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Raus aus dem Brennpunkt

Einmal durch Paris flanieren

Von TIMO STEPPAT (Text) und FRANK RÖTH (Fotos), Kaiserslautern/Paris
30. August 2025 · Sie leben in einem sozialen Brennpunkt, Geld für Lebensmittel fehlt. Trotzdem soll es mal rausgehen aus dem Kalkofen. Zumindest für einen Tag.

Jeden Samstag stellen sie die Stühle vor dem Geranienweg 7 auf. Zwei Reihen, je vier Plätze. Von 15 Uhr an sitzen sie hier und warten, dass es losgeht. Es gibt Kaffee, Tee und Wassermelone. Eine Frau erzählt von ihren Enkeln, eine andere vom Stress mit dem Amt. Manche haben Behördenbriefe mitgebracht, die sie nicht verstehen. Weil fast alle, die hier am Kaiserslauterer Kalkofen leben, arm sind, ist die wöchentliche Lebensmittelverteilung das Nachbarschaftsfest des Viertels.

Brigitte tritt an das offene Fenster im Hochparterre des Geranienwegs 7. Ihre grauen Haare sind akkurat geschnitten, vor ihrem Ruhestand hat sie als Unternehmensberaterin gearbeitet, heute leitet sie ehrenamtlich den Helferkreis Kalkofen. Einer festgelegten Warteliste folgend, die Ältesten kommen zuerst dran, reicht Brigitte den Bewohnern die Lebensmittel aus dem Fenster. Manches ist abgelaufen, anderes gespendet worden. Nach einer knappen Stunde sind Claudia und Mike dran. Er humpelt auf zwei Krücken zum Fenster, sie trägt die Tasche.

Brigitte reicht ihnen gleich einige Sachen in einem Korb an – Obst, Gemüse und ein paar Teilchen. „Mögt ihr Spätzle mit Speck?“, fragt sie und hält ein Fertiggericht hoch. „Ja, klar“, sagt Claudia. „Hast du auch Fleisch?“ Brigitte dreht sich um, schaut in die Kühlschränke. Claudia, eine Frau Anfang 60, die Haare rot, der Blick wach, setzt gleich zur Klage an: „Fleisch gibt’s wahrscheinlich nicht mehr. Das haben die anderen vor uns bekommen, tja.“ Dann reicht ihr Brigitte doch ein eingefrorenes Stück Kassler aus dem Fenster. Die beiden wollen schon aufbrechen, da gibt ihnen Brigitte zwei Zettel:  „Hier sind noch euere Einladungen nach Paris.“ Mike strahlt. „Ich will über die Champs-Élysées flanieren.“

Als Brigitte das erste Mal erzählt, dass sie mit 30 Bewohnern des sozialen Brennpunkts nach Paris fahren will, klingt es wie ein Scherz. Warum sollen Leute, denen das Geld für Essen, für eine schöne Wohnung fehlt, einen Tag lang die französische Hauptstadt besuchen? Brigitte sagt: „Weil viele nicht mal Kaiserslautern verlassen haben, geschweige denn im Ausland waren.“ Sie will, dass sie auch die Welt außerhalb des Kalkofens kennenlernen. Deshalb war sie mit ein paar von ihnen in der Oper, „Madama Butterfly“. Und mit 20 Kindern aus dem Viertel war Brigitte in den Ferien im Technikmuseum in Pirmasens. Warum also nicht Paris?

Um kurz nach sechs an einem Montagmorgen im August hält der Reisebus im Geranienweg. Claudia steht neben Mike, der an seiner E-Zigarette zieht. Im Helferkreis waren sie sich nicht sicher, ob er die Stadttour zu Fuß durchhält, aber er wollte unbedingt. Deshalb fährt er mit. Andere haben abgesagt, weil sie sich nicht fit genug fühlen oder weil ihnen ein Pass fehlt, um Deutschland zu verlassen.

Tanja schaut aus dem Fenster, während die Ersten in den frühen Morgenstunden am Treffpunkt im Geranienweg ankommen.
Abreise: Fahrerin Karin bereitet den Bus vor.

Insgesamt steigen 22 in den Bus. Vier stammen aus Syrien, vier aus der ­Ukraine, der Rest lebt schon lange im Stadtteil. Als „echte Kalköflerin“ stellt sich Tanja vor: Die kleine, etwas gedrungene Frau mit roten, kurzen Haaren wuchs am Kalkofen auf, ihre Familie lebt noch immer hier. Das Verhältnis ist angespannt. Ihre Mutter setzte sie als Kind vor die Tür, die Großmutter zog sie auf. Als sie starb, war Tanja wieder auf sich gestellt und eine Zeit lang obdachlos. Mit Anfang 40 hat sie vor Kurzem ihren ersten festen Arbeitsvertrag unterschrieben. Als einzige Hauptamtliche arbeitet sie, gefördert vom Jobcenter, für den Helferkreis. An diesem Tag verlässt sie zum ersten Mal Kaiserslautern, sagt sie. Tanja wirkt nervös.

Um 8 Uhr 30 fährt der Bus auf einen Parkplatz bei Metz. Zumindest schon mal in Frankreich angekommen. Die meisten laufen einmal durch die Raststätte, kaufen nichts, gehen auf Toilette, in Frankreich übrigens kostenlos, und kehren dann zum Bus zurück. Im offenen Gepäckraum stehen Kisten mit Wasserflaschen und Snacks, die der Helferkreis für die Fahrt gekauft hat. Vier der Reisenden prosten sich mit Bierflaschen nun in der Morgensonne zu. Andere tuscheln. Eigentlich war Alkohol auf der Fahrt verboten, das hatte Brigitte zur Bedingung gemacht. Sie zieht einige Meter entfernt auf dem Parkplatz an ihrer E-Zigarette, schaut kurz, stellt aber keinen zur Rede.

Wieder auf der Autobahn, meldet sich die Busfahrerin Karin zu Wort. Den Kasten Bier habe sie in den Gepäckraum gestellt, eine Flasche koste zwei Euro. Dass auf der Fahrt kein Alkohol getrunken werden sollte, das habe sie nicht gewusst, sagt sie. Später verteidigen sich zwei der Biertrinker: „Es stand ja einfach da“ – „Wir dachten, es gehört zum Proviant“. Auch beim nächsten Stopp trinken Einzelne Bier, allerdings haben sie es an der Raststätte selbst gekauft und prosten sich nicht zu.

Der Bus ist gerade in den Pariser Autobahnring eingebogen, als sich Karin wieder über das Mikrofon meldet, ihr Ton ist ernst: „Auch E-Zigaretten rauchen ist an Bord verboten.“ Von hinten entgegnet einer, es habe ja gar keiner geraucht. „Ich hab’s doch gesehen, ich lass’ mich nicht verarschen“, entgegnet Karin. Im Preis für die Fahrt ist sie dem Helferkreis entgegengekommen, sie ist die Chefin des kleinen Busunternehmens in Franken. Wollten andere 4000 Euro für die Fahrt haben, macht sie es für gut 2000 und sitzt selbst am Steuer. Der Plan ist, dass sie die Reisegruppe vor Notre-Dame absetzt, den Bus am Stadtrand abstellt und sich in einem Hotel schlafen legt.

Nachts soll sie die Gruppe am Eiffelturm abholen und heimfahren. Moni, graue kurze Haare, Kurzarmshirt, diebisches Lachen, holt als Letzte noch etwas aus dem Bus. Aber Karin wird unruhig, seit 15 Minuten stehe sie schon auf der Fahrspur mitten in Paris. Sie müsse los, raus jetzt. Moni, schon etwas älter, ärgert sich über den Ton. „Frechheit“, findet sie. Ein anderer stimmt ihr zu: „Wir haben die doch bezahlt, da kann die nicht so mit uns reden.“ 20 Euro hat jeder entrichtet, das fließt in Snacks und Métro-Ticket in Paris. Die Fahrt selbst trägt der Verein Helferkreis. Brigitte hört den Ärger über die Fahrerin, hebt die Augenbrauen, sagt aber nichts. Sie weiß, dass die Kalköfler ernst genommen werden wollen, dass sie auf Kritik teils empfindlich reagieren. Viele kennen das Gefühl, vom Amt gegängelt zu werden.

Die Warteschlange vor Notre-Dame reicht über den gesamten Platz. Moni legt kurz den Kopf in den Nacken und staunt. Im Fernsehen hatte sie gesehen, wie die Kathedrale brannte. „Jetzt stehen wir hier“, sagt sie zu Tanja.  „Ja, schon eindrucksvoll.“ Um in die Kathedrale zu kommen, müssten sie eine Stunde warten, das geht nicht. Sie wollen bis heute Nacht ganz Paris schaffen. Also nur Selfies und weiter zur Métro.

Die Warteschlange vor Notre-Dame ist lang an diesem Tag.
Andrej sagt, wo’s langgeht.
Die vielen Eindrücke können erschlagend sein.

Am Rande eines kleinen Antikmarktes wartet die Gruppe auf Brigitte, die die Tickets kaufen will. Suleiman, Anfang 70, und seine Frau Sawzan kommen auf den Fotografen zu. Auf den Bildern der Reise wollen sie höchstens am Rande zu sehen sein, sagen sie. Warum? Suleiman hält kurz inne. In Damaskus arbeitete er für das Auswärtige Amt als Übersetzer und Reiseführer, während des Bürgerkriegs in Syrien kam er mit seinen Söhnen nach Deutschland. Weil der Älteste bereits als Arzt in der Westpfalz arbeitete, zog die Familie nach Kaiserslautern. Am Kalkofen landeten sie, weil dort die Wohnungen am günstigsten sind. Arbeiten konnte Suleiman nicht, seine Abschlüsse und Fähigkeiten wurden nicht anerkannt. Heute erzählt er mit Stolz von seinen erfolgreichen Söhnen: Neben dem Arzt gibt es auch einen Lehrer und einen Betriebswirt. Suleiman, der seit einem Kehlkopftumor nur noch eingeschränkt sprechen kann, fasst sich an den Hals und drückt einen Knopf, der ihm dabei hilft: „Die anderen vom Kalkofen sind“, dröhnt die metallische Stimme, „sie sind Unterschicht. Ich möchte nicht mit ihnen in der Zeitung gesehen werden.“

Statt weiter zu warten, gehen manche  über den Antikmarkt. Als Brigitte nach einer halben Stunde mit den Tickets zurückkehrt – ihr Bargeld aus der Gruppenkasse war an zwei Schaltern nicht akzeptiert worden – , sind Einzelne noch unterwegs. Wie so oft an diesem Tag warten sie aufeinander.

Kurz darauf am Métro-Gleis dauert das Einsteigen zu lange. Die Tür der U-Bahn trennt die Gruppe in zwei Teile. Die Ersten steigen an der Haltestelle Château-Rouge aus, die Übrigen, die eine Bahn später nehmen, halten sich an den Reiseplan, den Brigitte vorbereitet hat, und wollen an Barbès-Rochechouart umsteigen, müssen dann aber doch auf jene warten, die an Château-Rouge gelandet waren. Als sie wieder beisammen sind, gehen sie die Treppen der U-Bahn hoch, dann eine weitere Treppe zum oberirdischen Gleis. Dort stellen sie fest, dass sie – wie es jedem Touristen mal passiert – auf der falschen Seite stehen. Also wieder runter und wieder rauf. Marija, Anfang 70, hält sich mit einer Hand am Geländer fest und drückt sich mit der anderen am Stock jede Treppenstufe hoch. Der Kopf der kleinen Frau ist leicht errötet, trotzdem wird sie an diesem Tag kein einziges Mal klagen. „Ich wollte nach Paris, jetzt bin ich hier“, sagt sie.

Brigitte zeigt, wo’s in der Métrostation langgeht.

In den vollen Straßen bei Montmartre braucht Moni eine Pause und einen Snack, sie ist Diabetikerin. Im Helferkreis führt sie samstags die Liste, wer bei der Essensausgabe dran ist. Die Autorität dafür hat sie. In den Kalkofen kam sie einst, als ihr Mann sie verließ, ein amerikanischer Soldat, mit dem sie mehrere Kinder hat, eins davon ist behindert. „Der musste zurück in die USA“, sagt sie. Mehrere Jahrzehnte ist das her, Kontakt oder finanzielle Unterstützung gab’s danach nicht mehr. Moni, Anfang 60, biss sich durch. „Geht schon alles“, sagt sie. Als die Kinder ihr mehr Zeit ließen, fand sie keine feste Arbeit. Beim Verein engagiert sie sich ehrenamtlich. Die Wochen vor Paris waren besonders. Sie konnte sich auf etwas freuen, auf die Abwechslung vom Alltag. Sonst fahren andere weg, diesmal Moni.

Eigentlich wollte Brigitte, dass jeder in Paris seiner Wege geht. Die Gruppe schien ihr zu groß, um mit allen zusammen unterwegs zu sein. Jeder bekam eine grobe Route mit Zeiten und Sehenswürdigkeiten, Métro-Anschlüssen und Busverbindungen zur Orientierung. Tanja wollte sich mit zwei anderen das Fußballstadion anschauen. Jetzt sagt sie, sie könne körperlich nicht mehr. Der Plan, über den sie morgens noch sprach, ist vergessen. Alle scheinen von der Stadt erschlagen, wollen die Gruppe nicht so richtig verlassen. Stattdessen verschwindet jeder mal für ein paar Minuten – auf Klo, zum Essen, für ein Souvenir. Claudia meckert: „Immer nur essen und trinken, wir wollen doch Paris sehen.“ Doch auch sie wartet mit.


„Wenn du ein Foto von dir mit dem Eiffelturm auf Instagram postest, zeigst du, dass du wohlhabend bist. Dann hast du’s geschafft“

Während die anderen noch vor den Stufen des Montmartre warten, wollen Andrej und drei weitere Ukrainer schon hoch zu Sacré-Cœur, der Basilika, die auf einem Berg thront. Sie machen Selfies, einzeln, zu zweit, als Gruppe. Der Ausblick auf Paris sei toll. Am Horizont suchen sie das Wahrzeichen der Stadt, auf das sie sich am meisten freuen. „Wenn du ein Foto von dir mit dem Eiffelturm auf Instagram postest, zeigst du, dass du wohlhabend bist. Dann hast du’s geschafft“, sagt Andrej lächelnd, er ist Ende 30. In der Ukraine arbeitete er in der Verwaltung, zurück will er aber nicht. In seinem Heimatland herrsche zu viel Korruption, darauf hat er keine Lust mehr. Deutschland sei da besser.

Ein Selfie mit der Basilika Sacré-Cœur

Um kurz vor halb sechs, zweieinhalb Stunden später als im Plan vorgesehen, sitzen alle in einem Bus zur Galerie Lafayette. Norman, auf seinem Shirt steht „Mafia Boss“, auf seinen Handrücken ist das Logo des 1. FCK tätowiert, schaut durch eine verspiegelte Brille auf die Straße. Er wurde früh Vater, hat mehrere Kinder mit unterschiedlichen Partnerinnen, ist mit Anfang 40 Großvater. Mit seinem Finger zeigt er auf eins der Straßenschilder und lacht laut. Es weist darauf hin, dass Parken verboten ist, ausgenommen (Französisch: „sauf“) sind Behinderte, das symbolisiert ein Rollstuhl. „Sauf, Rollstuhlfahrer. Die wollen, dass die saufen“, sagt er. Keiner lacht so recht, die meisten sind zu müde. Eine antwortet: „Wenigstens sind die Behinderten auf vier Rädern und kippen nicht um.“

Paris, diese Stadt, die so leicht sein kann wie ein Glas Champagner, ist an diesem Tag zäh. Normans Sohn Damien, mit 15 der jüngste Reisende, ist müde. „Ich will nach Hause“, sagt er immer wieder, als er vor der Pyramide des Louvres steht. „Noch drei Stunden 22 Minuten, bis wir fahren“, ruft er. Vom Staunen der ersten Stunden ist nichts mehr zu spüren. Dabei kommt der Eiffelturm doch noch, auf den er sich morgens so gefreut hatte.  „Kann ich mich nicht irgendwo zum Schlafen hinlegen?“, will Damien wissen.

Unzählige Touristen strömen um die Kaiserslauterer Reisegruppe. Brigitte sagt für diejenigen, die es hören wollen, ein paar Sätze über den Louvre und seine Sammlungen. Sie war schon oft hier. Für das Innere fehlt ihnen aber die Zeit, dafür brauche man schließlich einen Tag. Auch für die Champs-Élysées ist keine Zeit mehr. Mike findet das nicht so schlimm.

Claudia ist genervt. Obwohl ihr Mann Mike am schlechtesten zu Fuß ist, müssen die beiden häufig wegen der anderen warten. Als sie dann die schönen Wohnhäuser im Pariser Zentrum sieht, kommt sie ins Schwelgen. „Hier zu wohnen, das wäre schon toll“, sagt sie. „So eine Wohnung hier kostet bestimmt 1000 Euro.“ – „Nein, viiiiel mehr“, sagt ein anderer. „Zweitausend?“, fragt sie. In den Schlichtwohnungen am Kalkofen zahlen sie keine Miete, sondern eine Nutzungsgebühr von 75 Euro pro Monat für ihre Wohnräume. Die städtischen Sozialwohnungen dienen in erster Linie der Verhinderung von Obdachlosigkeit. Auch die Wohnungen, die angrenzen, in denen Claudia und Mike wohnen, kosten nur wenige Hundert Euro. Nirgendwo sonst in Kaiserslautern sind die Mieten so niedrig.

Damit Mike nicht so viel laufen muss, wollen sie eine kleine Bootstour über die Seine machen. Ein bisschen Geld ist schließlich noch in der Kasse. Zum Anleger müssen sie den Bus nehmen. Der erste ist zu voll, auch in den nächsten und übernächsten passen sie nicht rein. Claudia erzählt, wie wenig sie Friedrich Merz, den Bundeskanzler, ausstehen kann. „Der will uns das Bürgergeld kürzen und dass alle länger arbeiten“, sagt sie. „Hat der einmal davon gelebt? Weiß der, wie es ist, wenn man noch mit 70 arbeiten muss?“ Auf den Einwand, dass er ja 69 sei, sagt sie: „Aber wenn ich so viel bekäme wie der, würde ich auch gerne im Alter noch arbeiten gehen.“ Bei der Bundestagswahl hat Claudia die AfD gewählt. „Die sollen endlich mal die Bonzenpartei CDU vom Sockel stürzen.“ Dass die AfD „immer noch nicht“ regiere, das versteht sie nicht. Wieder fühlt sie sich übergangen, wittert wieder eine Ungerechtigkeit.

Keine Zeit fürs Innere: Die Kalköfler schauen sich den Louvre an.
Aus der Métrostation hinaus ins Treiben der Stadt
Sie fangen letzte Sonnenstrahlen in Paris ein.
Die Smartphones sollen die Eindrücke festhalten.

Mit dem Bus kommen sie zum Bootsanleger, stehen dann in einer scheinbar endlosen Schlange. Als Claudia Mike fragt, ob er nicht auch pinkeln müsse, schüttelt er seine Backen. „Was, ich? Nö, ich geh nicht mehr aufs Klo.“ Wenn er lacht, hebt und senkt sich sein weißer Walross-Schnurrbart, der braun verfärbt ist. Er könnte ein guter Clown sein, das findet er auch. Aber gelernt hat er Lackierer, war einige Jahre bei der Bundeswehr, ist in Deutschland und der Welt rumgekommen. In München lernte er Claudia kennen und holte sie erst vor ein paar Jahren nach Kaiserslautern. Dann ging die Firma, für die er arbeitete, pleite. Er bekam kurz darauf den Schlaganfall. Jetzt hofft er, dass er bald als arbeitsunfähig in Rente gehen kann. Claudia hat keine Ausbildung, würde aber trotz ihres Alters gerne noch eine machen. Das Amt sagt, sie sei mit Anfang 60 zu alt dafür. Als Ungelernte, sagt sie, da bekomme sie nur Aushilfsjobs, in denen sie rumgeschubst und schlecht bezahlt werde. Am Bootsanleger merken sie, dass die Schlange zu lang ist. Bis sie dran wären, käme wohl schon der Bus, der sie heimfährt. Also weiter.

Die Nacht bricht ein. Um den Eiffelturm herum stehen Souvenirverkäufer und bieten auf Decken am Boden blinkende Nachbildungen des Turms an. Claudia hat sich zwei größere Türme gekauft, bekam vier kleine dazu, zehn Euro insgesamt. Die Erinnerung an Paris soll nicht verblassen. Norman und Damien, Vater und Sohn, haben sich von einer Kalköflerin, die Arabisch spricht, Hilfe beim Feilschen mit den Straßenhändlern geholt. Damien, anders als sein Vater Bayern-Fan, zeigt die zwei Trikots, die sie gekauft haben. „Die Zahlen hinten auf dem Bayern-Trikot sind aufgestickt. Das sind ja eigentlich Originale“, sagt er aufgeregt. Was sie dem Straßenhändler am Eiffelturm abgekauft haben, das könnten sie sonst ja zu Hause weiterverkaufen. Sie sind so froh, dass sie ein drittes kaufen, vom brasilianischen Spieler Neymar. Fast 150 Euro geben sie so aus.

Vor dem Eiffelturm wird mit Straßenhändlern gefeilscht.
Rückfahrt nach Deutschland: Raucherpause am Rastplatz Metz

Um kurz vor 23 Uhr hält der Reisebus am Eiffelturm. Die Kalköfler lassen sich in die bequemen Sitze fallen, Erleichterung macht sich breit. Erst plaudern sie noch halb laut, ab der Pariser Stadtgrenze wird es immer leiser. Nach dem Halt an der Raststätte in Metz, wo viele noch eine rauchen, ertönt im Bus gegen vier Uhr aus einem Handylautsprecher ein Lied der Schlagersängerin Andrea Berg. Sie singt in „Jung, verliebt und frei“ von einem Aufbruch, einer neuen Liebe. Als der Bus um halb sechs morgens im Geranienweg hält, steigen sie alle mit kleinen Augen aus. „Auch gut, wieder hier zu sein“, sagt Moni. Schneller Abschied. Jeder geht im Morgengrauen wieder allein nach Hause. Vorbei an durchlöcherten, grauen und beigen Hausfassaden, zurück ins alte Leben. In ein paar Minuten geht die Sonne auf. Alles wie immer? Sie haben Paris gesehen.


Vergessene Orte

Kaputte Straßen, und die AfD ist obenauf

Vor dem Eiffelturm wird mit Straßenhändlern gefeilscht.

Ein Besuch in St. Pauli

Die Pest auf dem Kiez

Rückfahrt nach Deutschland: Raucherpause am Rastplatz Metz
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