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Waldbrände in Chile

Was kommt nach den Flammen?

Von LORENZ ALOIS HUTER (Text), STEFAN NIELAND (Fotos)
10. August 2026 · Die Feuer, so scheint es dieser Tage, sind überall. Die Nachrichten sind voll von Bildern der verheerenden Waldbrände im Süden Europas, es sind eindrucksvolle Fotografien von Flammen, Rauch und dem Kampf dagegen. Doch was passiert danach, wenn Berichterstattung und öffentliche Wahrnehmung nachlassen?

WWas kommt nach den Flammen? Dieser Frage widmet sich Fotograf Stefan Nieland in seinem dokumentarischen Fotoessay „Megaincendio“. Dafür hat er in Chile, in der Region Valparaíso, fotografiert. Die Waldbrände, die dort im Februar 2024 in und rund um die Küstenstadt Viña del Mar wüteten, waren die tödlichsten seit Beginn der Aufzeichnungen in Chile. Als Nieland knapp zwei Jahre später dort ankam, war der Waldbrand für die Anwohner von Viña del Mar noch lange nicht vorbei. Denn nachdem die Flammen gelöscht worden sind, geht es nun um die physische und psychische Bewältigung der Brandspuren.

Das Foto auf dem Handy zeigt die Siedlung „Monte Sinaí“ in Flammen
Verkohlter Nachttisch in einem zerstörten Haus in Santo Domingo
Gonzalo leidet seit der Waldbrandkatastrophe unter Depressionen

Die Brände vom Februar 2024 gelten wohl als die größte Katastrophe in der jüngeren Geschichte von Viña del Mar. Die Stadt liegt nordwestlich der Hauptstadt Santiago de Chile an der Pazifikküste, und sie ist ein beliebtes Reiseziel für Touristen. Durch das Feuer wurden in Viña del Mar und der Umgebung nach Angaben der Staatsanwaltschaft insgesamt 138 Menschen getötet. Laut einer Erhebung des Forschungszentrums CIGIDEN waren 34 Prozent der Fläche von Viña del Mar von den Waldbränden betroffen, fast zehntausend Gebäude wurden beschädigt. Besonders hart traf es dabei die „Campamentos“, informelle Siedlungen an den Hängen der Stadt. Dort fehlte die Infrastruktur, um effektiv gegen die Flammen zu kämpfen. Die Straßen waren nur teilweise asphaltiert und oft auch nicht breit genug für die Feuerwehrfahrzeuge. Zudem mangelte es an Löschwasser, und die enge Bebauung mit Hütten aus Holz tat ihr Übriges.

Die informelle Siedlung „Monte Sinaí“ in den Hängen von Viña del Mar
Ein Arbeiter entfernt verbrannte Bäume nahe des Botanischen Gartens von Viña del Mar

Ein Feuerwehrmann erzählte mir, dass er während dem Einsatz von seiner Mutter angerufen wurde. Sie sagte ihm, sein eigenes Haus brennt gerade. Mit so einer Extremsituation musst du als Mensch erstmal umgehen.
Stefan Nieland

Feuerwehrleute aus Viña del Mar üben die Bekämpfung von Waldbränden

Während seinen Recherchen ist Stefan Nieland vielen Vorwürfen begegnet. Manche Stadtbewohner beklagten sich darüber, dass die Feuerwehr nicht zu ihren brennenden Häusern gekommen sei – die Feuerwehrleute wiederum waren mit einer Einsatzlage von nie da gewesener Größe konfrontiert. Selbst die erfahrensten von ihnen hatten noch nie einen solchen Brand erlebt.

Seit dem Brand ihres Elternhauses leidet Evelyn unter Angstzuständen
Schlafzimmertür in einem wiederaufgebauten Haus in Monte Sinaí
Herr Fuentes starb mit 96 Jahren während der Renovierung, in sein Haus kehrte er nie zurück

Wie sehr solche Erfahrungen die Psyche auch langfristig belasten, erfuhr der Fotograf beim Besuch einer Gruppentherapiesitzung. Sie richtete sich an Menschen, die von der Feuerkatastrophe betroffen waren. Die Teilnehmer wurden gebeten, jeweils ein Wort auf einem Klebezettel zu notieren, dass ihre Gefühle zum Waldbrand am genauesten beschreibt.

Wie unterschiedlich die Menschen mit dem Erlebten umgehen, zeigt sich in den von ihnen gewählten Worten. Manche schrieben „Enttäuschung“ und „Tod“ andere aber auch „Gemeinschaft“ oder „dankbar“. Eine Teilnehmerin berichtete Nieland, sie sei einfach nur froh, das Feuer überlebt zu haben und wieder ein Dach über ihrem Kopf zu haben – bei anderen überwog der Kampf gegen Albträume und Depressionen.

Wer trägt für diese Katastrophe die Verantwortung? Über Waldbrände wird oft wie über Naturkatastrophen gesprochen, aber ein großer Teil der Feuer in Chile ist ein menschengemachtes Problem. In diesem Fall geht die Staatsanwaltschaft sogar von Brandstiftung aus, Verdächtige wurden festgenommen, gegen sie laufen die Verfahren. Allerdings gab es in der Region auch andere Faktoren, die Einfluss auf die Brände hatten.

Trockenes Gebüsch und hohe Gräser wirken wie Branndbeschleuniger
Eukalyptuspflanzen sind aufgrund ihrer hochentzündlichen Öle problematisch
Funken an einem Strommasten

Felipe Zumaran, ein Mitarbeiter des örtlichen Katastrophenmanagements, berichtete dem Fotografen von dichter Vegetation, welche wie Treibstoff für das Feuer wirkte. Außerdem begünstigten starke Winde und die Topographie mit den steilen Hanglagen die Ausbreitung der Brände. Aktuell sei ein Waldbrand vergleichbarer Größe unwahrscheinlich, weil ein großer Teil der Biomasse bereits verbrannt ist. Der Katastrophenschützer sagt: „Wir sind heute eindeutig besser vorbereitet. Auch die Zusammenarbeit und Koordination haben sich deutlich verbessert.“ Dennoch warnt er: „So etwas kann wieder passieren, vielleicht nicht diesen Sommer, aber vielleicht in fünf Jahren.“

Messung von Windgeschwindigkeit und Temperatur in einem Risikogebiet
Karte der Risikogebiete in Viña del Mar

Seine Behörde versucht nun, präventiv der Brandgefahr entgegenzuarbeiten. Mittlerweile steigen an besonders trockenen Tagen Drohnen für Kontrollflüge in die Luft. Auch Kameras mit Raucherkennung sollen zum Einsatz kommen, und leicht entzündliche Eukalyptusbestände werden entfernt. Außerdem klären die Katastrophenschützer Menschen in den gefährdeten Zonen darüber auf, wie Waldbrände entstehen und sich verhindern lassen. All das soll helfen, damit ein Feuer wie jenes von 2024 nie wieder wütet.

Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Viña del Mar steuert eine Drohne über einem Risikogebiet
Feuerschneisen sollen künftig die Ausbreitung von Bränden verhindern

Viele Häuser in den betroffenen Siedlungen befinden sich noch immer im Wiederaufbau, im Plan der Regierung werden dafür rund fünf Jahre veranschlagt, also noch gut zweieinhalb Jahre. Und auch darüber hinaus wird der Waldbrand die Menschen weiter beschäftigen, denn die Erinnerungen an die Flammen halten sich an keinen Wiederaufbauplan.


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