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Jessie Tarbox Beals

Sie arbeitete bis zum letzten Bild

Von CHRISTINE KLEIN
29. August 2025 · Jessie Tarbox Beals wollte Fotografin werden. Mit unerschütterlichem Optimismus ging sie dafür ein volles Risiko ein. Es gab kein Netz, das sie hätte auffangen können – weder, als sie als junge Frau mit schwerer Glasplattenkamera auf Leitern balancierte, noch als sie später verarmte und bis zu ihrem Lebensende arbeitete. Hätte sie mehr tun können, um sich ihren Traum zu erfüllen? Vermutlich nicht.

Ihre Startbedingungen waren nicht ideal. Geboren 1870 in Kanada als drittes Kind eines verarmten, alkoholkranken Vaters und einer Mutter, die die Familie mit Näharbeiten durchbrachte, begann Jessie mit 17 Jahren als Lehrerin zu arbeiten – auf sich allein gestellt in einer Kleinstschule im ländlichen Massachusetts. Anfangs wohnte sie dort im wöchentlichen Wechsel bei den Familien der Kinder, die sie unterrichtete. Hartnäckig und sehr überzeugend muss sie schon damals gewesen sein, denn es gelang ihr aus dieser Situation heraus innerhalb weniger Jahre zu einer bekannten Fotografin zu werden.

Ihre erste Kamera, ein einfaches Modell, kaum mehr als eine Lochkamera, bekam sie durch Überzeugungskunst. Sie hatte eine Bekannte dazu gebracht, ein Zeitschriftenabonnement abzuschließen und dafür die Kamera samt Chemikalien, Fotopapier und einiger Fotoplatten, als Prämie erhalten. Sie fotografierte ihre Schüler und merkte schnell, dass sie mit dem Verkauf dieser Bilder ihr Gehalt aufbessern konnte. Also investierte sie in eine bessere Ausrüstung und eröffnete 1889 auf der Terrasse ihrer Unterkunft ein Fotostudio.

Die achtzehnjährige Jessie erklärte 1889 die Veranda ihres Wohnhauses zum ersten Fotostudio Williamsburgs.Jessie Tarbox Beals

In den folgenden Jahren wechselte sie mehrfach Stelle und Wohnort und zog in jeweils größere, zentralere Orte. Sie reduzierte ihre Arbeit als Lehrerin und baute ihr Fotogeschäft aus. Es gelang ihr eine erste Zeitungsveröffentlichung. Und sie heiratete Alfred Beals, einen studierten Botaniker, der als Maschinist in einer Fabrik arbeitete.

Alfred (links) und Jessie (zwischen zwei unbekannten Personen) im Jahr 1900 als reisende FotografenNew York Historical Society

Als 1900 in Brattleboro in Vermont eine mehrwöchige Messe stattfand, ergriff sie die Gelegenheit. Sie kündigte ihren Job in der Schule und brach mit ihrem Ehemann auf, ihr Glück als wandernde Fotografin zu versuchen. Sie zog von Tür zu Tür und überredete die Menschen, sich von ihr fotografieren zu lassen. Ihr Mann betrieb derweil in einem Zelt eine mobile Dunkelkammer und entwickelte die Bilder. Dieses Geschäftsmodell funktionierte ausreichend gut, dem jungen Paar ein Leben auf Reisen zu ermöglichen. Über New York fuhren sie nach Florida, wo sie den Winter verbrachten. Als Jessie nach etwa einem Jahr auf Reisen schwanger wurde brachen sie ihre Tour ab und zogen zurück in den Norden an den Ontariosee, wo Alfred erneut eine Stelle in einer Fabrik annahm.

Das gemeinsame Baby starb jedoch kurz nach der Geburt. Jessie begann wieder nach Wegen zu suchen, als Fotografin Geld zu verdienen. Mit einem Bild von Gänsen, die über eine Straße watschelten, gelang ihr schließlich der Durchbruch. Diese Gänse, so erklärte sie, erinnerten optisch an den Gouverneur von New York. Sie bot Foto und Text einer Zeitung an und traf damit den Humor des Chefredakteurs, der sie kurzerhand als Fotografin einstellte.

Eine der Aufnahmen, die JTB als Zeitungsfotografin machte: Eine Straßenszene in Arkansas, aufgenommen 1903New York Historical Society

Von da an war Jessie Tarbox Beals (JTB) im Auftrag des „Buffalo Inquirer“ unterwegs und damit vermutlich die erste Frau weltweit, die fest angestellt als Zeitungsfotografin arbeitete. Mit Großbildkamera ausgerüstet fotografierte sie die Ereignisse der Region, zog über Märkte, wohnte Gerichtsverhandlungen bei, sprach mit Einwanderern und Obdachlosen. Besuchten Prominente wie der Teehändler Sir Thomas Lipton die Niagarafälle, war JTB mit dabei. Leider sind ihre Negative aus dieser Zeit verloren gegangen. Lediglich zwei private Alben, in die sie Zeitungsseiten mit Abdrucken ihrer besten Aufnahmen eingeklebt hat, sind noch erhalten. Ihre Bilder waren beliebt, aber Jessie war abenteuerlustig und als in St. Louis in Louisiana eine Weltausstellung stattfand, hielt sie nichts mehr in Buffalo. Nach nur 18 Monaten kündigte sie und reiste im April 1904 erneut in den Süden.

Jessie Tarbox Beals im Auftrag des „Buffalo Inquirer“ 1901 - 1903Jessie Tarbox Beals/Schlesinger Library
JTB fotografiert 1904 auf der Weltausstellung mit Großbildkamera von einer sechs Meter hohen Leiter aus.National Gallery of Art

Da sie keine Akkreditierung für die Weltausstellung hatte, war es ihr nicht erlaubt, auf dem Gelände zu arbeiten. Sie tat es trotzdem und fotografierte in St Louis alles und jeden, der ihr vor die Linse kam. Wieder entwickelte Alfred die Bilder – in den insgesamt sechs Monaten der „Louisiana Purchase Exhibition“ waren es über 5000 Stück. Die beiden waren eingespielt und schneller als die etablierten Fotografen.
Auf der Messe wurden nicht nur technische Neuerungen gezeigt, sondern auch Vertreter indigener Völker wie Zootiere ausgestellt. Weil JTB einige dieser Gruppen exklusiv fotografiert hatte, und diese Bilder sehr beliebt waren, erhielt sie nachträglich doch noch eine Akkreditierung und gegen Ende des Sommers kauften die Veranstalter selbst ihre Bilder. Damit war sie zur offiziellen Fotografin der Weltausstellung geworden.
Systematisch sah sie das Messeprogramm durch und lauerte Prominenten, die die Messe besuchten, regelrecht auf. Sie verfolgte und fotografierte Präsident Roosevelt einen ganzen Tag lang, bis dieser irritiert seinen Sekretär fragte: „Woher hat diese Frau so viele Glasplatten?“

Prominenten wie Präsident Roosevelt (Mitte) lauerte JTB in St. Louis regelrecht auf.Missouri Historical Society
Das Luftschiff California Arrow auf der Weltausstellung 1904New York Historical Society
Eine Gruppe indigener Igorots von den Philippinen, ausgestellt auf der Louisiana Purchase Exposition 1904Missouri Historical Society
Besucher lassen sich in Rollstühlen über das Messegelände schieben, 1904.Missouri Historical Society
Im kalifornischen Pavillon wurde ein Elefant aus Mandeln präsentiert.Missouri Historical Society
Die zeitgleich zur Weltausstellung stattfindenden Olympischen Spiele von 1904 fotografierte Jessie Tarbox Beals gleich mit – hier der Gewinner im Stabhochsprung C.E. Dvorak von der Chicago Athletic Association.Jessie Tarbox Beals/Missouri Historical Society
Das US-Team der Bogenschießer der Olympischen Spiele von 1904Jessie Tarbox Beals/Missouri Historical Society
JTB (rechts) fotografiert einen Schwimmwettkampf der Olympischen Spiele von 1904.Jessie Tarbox Beals/Missouri Historical Society

Mit Rock, Hut und der enormen Glasplattenkamera in der Hand war JTB nicht zu übersehen – insbesondere nicht, wenn sie mit ihrer Kamera auf meterhohe Leitern kletterte und so selbst zur Attraktion wurde. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich als „die Frau mit Kamera“ als Marke etabliert.
Ihre Popularität verhalf ihr sogar zu einem Platz in einem Heißluftballon, aus dem heraus sie Luftaufnahmen des Geländes machen konnte für die sie später mit einer Medaille ausgezeichnet wurde.
Von einer Zeitung gefragt, welches sie für die wichtigsten Eigenschaften halte, die man als Fotografin braucht, antwortete JTB: Gesundheit, Stärke, ordentliches Equipment und die Fähigkeit „to hustle“ – sich etwas zu erkämpfen, notfalls auch auf krummem Wege.

Eine der Luftaufnahmen des Messegeländes, die JTB aus dem Heißluftballon heraus machte. Für diese Aufnahmen erhielt sie gegen Ende der Messe eine Auszeichnung.Missouri Historical Society

Nach der Weltausstellung musste sie sich neu erfinden. Sie entschied sich, es beim „Rough Riders“-Veteranentreffen in Texas zu versuchen, einer Großveranstaltung, zu der auch Präsident Roosevelt anreisen würde. In mehreren Zeitungen kündigte sie an, dass die berühmte Fotografin Jessie Tarbox Beals dem Präsidenten ein Album mit den von ihm gemachten Fotos schenken werde und ihn danach nach Texas begleiten werde. Im Weißen Haus gelangte sie auf diese Weise immerhin bis ins Foyer. Roosevelts Sekretär nahm die Fotos entgegen und erklärte ihr, dass sie auf keinen Fall im präsidialen Zug mitfahren könne. Es wurde ihr aber gestattet auf dem Treffen zu fotografieren. Mehr Erlaubnis brauchte JTB nicht. Als Roosevelt in San Antonio ankam, erwartete sie ihn mit gezückter Kamera auf den Stufen des State House. „Sie ist hier“ soll er zu seinem Sekretär gesagt haben.

Im Frühjahr 1905 zogen Jessie und Alfred nach New York. Zunächst wohnten sie in Hotels, später mieteten sie Fotostudios, in denen sie zeitweilig auch wohnten. Rastlos blieb JTB auch hier, sie wechselte häufig ihre Adresse - insgesamt mietete sie in New York über 10 verschiedene Studios.
In New York war es modern, Menschen vor künstlichen Hintergründen zu porträtieren, ein Stil, mit dem JTB, die bislang dokumentarisch gearbeitet hatte, wenig Erfahrung hatte. Die Konkurrenz war groß und das Leben teuer. Sie begann mit Porträts von Künstlern, für die sie nur ein Honorar bekam, wenn deren Bilder auch gedruckt wurden. Sie arbeitete das Telefonbuch durch und schrieb berühmte Persönlichkeiten an, die sie honorarfrei fotografierte, um danach mit ihren Namen zu werben. Sie machte Kinderporträts, deren Abzüge sie mit selbst ausgedachten Gedichtzeilen verzierte. Zeitweise fotografierte sie auch Haustiere, insbesondere Katzen, deren Bilder bei den Teegesellschaften der Stadt beliebt waren. Sie fotografierte Autorennen und Tatorte, Modestrecken und Homestorys für Magazine, bedürftige Menschen für Wohltätigkeitseinrichtungen und unzählige Porträts. Ihre Hartnäckigkeit zahlte sich aus, nach und nach wurde die Auftragslage besser.

Ein Porträt der Künstlerin Clara Taggart McChesney in ihrem New Yorker Studio, aufgenommen von Jessie Tarbox BealsHertzmann Collection/National Gallery of Art
In ihrem Studio experimentierte sie mit Effekten – wie auf diesem Selbstportrait mit der Illusion von Schnee.Schlesinger Library
Die St. Thomas Church, 5th Avenue, 53rd Street in New YorkNew York Historical Society

Die bewährte Arbeitsteilung hatten Jessie und Alfred in New York beibehalten. Während sie ihre Popularität genoss, erledigte er die Arbeit in der Dunkelkammer. Ihre Einnahmen stiegen, aber da sie stetig in repräsentativere Räume umzogen, stiegen auch die Ausgaben. Jessie ging zudem gerne aus und gab häufig Partys. Alfred behagte dieser Lebensstil nicht und die beiden gerieten zunehmend aneinander.
Sie stellten jemanden ein, der seine Aufgaben übernahm und er mehr Zeit bekam, sich in der Bryologischen Gesellschaft New Yorks zu engagieren, einem Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die Moose erforschten. In Gedichten und Briefen aus dieser Zeit beklagte Jessie, dass sie sich in der Ehe einsam fühlte. Fast 40-Jährig fürchtete sie zudem, kinderlos zu bleiben. Sie hatte eine Affäre, wurde schwanger und bekam 1911 ihre Tochter Nanette.

Mit der Betreuung eines Kleinkinds war die Arbeit als freie Fotografin nur schwer zu vereinbaren. In den ersten Jahren kümmerte sich Alfred um Nanette, die häufig krank war und monatelang im Krankenhaus lag. Jessie verließ ihn 1917 und zog mit ihrer Tochter zu Freunden nach Greenwich Village, wo sie eine Kunstgalerie eröffnete („Tea-Room and Village Art Gallery“). Aus ihrem Kalender lässt sich ablesen, dass sie in dieser Zeit sehr viel ausging und tanzte. Das Kind blieb entweder bei Freunden oder lebte in Internaten, für deren Kosten Jessie aufkam. Nach der Scheidung fand Alfred eine neue Partnerin und heiratete erneut.

In den 1920er Jahren hatte JTB erreicht, was sie sich gewünscht hatte: Sie bewohnte ein großes Fotostudio in New York und genoss das gesellschaftliche Leben. Sie galt als Komödiantin, wurde ins Radio eingeladen und veröffentlichte einen Gedichtband. „Ich habe gelernt, dass man im Leben kaum mehr erreichen kann, als eine Aufgabe zu erledigen und Spaß dabei zu haben“ formulierte sie es selbst. Im September 1926 verwirklichte sie ihren lang gehegten Wunsch und reiste für mehrere Wochen nach Panama, wo sie aber mit dem Klima nicht zurechtkam.

Gegen Ende der zwanziger Jahre ließen ihre Kräfte nach und sie hatte zunehmend Mühe, die schwere Glasplattenkamera zu halten. Sie wechselte auf Kleinformat und fotografierte Gärten, deren Bilder sie an Lifestyle-Magazine verkaufte. Ihre Einnahmen wurden weniger und reichten schließlich nicht mehr aus, ihr Leben in New York zu finanzieren. 1928 entschied sie deshalb, nach Kalifornien zu ziehen, wo sie sich bessere Lebensbedingungen erhoffte. Ihre Mittel reichten nicht mehr, ihr Archiv von zehntausenden von Glasplattennegativen dauerhaft einzulagern, weshalb sie den Großteil davon an einen Rahmenbauer verkaufte, der das Glas recycelte und aus der Emulsion das Silber zurückgewann. Auf diese Weise gingen die meisten ihrer qualitativ besten Bilder verloren.

Sie fotografierte, was sich ergab – unter anderem 1909 diese Parade in New York.New York Historical Society
Undatierter „Cat Content“ aus dem Studio Jessie Tarbox BealsSchlesinger Library
Bis in die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts hinein arbeitete sie auf Großformat – hier eine Schiffsparade auf dem Hudson, 1909New York Historical Society
Auf ihren Glasplatten-Aufnahmen sind gestochen scharfe Details zu erkennen – wie auf diesem Bild der „Lebenden Flagge“, aufgenommen in Newburgh, 1909.New York Historical Society

Sie meldete ihre Tochter aus der Schule ab und zog mit der gerade erst 17 gewordenen Nanette an die Westküste. Zunächst in Santa Barbara, später in Hollywood fotografierte JTB reiche Leute, unter denen es als schick galt, sich und ihre Anwesen von einer New Yorker Fotografin abbilden zu lassen. Obwohl das Geschäft anlief, fühlte sie sich an der Westküste nicht wohl. Als ihr schließlich 1929 nach dem Zusammenbruch der Börse auch in Kalifornien die Kunden wegblieben, kaufte sie ein Auto und fuhr mit ihrer Tochter zurück nach New York. Dort mietete sie eine Dunkelkammer und begann erneut, bei Verlegern zu hausieren.

In den 1930er Jahren der großen Depression war es für die inzwischen über 60-jährige JTB schwer, überhaupt noch Geld zu verdienen. Zwar erhielt sie weiter Auszeichnungen für ihre Arbeiten, gab Interviews und besuchte Partys aber die Armut setzte ihr zu. Zuletzt lebte sie in Greenwich Village in einer Kellerwohnung. Sie starb 1942 im Alter von 71 Jahren in der Armenstation des New Yorker Bellevue Hospitals.

In Texten über JTB wird ihr geringer Nachruhm damit erklärt, dass sie zu viele unterschiedliche Themen fotografiert habe, um künstlerisch relevant zu sein. Sie war eine Einzelkämpferin, die sich nicht an den fotografischen Diskussionen ihrer Zeit beteiligte. Eine solche Betrachtung ignoriert die ökonomischen Umstände, unter denen sie arbeitete. Sie war von Beginn an darauf angewiesen, mit ihrer Fotografie Geld zu verdienen. Es ist deshalb davon auszugehen, dass sie nicht alle ihrer Aufträge nach persönlichen oder künstlerischen Interessen ausgewählt hat.

Eine umfangreiche Biografie verdanken wir dem Fotografen Alexander Alland, der ihr selbst noch persönlich begegnet ist und der später, mit Hilfe ihrer Tochter, ihren Lebensweg rekonstruierte. Den Großteil ihres Nachlasses befindet sich in der Schlesinger Library der Harvard Universität. Weitere Fotos finden sich in verschiedenen Sammlungen in den USA. u.a. in der New York Historical Society, und der Missouri Historical Society.


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„Was eine Frau mit einer Kamera machen kann“

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