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Kohle statt Kirche

Von TOBIAS SCHRÖRS und REINER BURGER, Fotos von STEFAN FINGER

23. März 2021 · Keyenberg soll für den Braunkohletagebau Garzweiler II abgebaggert werden. Ein Streit über die Zukunft der Dorfkirche entzweit die Gemeinde. Die einen wollen abschließen. Die anderen weiterkämpfen. Sie hoffen auf eine Entscheidung, die noch im März fallen soll.

Im Haus von Ingo Bajerke brennt noch Licht. Es ist eins der wenigen im Dorf, in denen noch jemand wohnt. In der Nachbarschaft hängen die Rollläden müde herunter, das Geschäft gegenüber steht leer. Die meisten haben ihr Haus schon an den Energiekonzern RWE verkauft, weil die Braunkohle-Bagger sich hier in die Erde fressen sollen. Bajerke weist mit der Hundeleine in der Hand auf die anderen Häuser. „Der ist nach Österreich zu seiner Tochter gezogen, der nach Viersen, der nach Rheindahlen und der nach Neu-Keyenberg“, sagt er. Offiziell heißt die Siedlung, die ein paar Kilometer entfernt das mehr als tausend Jahre alte Dorf ersetzen soll, ein bisschen anders. Das Geschichtslose trägt sie als Klammerzusatz im Namen: Keyenberg (neu).

Ingo Bajerke bei seinem abendlichen Spaziergang durch Keyenberg.
Ingo Bajerke bei seinem abendlichen Spaziergang durch Keyenberg.

Bajerke geht eine Gasse hinauf, die auf einem Reißbrett niemand planen würde. Mit seinem Hund passt er gerade so zwischen die beiden Hauswände. Die Mauer auf der rechten Seite gehört zu einem alten Gehöft. Die Familie ist erst seit gestern weg. Ein Gartenzwerg hinter dem Haus ist geblieben. Bajerke lässt seinen Blick über den gestutzten Rasen schweifen. „Hier wird es bald auch aussehen wie da drüben“, sagt er und zeigt auf einen verwilderten Schrebergarten, in dem früher eine Gladbach-Fahne wehte und Männer Fußball guckten. Auch Bajerke hat sein Haus inzwischen verkauft. Auf Grundstück 29 in Keyenberg (neu) steht schon ein Baukran.

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