Vorwärts und nicht vergessen!

Hochhäuser und grüne Hügel – Kigali will mehr Touristen anlocken.

In Ruanda wurden vor 25 Jahren fast eine Million Menschen getötet. Heute will der autokratische Präsident die Hauptstadt Kigali zum „Singapur Afrikas“ machen – Besuch in einer neuen Ära.

12.09.2019
Text: FLORIAN SIEBECK
Fotos: ADRIANE OHANESIAN

Die Milch im Messbecher ist noch warm. Für Marie Colombe Ineza ist sie der Quell ewigen Lebens. „Mein Großvater hat sein Lebtag nichts anderes getrunken“, sagt sie, „und der ist steinalt geworden.“ Wir sind in einer Milchbar, von denen es viele gibt in Nyamirambo, dem ältesten Viertel Kigalis, das liebevoll „Las Vegas“ genannt wird, weil die Mieten niedrig sind und immer was los ist. „Milch und Buttermilch sind ein wichtiger Teil unserer Kultur“, sagt Marie Colombe Ineza von der Agentur „Go Kigali“, die uns durch die Stadt führt und uns ein Kompliment mit auf den Weg gibt: „Ufite amaso nkayinyana“ – du hast Äuglein wie ein Kalb.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Erinnerung an den Völkermord vor 25 Jahren: Blumen am Genozid-Memorial.

Die kulturelle Bedeutung der Kühe etwa als Mitgift ist tief verankert. Wie viele Tiere der alte Mann hat, dem die Milchbar gehört, mag er nicht sagen, schon die Frage sei unhöflich, wirft Colombe ein: „So als ob du in Deutschland jemanden nach seinem Vermögen fragst.“ Schlimmer noch: Die Frage erinnert an den Genozid von 1994, als Hutu- Milizen 800.000 Tutsi und moderate Hutu umbrachten, die sich nicht am Morden beteiligen wollten. Die Tutsi galten traditionell als die reicheren Vieh-, die Hutu als die ärmeren Ackerbauern. Die belgischen Kolonialherren hatten die Macht der Tutsi gestützt, auch nach der Unabhängigkeit behielten die Tutsi die Oberhand im Land. Hutus fühlten sich unterdrückt, plötzlich eskalierte die Situation. Nachbarn ermordeten Nachbarn, Freunde ihre Freunde, Lehrer ihre Schüler. Die internationale Gemeinschaft sah tatenlos zu. Heute sind die meisten Männer über 35 tot oder in Haft. Zwei Generationen löschte der Völkermord aus. Im Genozid-Memorial in Kigali, unter dem die Knochen einer Viertelmillion Opfer liegen, wird das Ausmaß der Tragödie spürbar, ein Besuch hier lässt den Atem stocken: „Name: Francine. Alter: 12. Lieblingssport: Schwimmen. Todesursache: Zerstückelung durch Machete.“

Über das Leid spricht heute kaum jemand mehr, viel lieber schaut man in die Zukunft, die damals geraubt wurde – und auf Präsident Paul Kagame, der einst als Rebellenführer der FPR-Miliz das Abschlachten beendete. „Er hat Sicherheit gebracht, Sauberkeit und Investments. Die Leute lieben ihn“, behauptet Colombe. Kagame schaffte die Ethnien ab (darüber zu reden ist heute verboten) und verordnete Aussöhnungsprogramme. Auch wenn Kritiker verschwinden oder mundtot gemacht werden, regt sich kaum Protest – auch, weil die Angst immer lauert, was geschieht, wenn Kagames harte Hand eines Tages nicht mehr greifen sollte.

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