiser werden.
„Ihre Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine war wegweisend und sie war historisch.“
Der Kanzler findet lobende Worte für seinen Vorgänger Olaf Scholz. Das Signal, nach innen wie nach außen: Auch in Deutschland hat die politische Mitte mit Verlusten zu kämpfen, diese bleibt aber im Kern stabil.


