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Pflege von Angehörigen

Ich bin für dich da, Oma

Von PAUL WEINHEIMER (Text) und LUCAS BÄUML (Fotos)
5. September 2026 · Als ihr Vater es nicht mehr schafft, entscheidet sich Katharina, ihre Oma zu pflegen. Sie kündigt ihre Wohnung und pausiert ihr Berufsleben. Mit 29 Jahren gibt sie alles auf. Heute sagt sie: Das war die beste Entscheidung.
Jedes Mal ein kleiner Kraftakt: Katharina bringt ihre Großmutter Erika aus dem Schlafzimmer in die Küche.

An Tagen wie diesen ist der Kopf von Oma Erika neblig, sagt Katharina. Es ist kurz nach zwölf, sie steht an der Bettkante, beugt sich zu ihrer Oma hinunter und spricht langsam.

„Hast du schon Hunger, Oma? Auf Suppe?“

„Ich habe Angst zu fallen“, sagt Oma Erika, die in ihrem Bett liegt, die Augen noch halb geschlossen.

„Das brauchst du nicht. Ich bin doch da“, sagt Katharina und streichelt ihr über die glatte Haut an der Stirn. Die vergangenen 96 Jahre haben dort kaum Falten hinterlassen. Nur die Muskeln und das Fett sind dem Alter gewichen und legen den Blick frei auf viele kleine Adern, die sich wie Wege auf einer Karte unter der Haut entlangschlängeln. Ein Körper, der dem Alter entsprechend gesund ist, aber auch einer, der auf Schutz und Pflege angewiesen ist.

Langsam dreht sich Oma Erika zu ihrer Enkelin. Ihre Augen tasten die Umgebung ab, bis sie Katharina erkennt und weiß: Ich bin zu Hause. Ich bin sicher.

Diese Geschichte könnte eine gewöhnliche sein. Schließlich pflegen laut dem Statistischen Bundesamt ungefähr vier Millionen Menschen in Deutschland einen Angehörigen, und die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. Aber wenige haben dafür so viel aufgegeben wie Katharina. Um bei ihrer Oma zu sein, zog sie aus der Schweiz zurück nach Deutschland und pausierte ihr Berufsleben. In einem Alter von 29 Jahren, in dem sich andere für ihre Karriere oder eine eigene Familie entscheiden, entschied sie sich für ihre Oma.

Seit Anfang des Jahres wohnen die beiden nun zusammen in einer Wohnung in Wiesbaden, und Katharina übernimmt allein die gesamte Pflege. Kann das funktionieren?

Fotos, die an andere Zeiten erinnern: Aufnahmen von Oma Erika als junge Frau

Das Schlafzimmer von Oma Erika ist ein kleiner, aber gemütlicher Raum, nur wenig Licht bricht durch die Gardinen. An der Wand hängt ein Foto von ihr aus einer früheren Zeit, daneben eins von Katharinas Vater, ein Holzkreuz und eine große Weltkarte. Katharina streicht sich ihr langes, braunes Haar hinter die Schultern, damit sich Oma Erika nicht darin verfängt. Sie zieht den Rollstuhl an das Bett, schiebt den Fallschutz an der Bettkante nach unten und greift ihrer Oma behutsam unter die Arme.

„Geht’s, Oma? Eins, zwei, drei und hepp.“ Oma Erika stöhnt auf, murmelt vor sich hin, aber dann sitzt sie im Rollstuhl. Katharina legt eine dünne Decke über die nackten Beine. Der Wechsel vom Bett in die Küche oder in das Bad ist jedes Mal ein kleiner Kraftakt.

Szenen wie diese filmt Katharina mit ihrem Handy und lädt sie auf ihrem Instagram-Account hoch. „Ich will jungen Menschen zeigen, dass Pflege auch etwas Schönes sein kann“, sagt sie. Eigentlich sei sie immer der analoge Typ gewesen, habe nie einen Account auf den sozialen Medien gehabt, noch nicht mal ein Whatsapp-Profilfoto. Jetzt folgen ihr nach nur zwei Monaten schon fast 40.000 Menschen. Manchmal sei das mit den vielen Nachrichten überfordernd. Aber auch schön. Täglich sind in ihrem Posteingang Fotos und lange Texte, in denen Menschen über die Pflege ihrer Angehörigen berichten.

Viele Jahre lang hat Katharinas Vater Oma Erika zu Hause gepflegt. Als er dann aber Ende Januar 2026 wegen eines Herzleidens auf die Intensivstation kam, übernahm Katharina. Die Jahre zuvor hatte sie in Zürich gewohnt, arbeitete dort als Bankkauffrau, danach in der Tourismusbranche. Sie liebt die Schweiz, und auch die Jobs waren gut. Aber sie habe sich schon länger nach etwas Neuem gesehnt, sagt sie. Ohne etwas in Aussicht zu haben, kündigte sie. Fuhr nach Wiesbaden, dorthin, wo ihre Oma und ihr Vater leben. Sie wollte die freie Zeit nutzen, um dort eine altersgerechte Wohnung für ihren Vater zu suchen, doch dann wurde er krank. Und plötzlich brauchte auch Oma Erika ihre Hilfe.

Schnell war der Fußboden überhäuft mit Miet- und Kreditverträgen, mit Amtsschreiben und Gesetzestexten. Tagsüber fuhr Katharina ins Krankenhaus zu ihrem Vater, managte den Pflegedienst für ihre Oma; am Abend stand sie vor dem Berg deutscher Bürokratie, der sich auf ihrem Wohnzimmerboden stapelte und der nach so viel mehr verlangte als nach ein paar Unterschriften.

Es war, als ob sie von einem Krisenherd zum anderen hetzte und gar keine Zeit hatte, darüber nachzudenken, was sie selbst eigentlich wollte. Wenn sie heute – sieben Monate später – daran zurückdenkt, sagt sie: „Das war eine verdammt harte Zeit.“

Katharina und ihre Großmutter Erika unterhalten sich in der Küche der Wohnung.

Dabei ist Katharina eine Person, die selten davon spricht, dass es ihr schlecht geht. Die viel lächelt und so gut wie nie auf ihr Handy schaut, damit sie ganz für ihr Gegenüber da ist. Eine, die ihren Tag umplant, damit es für die anderen passt. Eine, die erst mal an die anderen denkt und dann an sich selbst. Und doch sei ihr schnell klar geworden, sagt sie, dass sie ihre Oma irgendwann in ein Heim würde bringen müssen. Auch wenn es ihrem Vater nach einer Zeit besser ging, würde er selbst nicht mehr in der Lage sein, die Pflege zu leisten. Zudem hatte sie ihr eigenes Leben, das auf sie wartete. Schließlich standen Job-Bewerbungsgespräche an, und dann waren da noch ihre Freunde und die Wohnung in Zürich.

Obwohl sie wusste, dass es die richtige Entscheidung war, flossen die Tränen nur so aus ihr heraus, als sie ihre Oma am Morgen weckte, um sie ins Pflegeheim zu bringen. „Es fühlte sich an, als würde ich sie dort zum Sterben abgeben“, sagt Katharina.

Zweimal am Tag besuchte sie Oma Erika im Heim. Oft blickten deren Augen ins Leere, und ihre wachen Tage wurden seltener – wahrscheinlich wegen der beruhigenden Medikamente, sagt Katharina. Aber auch, weil Oma Erika dort viel allein war. Kaum Gespräche. Kaum Bewegung. Irgendwann vergisst der Körper zu leben und rutscht in eine Art Dämmerzustand.

Nach zwei Wochen dachte Katharina darüber nach, Oma Erika wieder nach Hause zu holen. Viele rieten ihr davon ab. Sie könne ihr Leben doch nicht so wegwerfen, sagten ihr Freunde. Und auch wenn sie das anfangs verunsicherte, ließ das Gefühl sie nicht los, dass es das Richtige wäre.

Katharina ist ein Mensch, der aus dem Bauch heraus entscheidet, ohne Dinge zu zerdenken. Als sie keine Lust mehr auf ihren Job hatte, kündigte sie einfach. Als sie allein nach Indien reisen wollte, buchte sie ein Ticket. Eine Wohnung zu renovieren, brachte sie sich selbst bei – was sollte schon schiefgehen?

Und so folgte sie auch jetzt ihrem Gefühl, ohne lange abzuwägen. Als ihr dann noch ein Mitglied der Familie eine Wohnung in Wiesbaden überließ, war die Entscheidung klar. Sie fuhr ins Pflegeheim und brachte Oma Erika in ihr neues Zuhause – in das sie gemeinsam einzogen. „Ich habe das nicht aus einem schlechten Gewissen gemacht, sondern aus einer tiefen Dankbarkeit für alles, was sie für mich getan hat“, sagt Katharina.

Laut Statistischem Bundesamt pflegen ungefähr vier Millionen Menschen in Deutschland einen Angehörigen; die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein.

Am Anfang kam noch ein Pflegedienst, um Katharina zu helfen. Schnell entschied sie sich aber dagegen. Zu oft hätte Oma Erika sonst zwei Stunden am Morgen warten müssen, bis jemand sich um sie gekümmert hätte. Seitdem bekommt Katharina für die Vollzeitpflege 800 Euro vom Staat. Die Rente ihrer Oma teilen sich die beiden zum Leben. Es ist nicht viel, aber es reicht.

Erst ein gutes halbes Jahr ist seit ihrer Entscheidung vergangen, und doch fühle sich die Erinnerung an diese Zeit wie ein anderes Leben an, sagt Katharina. Gerade steht sie mit ihrer Oma Erika in der Küche und schaut dem Mixer zu, wie er die letzten Stückchen einer Tomatensuppe mit Süßkartoffeln, Auberginen und Karotten von einem Biobauernhof zerhäckselt.

Ihr sei die Ernährung sehr wichtig, sagt Katharina. Früher gab es für Oma Erika häufig Maggi-Tütensuppen, Bonbons und Kekse, weil die Zeit nicht reichte, vielleicht auch das Wissen fehlte. „Ich merke, wie gut meiner Oma die Ernährungsumstellung tut“, sagt sie und gießt die Suppe in eine Tasse. „Sie ist dadurch viel fitter und klarer und ihre Verdauung viel besser. Auch Menschen, die gepflegt werden, sollten weiterhin einen Genuss beim Essen haben.“ Für Katharina ist das hohe Alter kein Zustand, den man möglichst funktional überstehen muss, sondern ein Lebensabschnitt, den man genauso auskosten sollte wie jeden anderen.

„Probier mal“, sagt Katharina und reicht ihrer Oma die Tasse mit der Suppe. „Ja, ist gut“, sagt Oma Erika und hält die Tasse in ihrer zitternden Hand. Im Pflegeheim habe sie die Tasse nicht mehr selbst halten können, das gehe jetzt wieder, sagt Katharina und wischt die Suppe, die danebengegangen ist, von der Decke ab.

„Ich will schlafen“, sagt Oma Erika. Katharina nickt.

Damals kümmerte sich die Oma um die Enkelin: Repro eines Fotos, das Erika und Katharina nicht lange nach deren Geburt zeigt.

Sie schiebt die Oma zurück, vorbei an einer Kommode, auf der Fotos von früher liegen. „Ja, das sind wir“, sagt Katharina und zeigt auf ein Bild. Auf dem Foto hat Oma Erika ganz volle, rote Wangen, ihre Haare sind zu Locken gewickelt, und auf ihrem Arm hält sie ein Kleinkind im Strampelanzug. „Meine kleine Puppe“, habe sie früher immer zu Katharina gesagt.

Früher, da war Katharina an den Wochenenden oft bei ihr. Dann durfte sie lange wach bleiben, morgens vor dem Fernseher rief sie vom Sofa: „Oma, ich habe Hunger“, und bekam ein Glas Milch und ein Stück Zitronenkuchen gebracht. Wenn die Rinde am Brot ihr zu hart war, schnitt Oma Erika sie ab. „Das waren meine ‚Wellness-Wochenenden‘ als Kind“, sagt Katharina. Heute tut sie das Gleiche für ihre Oma.

Als sie entschied, Oma Erika aus dem Heim zu sich nach Hause zu holen, sei ihr klar gewesen, dass es kein Zurück gebe, sagt Katharina. Ihre Freundinnen heiraten langsam, kriegen Kinder, natürlich bringe sie das in ruhigen Momenten zum Nachdenken. Als sie darüber spricht, muss sie lachen: „Soll ich dann beim ersten Date jemanden hier nach Hause bringen und direkt meiner Oma vorstellen?“ Immer wieder habe sie darüber nachgedacht, ob etwas mit ihr falsch sei – weil ihr Leben nicht der Norm entspreche. Aber dann habe sie sich gedacht: Mein Glück sieht eben anders aus. Dann muss sie aufstehen, weil aus dem Zimmer hinten im Flur Oma Erika ruft: „Komm mal, komm mal, komm mal.“

An guten Tagen sitzen Katharina und Oma Erika auf den Balkon und schauen den Vögeln zu.

Es gibt kaum Momente, in denen Stille in der Wohnung herrscht. Oma Erika ruft oder murmelt meist vor sich hin. Manchmal sagt sie: „Aua, aua, aua“, manchmal „Komm mal, komm mal“, wahrscheinlich weil sie Kontakt zur Welt sucht, sagt Katharina. Wenn man sich ausgeliefert im eigenen Körper fühlt, braucht man ständig einen Anker, an dem man sich festhalten kann. Der einem Halt gibt, wenn das Leben an einem zerrt.

Häufig ruft Oma Erika nachts, dann geht Katharina zu ihr, nimmt ihre Hand und sagt, dass alles in Ordnung ist. Zwischen fünf und sechs Uhr morgens schläft Oma Erika meist nicht mehr ein – und damit beginnt dann auch Katharinas Tag. Sie stellt sich an das Bett und fragt Oma Erika, wie sie geschlafen hat. „Geht so“, sagt die dann meistens. Dann wechselt Katharina das erste Mal ihre Windel, setzt ihre Oma auf einen Stuhl, damit der Körper etwas Luft bekommt, und holt in dieser Zeit das Frühstück. Einen Shake aus Haferflocken, Chiasamen, Flohsamenschalen, Pflaumen, Nüssen, Eiweißpulver, Hafermilch und Banane.

Danach nimmt sie einen nassen Lappen und fährt Oma Erika durchs Gesicht, macht den Intimbereich sauber, holt eine frische Windel. Kämmt ihre Haare. Und wenn Oma Erika genug Kraft hat, setzen sich die beiden auf den Balkon, schauen den Vögeln zu und lassen sich von der Sonne wärmen. Später legt sich Katharina manchmal zu ihrer Oma ins Bett, Schulter an Schulter, liest ihr etwas vor oder bearbeitet Videos für Instagram.


„Für jeden Menschen, ganz egal, in welchem Alter, ist es wichtig, Körperkontakt zu haben“
Katharina

Es gab aber auch Tage, da wusste Katharina nicht mehr weiter. Zum Beispiel, als ihre Oma vergessen hatte, dass sie eine Windel trägt. Und selbst versuchte, sich sauber zu machen, und das gesamte Bett voll war. Oder als die Tomatensuppe auf den Beinen statt im Mund landete. Aber es gibt auch die Tage, an denen Katharina mit Oma Erika im Bad steht und ihr vorsichtig das Haar wäscht und die etwas sagt wie: „Mein Katharinchen, meine goldene Puppe, ich bin dir so dankbar, aber ich will dir auch nicht so zur Last fallen.“ Und dann weiß Katharina wieder genau, wieso sie das alles tut.

Trotzdem musste sie lernen, dass man auf sich selbst achten muss, um für andere da sein zu können. Mittlerweile versucht sie, viermal die Woche über einen Videocall mit anderen Menschen Yoga zu machen. Oder sie geht zum Pilates und bucht sich eine Massage. Kleine Inseln, in denen es nur um sie selbst geht.

Irgendwann wird die Oma gehen. Deshalb ist gemeinsame Zeit das Wertvollste für die Enkelin.

Sie weiß, dass der Tag kommt, an dem Oma Erika sich vom Leben verabschieden wird. „Und deswegen würde ich meine Situation für nichts eintauschen“, sagt Katharina. „Das Wertvollste, das wir haben, ist unsere Zeit, und deswegen schenke ich ihr meine.“

Es ist Nachmittag. Katharina steht im Zimmer bei Oma Erika und wiederholt langsam, was sie gerade schon einmal gesagt hat: „Ich gehe einkaufen, Oma. Soll ich dir etwas mitbringen?“

„Ja, Butter, Eier, Schokolade, Leberwurst, Fleischwurst.“

Katharina nickt, auch wenn sie weiß, dass es am Ende vor allem Suppen und Shakes werden, die ihre Oma zu sich nehmen kann.

Das sei ein großes Problem, eigentlich gebe es kaum Produkte für pflegebedürftige Menschen, die wirklich lecker sind, sagt Katharina. Zurzeit denkt sie darüber nach, eine Firma zu gründen, um selbst fertige Produkte für Pflegebedürftige auf den Markt zu bringen. Gesund und lecker. Das wäre ein Job, bei dem sie das Gefühl hätte, wirklich etwas Sinnvolles zu tun. Vielleicht sogar ein kleines Vermächtnis von Oma Erika.

„Wollen wir noch mal beten?“, fragt sie und hält Oma Erikas Hand. „Vater unser im Himmel …“, fängt Oma Erika an. Sie gibt den Takt vor, langsam, aber textsicher. Fast automatisch kommen die Worte aus ihrem Mund, wie eine tiefe Erinnerung, die ihr Sicherheit gibt in dieser Welt, die manchmal für sie zu verschwimmen scheint. „Amen.“

„So, Oma, ich gehe jetzt in die Stadt. Willst du mitkommen?“, fragt Katharina.

„Ja“, sagt Oma Erika und lacht.

Später in der Nacht wird Oma Erika wieder nach Katharina rufen. Katharina wird aufstehen und sie beruhigen. Um sechs Uhr am Morgen wird sie Oma Erika für den Tag fertig machen. Sie waschen, ihre Windeln wechseln, die Haare kämmen und ihr etwas zu Essen zubereiten. Genauso wie den Tag danach. Und den Tag danach.

„Ein Zuhause, ein Rhythmus, ein Leben“, sagt Katharina. Es ist ein Leben, für das sie sich entschieden hat. Und mit dem sie verdammt glücklich ist, sagt sie.


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