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Interview mit Jil Sander über ihre Ausstellung in Frankfurt

Foto: dpa

„Man macht sich etwas vor, wenn man meint, es komme nicht darauf an, was man anzieht“

Interview mit JIL SANDER von ALFONS KAISER
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13.09.2017 · Jil Sander über ihre Ausstellung in Frankfurt, die Arbeit in der Mode, das Umpflanzen von Olivenbäumen und die Eroberung des Alltags

F rau Sander, in Frankfurt beginnt Anfang November eine große Ausstellung zu Ihrem Werk im Museum Angewandte Kunst. Warum Frankfurt?

Es gab auch andere Projekte. Wir haben lange überlegt, auch weil mich die Vergangenheit nie so recht interessiert hat.

Modemacher denken ja immer in die Zukunft.

Natürlich. Aber manchmal liegt die Zukunft auch in der Vergangenheit. Die Loftarchitektur des Richard-MeierBaus hat mich überzeugt. Es soll in der Ausstellung nicht nur um die Mode gehen, sondern um viele Bereiche, mit denen ich mich beschäftigt habe. Da spielen auch die Architektur und die Lichtverhältnisse eine Rolle. Und der Direktor Matthias Wagner K, der die Ausstellung kuratiert, hat ein Gefühl für diese Dinge.

Sie sind schon seit fast einem halben Jahrhundert in der Mode tätig. Da werden Sie viel vorzubereiten haben.

Ja, wir haben vor fast anderthalb Jahren mit der Arbeit begonnen. Es ist eine komplexe Aufgabe. Und wie alles in meinem Leben entsteht auch die Ausstellung in Teamarbeit. Das macht mir und allen Beteiligten Freude.

Kampagne für Frühjahr und Sommer 1996 (Guinevere van Seenus) Foto: Craig McDean
Kampagne für Frühjahr und Sommer 1996 Foto: Craig McDean

Zum ersten Mal wird einer Ausstellung das gesamte Museum zur Verfügunggestellt. Wie wollen Sie die großen Flächen bespielen?

Neben der Mode werden Accessoires, Kosmetik, Kampagnen, Videos gezeigt, auch Architektur. In Paris an der Avenue Montaigne waren wir ja Flagship-StorePioniere. Ich habe im Laufe der Zeit mehr als 100 Flagship-Stores und Shop-in-Shops gebaut. Wir haben in der Ladengestaltung vieles in Bewegung gesetzt und vor allem auch die Dimensionen neu gedacht. In der Frankfurter Ausstellung einfach nur Kleidung zu zeigen, womöglich noch getragene Sachen - das hätte ich nicht ertragen. Es war von Anfang an klar, dass es keine Puppenparade werden kann. Mir ging es um ein modernes Gesamtkonzept, wie bei meinen Schauen, wo alles zusammenspielte, von der Architektur über das Casting bis zu Licht und Musik.

Sie haben damals in Ihrem Showroom in Mailand immer einen recht kleinen Rahmen beibehalten, auch als sich Italiener wie Armani oder Dolce & Gabbana riesige Schauenräume bauten.

Als ich 1997 mit der Herrenlinie begann, haben wir den Raum sogar noch verkleinert, um ihn persönlicher zu gestalten. Wir nannten ihn Air France-Lounge. Damals hat sich in der Herrenmode viel verändert. Wir haben die Jacken 50 Prozent leichter gemacht, indem wir die Konstruktion der Rosshaar- und Canvas-Einlagen weniger schwer konzipiert haben. Damit haben wir die Form vollkommen erneuert. Denken Sie an unsere natürlich wirkende Schulter. Und plötzlich sahen die Männer modern aus. Da passte die intime, persönliche Präsentationsform.

Haben Sie überhaupt noch alle Kleider von damals? Schließlich haben Sie vor vier Jahren der Marke, die Ihren Namen trägt, endgültig den Rücken gekehrt.

Die Kleider sind bei Jil Sander geblieben. Aber wir haben ein gutes Verhältnis, und die Marke unterstützt uns bei der Ausstellung.

Wenn Sie sich jetzt mit Ihrer Vergangenheit auseinandersetzen: Erinnern Sie sich auch an Krisen?

Wir haben Mitte der Siebziger Schauen in Paris veranstaltet ...

... in dem Saal im Hotel Intercontinental, in dem auch Yves Saint Laurent seine Couture-Schauen präsentierte.

Genau. Wir haben uns damals noch die Schuhe bei Maud Frizon und François Villon ausgeliehen. Aber bei der letzten Schau in Paris kamen sie viel zu spät. Das erkennt man daran, wie schockbleich ich auf den Fotos von damals aussehe. Irgendwie haben wir es doch hinbekommen. Aber die Erfahrung war so traumatisch, dass ich danach erst einmal keine Schauen mehr gemacht habe.

Jil Sander, „Marie Claire“, 1991 Foto: Peter Lindberg
Kampagne für Frühjahr und Sommer 2005 Foto: David Sims

Als Sie jetzt in die Vergangenheit eingestiegen sind, haben Sie da auch etwas über sich selbst gelernt?

Ich habe gelernt, dass sich das eigene Ich in der Zeit entfaltet. Man muss nicht alles in jedem Moment wissen und gegenwärtig haben. Aber es muss alles da sein, um irgendwann hervorgeholt zu werden.

Und was ist Ihnen beim Betrachten der alten Fotos und Videos aufgefallen?

Vieles, was ich damals entworfen habe, war überraschend feminin, aber auf moderne Art.

Also nicht feminin im Sinne von Versace.

Nein. Bei mir ging es viel um Form, Funktion und Proportion. Ich wollte nie nur dekorieren. Wir hatten auch viel Transparenz, aber an der richtigen Stelle, ohne zu sexy zu sein.

Zur Vorbereitung der Ausstellung fand ein großes Fundraising-Dinner bei Friedrich und Sylvia von Metzler in Frankfurt statt. Da schienen Sie überrascht von der Begeisterung, die über Sie hereinbrach.

War ich auch. Die positive Energie fand ich erstaunlich. Ich begreife noch nicht so recht, warum die Kundinnen so intensiv mit meinen Entwürfen leben. Diese emotionale Beteiligung ist mir rätselhaft. Ich konnte das nie richtig einschätzen. Auf eine Weise, die mir nicht ganz klar ist, scheine ich das Vertrauen der Menschen gewonnen zu haben.

Sie sind eben für viele Frauen ein Rollenvorbild.

Ich musste immer Energie haben, mich durchsetzen, vielleicht ist es das. Wir kommen ja aus einer Zeit, in der es hieß: Man muss seinen Kopf benutzen, und das Äußere ist nicht so wichtig.

Woher kam bei Ihnen eigentlich die Leidenschaftfür Mode?

Schon als Kind habe ich genau gewusst, was ich mag. Ich wusste immer schon, was andere zu bestimmten Anlässen anziehen sollten. Noch heute muss ich ein bisschen aufpassen, weil ich immer helfen und beraten will, geradezu missionarisch.

After Shave: Sander for Men aus dem Jahr 1999. Foto: Raymond Meier
Kampagne für Herbst und Winter 2004 (Mathias Lauridsen) Foto: David Sims

Und wie wurden Sie zur Designerin?

Eines führte zum anderen. Als Moderedakteurin bei „Constanze“ und „Petra“ Ende der sechziger Jahre konnte ich die Fotos, die ich mir wünschte, nicht mit den Kleidern verwirklichen, die man mir gab. Also habe ich die Hersteller um Änderungen gebeten. Daraus ergab sich meine erste Trevira-Trendkollektion für die Farbwerke Hoechst. Dann habe ich plötzlich gedacht: Ich mache das selber. Und als ich meine eigene Marke hatte, war ich irgendwann unglücklich darüber, wie sie in den Geschäften präsentiert wurde. Also habe ich eigene Flagship-Stores gegründet. Es ging also Schritt für Schritt.

Wie hat sich Ihre Marke modisch entwickelt?

Ich wollte innovativ in den Materialien und in der Formensprache sein. Ich habe als Erste mit Klettverschlüssen und Filz gearbeitet. Mit der Kosmetik-Lizenz habe ich ebenfalls früh begonnen. Und schon Mitte der Neunziger habe ich mit Puma zusammen Ledersneaker entwickelt.

Durch Ihr Werk zieht sich eine gerade Linie. Ihr Purismus brachte Ihnen Titel wie „Queen of Less“ ein. Aber manchmal wurden Sie auch vom Zeitgeist eingefangen, wenn man zum Beispiel an die breiten Schultern in den achtziger Jahren denkt.

Natürlich spiegelt das Design die Trends wider. Jede Kollektion ist auch ein Reflex des Augenblicks. Das ist der einzige Fall, in dem ich es bedauere, auf einen Trend reagiert zu haben. Die Schultern wurden immer breiter. Aber ich bin noch ganz gut damit umgegangen, sie waren ja auch ein Aspekt der Emanzipation. Gleichberechtigung, Kraft und Haltung sind gut. Daher passten die Schultern. Man muss alles vor dem Hintergrund seiner Zeit sehen. Ich weiß noch, wie ich in den Sechzigern mit meinem Vater über Jeans gestritten habe. Er war total dagegen. Dann ging ich als Austauschschülerin nach Kalifornien, und als ich zurückkam, war ich verändert. Da habe ich die Jeans durchgesetzt. Das Freiheitsgefühl der damaligen Zeit hat mich sehr geprägt.

Aber wurden Sie modisch überhaupt durch die Achtundsechziger-, Hippie- und Punk-Bewegung angeregt?

Doch, die Energie im London der Siebziger hat mich inspiriert. King's Road und Portobello Road fand ich ungemein spannend. Das zeigte sich zum Beispiel in meinen Maxikleidern. Ich trug damals sogar einen knöchellangen Pythonmantel.

Hat die Protestmode zur Liberalisierung der Gesellschaft beigetragen?

Sie hat die Dinge in Bewegung gebracht, aber natürlich auch den Hang zur Gleichgültigkeit in Kleiderfragen bestärkt. Und da muss man eben sagen: Man macht sich etwas vor, wenn man meint, es komme nicht darauf an, was man anzieht. Jemandem, der in formlosen Kleidern auftritt, nimmt man den politischen Gestaltungswillen nicht ab.

Die Modeschöpferin Jil Sander stellt sich 1998 nach einer Modenschau ihrer Marke dem Publikum. Foto: Helmut Fricke

Das heißt, Mode hat auch eine politische Dimension?

Unbedingt. Für politisches Engagement braucht es Kraft, und die gibt uns nicht zuletzt die Kleidung. Sie ist ein Spiegel des Selbstbewusstseins und zeigt zugleich den Respekt für andere.

Ihre Arbeit war damals anspruchsvoll. Sie waren nicht nur Designerin, sondern am Ende auch Vorstandsvorsitzende eines börsennotierten Unternehmens.

Ja. Das war alles sehr komplex. Dabei ging es, nur zum Beispiel, auch um technische Fragen. Ich habe laufend die Stoffhersteller in Italien besucht und war immer auf den Stoffmessen, früher auch auf der Interstoff in Frankfurt. Bei mir fing das Design immer bei der Stoffauswahl an. Und dann all die modischen Fragen: Wie bringt man ein Kleid zustande, bei dem man, wenn es noch am Bügel hängt, schon sehen soll, dass da was los ist? Wie setzt man Stoffe ein? Wie kann man sie formen? Dazu gehört viel handwerkliches Knowhow.

Und viel Gespür. Man darf ja nicht zurückfallen hinter die Zeit.

Genau das sind die Fragen: Was ist modern? Was ist cool? Wie definiert man überhaupt cool? Wie lässt man es leicht erscheinen? Wie sieht es anstrengunglos aus, effortless, wie wir immer gesagt haben? Man kann als Modemacherin keine Routinen entwickeln, weil man immer wieder neu denken muss. Die kreative Arbeit hat mich erhalten. Und das Schöne ist: Irgendwann ist die Saison vorbei, und es fängt an einem sauberen Tisch wieder von neuem an.

Sie hatten ein gutgehendes Unternehmen. Warum haben Sie dann im Jahr 2000 Ihre Marke mehrheitlich an Prada verkauft?

Auch in anderen Branchen gab es damals viele Übernahmen und Joint Ventures. Wir waren seit 1989 an der Börse und wollten weiter wachsen. Ich hatte zwar schon sehr früh mit Goldpfeil Taschenkollektionen erarbeitet, aber die textile Arbeit stand für mich im Zentrum. Prada war ein guter Partner für Lederwaren, und das Accessoiregeschäft boomte. Schauen Sie, womit heute die großen Modemarken Umsatz machen - zu ganz großen Teilen mit Taschen.

Im Jahr 2004 verließen Sie das Unternehmen, als es noch zu Prada gehörte. Nachdem die japanische Onward Holding zugegriffen hatte, kamen sie Anfang 2012 zurück, um im Herbst 2013 abermals zu gehen. Vermissen Sie die Arbeit an Ihrer eigenen Marke?

Natürlich. Sie hat lange im Zentrum meines Lebens gestanden. Es war meine Art, mit der Welt zu kommunizieren.

Sie haben in den vergangenen Jahren bestimmt schon viele Arbeitsangebote bekommen.

Klar. Aber ich bin wählerisch. Es muss auch passen.

Kampagne für Herbst und Winter 2004 (Lily Donaldson) Foto: David Sims
Kampagne für Herbst und Winter 2013 (Edie Campbell) Foto: David Sims

Ihr letztes Engagement war sehr erfolgreich, nämlich die Kollektion +J, die Sie drei Jahre langfür den japanischen Fast-Fashion-Konzern Uniqlo entworfen haben.

Das hat mir viel Spaß gemacht, diese demokratische Haltung, dass Mode für alle ist. Niemand sagte, was ich mein Leben lang gehört hatte: „Aber das ist so teuer!“ +J als Mode für jeden - diese Idee hat mich begeistert. In New York habe ich mitbekommen, dass eine Frau 17 Tüten mit meinen Sachen kaufte! Wir haben mit den leichten Daunen auch einen Trend angestoßen, der sich noch immer positiv in den Uniqlo-Zahlen niederschlägt. Ich habe damals einige Sportarten für mich entdeckt: Walken, Yoga, Pilates. Das kam in der Kollektion zum Vorschein. Die leichten Daunenjacken sind heute nicht mehr wegzudenken.

Aber auch eine solche Kollektion ist sehr mühsam.

Ja. Es war übrigens das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht der Boss war. Ich war alle sechs Wochen in Tokio, dort haben wir die Linie aufgebaut. Die japanische Kultur hat mich schon immer fasziniert. Und dann diese Modernität, diese Bahnhöfe, an denen am Tag zwei Millionen Menschen aussteigen! Als ich dann wieder nach Mailand flog, kam mir der Flughafen wie eine Busstation vor.

Und es war nicht nur eine Kooperation über ein paar Wochen, wie es sonst oft üblich ist.

So etwas interessierte mich gar nicht.

Und trotzdem werden Sie es nicht wieder machen?

Nein, ich bin oft genug zurückgegangen.

Verfolgen Sie das Schicksal Ihrer Marke, die außer den Besitzerwechseln nun auch schon einige Designerwechsel hinter sich hat?

Natürlich liegt mir das am Herzen. Es war ja eine so lange Zeit! Ich war 24 Jahre alt, als ich mit der Marke begann. Man hängt daran. An den Mitarbeitern, den Fans, den Einkäufern und allen, die uns begleitet haben. In unserem Team zu arbeiten, das war wie in einem Internat, haben wir immer gesagt. Das hat mich über die Jahrzehnte sehr beschwingt. Da war das Ende der Geschichte natürlich traurig, sehr emotional. Mein Name steht ja dort an der Tür. Mir geht es wie einem Elternteil, das ein Kind durch eine Scheidung verloren hat. Eine Trennung kann man nicht wegdenken. Das ist nicht einfach. Man muss im Leben immer wieder Veränderungen akzeptieren. Man kann nichts festhalten. Es geht immer weiter. Wenn man das gelernt hat, kann man auch damit umgehen.

Sie waren immer unglaublich fleißig. Sind Sie das jetzt auch noch?

Ich weiß nicht, ob es Fleiß ist. Eher die Unfähigkeit, Dinge halb zu machen. Die Menschen um mich herum waren auch immer motivierend. So dass man am Ende sagen kann: Da ist was Tolles draus geworden.

Wegen der Ausstellung kommen Sie seit einem Jahr oft nach Frankfurt. Wie ist das am Flughafen: Werden Sie viel angesprochen?

Zunächst einmal: Ich fahre mit der Bahn, im ICE, das ist sehr angenehm. Ich glaube, vorher war ich seit 20 Jahren nicht mehr Zug gefahren. Dadurch bin ich jetzt mittendrin und nah dran. Viele Menschen sprechen mich an und sind nett zu mir. Ich will ohnehin die Menschen, die Dinge und die Welt als Privatperson besser kennenlernen. Dazu gehört der Rollkoffer. Ich habe mir einen neuen gekauft, der ist so leicht, den kann man mit einem Finger bewegen.

Im Gegensatz zu früher haben Sie heute auch ein Privatleben.

Ja, früher habe ich manchmal buchstäblich das halbe Jahr im Hotel gelebt. Jetzt reise ich auch noch gern und viel, aber mein Lebensmittelpunkt ist Hamburg, außerdem habe ich den Garten auf dem Land. Wir haben ihn dort in 30 Jahren aus einer Koppel aufgebaut. Darum muss man sich wirklich kümmern, sonst verwildert er schnell. Ich mache das mit Freude. Wir haben immer gesagt: Eines Tages sitzen wir auf der Bank und schneiden die Rosen. Na gut, ich bin nicht jemand, der rumsitzen kann. Aber das Landleben bedeutet jedenfalls: Ruhe, Lesen, Spaziergänge. Wir haben drei Rosengärten. Daran erfreue ich mich und bin stolz darauf, wie alles wächst.

Außerdem haben Sie noch ein Anwesen auf Ibiza.

Ja, da habe ich alte Olivenbäume umgepflanzt. Von der Ernte habe ich mir jetzt mein eigenes Olivenöl machen lassen, 180 Flaschen, beste Bio-Qualität. Früher war ich immer eingebunden. Heute ist mein persönliches Leben mehr aus einem Guss. Und meine Gedanken sind frei.

Haben Sie noch weitere spezielle Hobbys?

Sie werden lachen: Autofahren. Ich komme aus einer Autofirma und bin mit Autos großgeworden. Schon als Kinder haben wir uns übers Design der Wagen unterhalten. Ich fahre selbst und mag lange Fahrten, die ich mir früher zeitlich nicht leisten konnte. Reisen erfrischt das Denken. Mit dem Auto ist man selbständig, man kann machen, was man will. Und ich liebe McDonald's. Wenn man auf der Autobahn unterwegs ist, findet man es leicht auf einer Raststätte. Man muss es nicht immer machen, aber die Ur-Idee von McDonald's ist gut, und so ein Burger ist bekömmlich.

Maximal minimal: Jil-Sander-Flagship-Store in London, 2002 Foto: Paul Watchol

Im Schnellrestaurant müssten Sie dann den Eindruck gewinnen, dass die Deutschen mit der Mode über Kreuz liegen.

Sagen wir es so: Vielleicht ist man sich der Kraft, die Kleidung verleihen kann, in Deutschland nicht so bewusst. Aber es gibt natürlich doch viele Menschen, die differenzieren können. Auch die Männer: Sie sind oft sehr interessiert, hören gut zu und sagen ihre Meinung. In Hamburg gab es übrigens immer eine zurückhaltende Eleganz, daran hat sich nicht viel geändert. Immer wieder öffnen Männer ihr Sakko und zeigen mir stolz das Schneideretikett an der Innenseite.

Heute haben Sie auch Zeit, sich über das Weltgeschehen zu informieren.

Ja. Ich lese die Zeitung, bin politisch interessiert und gehe stets wählen. Ich war immer Optimistin, aber natürlich bin ich besorgt angesichts der Entwicklung in vielen Teilen der Welt. Ich war 2009 in Syrien, da herrschte dort noch Frieden. Wenn man bedenkt, was sich heute dort und überall in der Welt an furchtbaren Dramen abspielt.

Da können wir froh sein, dass wir zur Bundestagswahl in zwei Wochen in Frieden und Freiheit unsere Stimme abgeben dürfen.

Da können wir wirklich froh sein. Aber dennoch: Auch bei uns gibt es trotz guter Konjunktur und niedriger Arbeitslosenzahlen extreme Entwicklungen. Warum radikalisieren sich viele Menschen politisch? Wie verändert das Digitale die Menschen? Was ist mit der Künstlichen Intelligenz?

Und was sehen Sie modisch? Leiden Sie unter der deutschen Formlosigkeit?

Ich leide nicht. Ich beobachte nur. Die Deutschen sind nicht an sich formlos. Man denke an das Bauhaus, die strengen fünfziger Jahre, die Tradition der Trachten und Zunftgewänder. Deutschland war immer kleinstaatlich. Daher gibt es nicht die Renommierkleidung der politischen Zentren. Die Formlosigkeit hat mit der Auflösung der Kleidungscodes zu tun. Aber das hat auch Vorteile. Man macht sich nicht durch Dekor lächerlich. Es ist bei uns nicht so üblich zu blenden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 18.09.2017 19:04 Uhr