Starke Frauen
in eisigen Polarlandschaften
Eine lebensfeindliche Umgebung, deren brachialer Natur nur die Härtesten der Harten entgegenstehen können, einsame Kämpfer gegen die schneebedeckte Weite, frostige Temperaturen, die Eroberung und Beherrschung der Natur. Geschichten von Abenteurern in der Arktis und patriarchale Erzählungen von Männlichkeit weisen eine erhebliche Schnittmenge auf.
Auf der anderen Seite wird die Landschaft allerdings auch mit feminin konnotierten Eigenschaften in Verbindung gebracht. Die Arktis als pure und unbefleckte „Mutter Natur“, die auf ihren Eroberer wartet. Es ist diese Vorstellung von Domination, die Robert Walton in Mary Shelleys „Frankenstein“ antreibt: Er will seine „brennende Neugier durch die Erkundung eines Erdteils stillen, der nie zuvor besucht wurde, und Land betreten, auf das nie zuvor Menschen ihren Fuß setzten“, dafür ist er bereit, „jeglicher Furcht vor Gefahr und Tod“ zu trotzen.
Die belgische Dokumentarfotografin Catherine Lemblé entwirft in ihrem kürzlich erschienenen Fotobuch „Only Barely Still – On Women and Wilderness“ eine Gegenerzählung zu diesen von männlichen Helden und Abenteurern geprägten Arktisbildern. Dafür hat sie auf Spitzbergen, einer norwegischen Inselgruppe nördlich des Polarkreises, Frauen begleitet und porträtiert. Sie heißen Nellie, Kanerva, Mia oder Sarah, und sie leiten Expeditionen, forschen und lehren, sind künstlerisch tätig oder arbeiten im Bergbau.
Lemblés Aufnahmen, mit analoger Mittelformatkamera fotografiert, zeigen die karge Landschaft und den Alltag der Frauen in ebendieser. Die Häuser wirken wie Farbkleckse auf einem leeren Blatt Papier. Skidoos ermöglichen die Fortbewegung in den schnee- und eisbedeckten Gefilden. Gewehre sind allgegenwärtig, sie sind eine Überlebensversicherung, denn in der Region Spitzbergen leben ähnlich viele Eisbären wie Menschen. Dazwischen finden sich Fotos von stilleren Augenblicken: Pausen von der Arbeit, introspektive Szenen der Protagonistinnen, aber auch Momente der Verbundenheit.
Mit historischen Fotos aus dem Archiv des norwegischen Polarinstituts zeigt Lemblé im Appendix des Buches außerdem, dass auch geschichtlich betrachtet die Arktis keineswegs eine reine Männerdomäne war und Frauen auf dem Archipel schon lange eine bedeutende Rolle spielen. Ergänzt wird der Bildband durch einen Essay der Autorin Abi Andrews. Sie stellt sich die Frage, wie polare Heldinnengeschichten aussehen können, wenn sie nicht von Eroberung, sondern von Ausdauer handeln.
Die polare Landschaft spiegelt sich auch in der Gestaltung des Buches wider. Die auf hauchdünnem Papier gedruckten Fotos schimmern schemenhaft durch die Seiten, als würde ein Schneesturm den Blick auf das nächste Bild verhüllen. Gleichzeitig erinnert die offene Fadenbindung in Kombination mit kartonartigen Seiten an den Charakter eines Logbuchs, wie man es auch auf einer Expedition dabeihaben könnte.
Der Bildband verwebt Dokumentarfotografie, Archivarbeit und Essay zu einer aufschlussreichen Gegenerzählung, lesenswert, aber vor allem betrachtenswert für alle, die sich für zeitgenössische Dokumentarfotografie, die Polarregion oder das Genre des recherchebasierten Fotobuchs interessieren.
„Only Barely Still – On Women and Wilderness“ von Catherine Lemblé ist beim niederländischen Verlag The Eriskay Connection erschienen und umfasst 164 Seiten. Die Publikation ist Gewinnerbuch des „Fotobus Library Award“ und steht unter anderem auf der Shortlist des „Les Rencontres d'Arles Author Book Award 2026“. Vom 10. bis zum 25. Oktober 2026 sind Teile der Arbeit in der Nasjonalgalleriet in Oslo ausgestellt.




