Hochhausturm der Moderne, aufgebrochen: So soll der Omniturm in Frankfurt einmal aussehen.© BIG – Bjarke Ingels Group

Gratwanderung in der Innenstadt

Von ULF MEYER

11.11.2016 · Zwischen lustig, originell und albern: Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt beleuchtet den Siegeszug einer neuen, hedonistischen Architektur am Beispiel der Bauten des dänischen Büros Big.

© BIG – Bjarke Ingels Group, Foto: Iwan Baan Superkilen, Kopenhagen 2012

Die Architekturgeschichte der vergangenen hundert Jahre führt, kurz gesagt, vom teils brutalen Ernst der Moderne über den ironischen Humor der Postmoderne in einen heiteren, naiven Hedonismus, dessen aktueller Hohepriester der junge dänische Architekt Bjarke Ingels ist (F.A.Z. vom 4. November). Der weltweite Siegeszug der digital generierten Architektur, die vorgibt, allein aus ihren Randbedingungen heraus entwickelt worden zu sein, zeigt sich nirgendwo deutlicher als in den Arbeiten des Architekturbüros Big, der „Bjarke Ingels Group“.

Ihre selbstbewusst als „Architektur 2.0“ titulierte Baukunst kommt sympathisch und kreativ daher: Auf den Ort zugeschnittene Gebäude werden im animierten Wettbewerbsbild stets von Horden von jungen und gutaussehenden Surfern, Shoppern und Skatern bevölkert. Erklärtes Ziel von Ingels ist es, „Gebäude zu entwerfen, die nicht wie Gebäude aussehen“. Peppig, cartoonish, möchtegern-vernakulär und zwanghaft surrealistisch sind sie deshalb, ganz mit ihrer Form beschäftigt und diagrammartig. Aus der „Not eine Tugend“ und „das Beste aus einer Lage zu machen“ ist ihr Ziel.

Dabei gelangen sie vom Städtebau und etwaigen Vorgaben ohne Umwege direkt zum Gebäudeentwurf. Speziell das Klima und die Lage in der Stadt werden parametrisch zur „Triebfeder ihrer Planung“. Was bei temporären Bauten wie dem Serpentine Pavillion in London oder bei der Expo in Schanghai funktioniert, wird im Maßstab einer Riesen-Ferien-Hochhaussiedlung an der verträumten Ostküste Taiwans beispielsweise zum Albtraum. Der Grat zwischen lustig-originell und albernem Non-Sense, auf dem sich die „hedonistische Architektur“ bewegt, ist denkbar dünn: Für die Faröer-Inseln schlagen die schlauen Dänen beispielsweise eine „Matchmaking-Schule“ vor, die so entworfen ist, dass sich die Schüler darin massenhaft verlieben, „um das Problem der Abwanderung von den regnerischen Atlantikinseln zu lindern“.

Eine große monographische Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt ist Big gewidmet: „From Hot to Cold“ heißt die Schau, weil sie Projekte und Bauten des Büros nach Klimazonen sortiert, von heiß nach kalt und rot nach blau: Big entwerfen in Qatar arabisch, in Florida kubanisch und in Dänemark sozialdemokratisch. Die Ausstellung selbst kommt erstaunlich konventionell daher: Iwan Baans Fotos und Stefan Sagmeisters Grafiken aus Bigs letztem Buch „From Hot to Cold“, das anlässlich der Ausstellungs-Premiere im National Building Museum in Washington D.C. als Katalog dienen musste, wurden in Frankfurt wie Seiten aus einem Buch als Poster an die Wand geklebt und mit einer Reihe ganz normaler Architekturmodelle ergänzt.

© BIG – Bjarke Ingels Group Nationales Schifffahrtsmuseum Dänemark, Helsingør 2013

© BIG – Bjarke Ingels Group, Foto: Luca Santiago Mora Gammel-Hellerup Sporthalle, Hellerup, Dänemark

Die Architekten durften die Ausstellung selbst gestalten. Der Hausherr enthält sich eines kritischen Kommentars und überlässt seine Räume den Architekten wie eine Galerie. Wie zuvor die niederländischen Architekten zeigen die dänischen Baukünstler den unstillbaren Drang von Entwerfern aus flachen Ländern, Gebäude in die Höhe zu türmen. Beide protestantisch geprägten Wohlstandsgesellschaften bereiten den Nährboden der „hedonistischen Architektur“, die immer mutig, pragmatisch und selbstbewusst ist. Das im Jahr 2005 in Kopenhagen gegründete Büro ist seinem Gründer mittlerweile nach Amerika gefolgt, wo Big mit dem „Via (West 57th Street)“ genannten Hochhaus derzeit reüssiert.

© BIG – Bjarke Ingels Group, Foto: Iwan Baan Serpentine Pavilion 2016, London, Großbritannien

Der ausgeschnittene Pyramiden-Turm ist ein gelungenes Beispiel für Bigs Ansatz des „Landscape Urbanism“ und hat Big einen denkbar prominenten Folgeauftrag eingebracht für denselben Bauherrn: Der Immobilienmagnat Douglas Durst ist mit einer Dänin verheiratet und gab bei den Dänen auch den Neubau des „Two World Trade Center“ in Auftrag. Natürlich mit einem „graduellen Shift“ versehen, wird Bigs Entwurf flugs als „Himmelsleiter“ für die am 11. September 2001 verstorbenen Feuerwehrleute interpretiert. Die Baukörper-Torsion ergibt allerorts zwickelförmige Terrassen, die reflexhaft zu Gründächern deklariert werden. Pauschales „Grün“ ist die Lösung für alles.

© BIG – Bjarke Ingels Group, Two World Trade Center, New York, Vereinigte Staaten

Ingels’ Ansatz ist in Amerika unpolitisch und kapitalismuskompatibel geworden. Zwischen Marina und Golfplatz passt doch immer noch ein teures Apartment-Haus auf den Bahamas, das Tiger Woods bei den beliebten Dänen in Auftrag gegeben hat und in dem jeder Bewohner seinen eigenen Mini-Pool auf dem Balkon hat. Im Kern geht es bei Big heute darum, teure Wohnungen zu verkaufen. Das Timing der Frankfurter Ausstellung ist so gesehen günstig, denn Amerikas bekanntester Immobilienkonzern baut in Frankfurt ein „Omni“ genanntes Hochhaus, das Wohnen und Arbeiten in einem Haus kombiniert. Einen Akt der Bigamie nennen die Architekten das scherzhaft. Wohnen im Turm ist in Deutschland wieder in, und die Hochhaus-Kisten der Moderne gehören nach Meinung von Big unbedingt aufgebrochen. Der Frankfurter Turm ist eine konventionelle Box, deren Hüft-Etagen unmotiviert zur Seite schwingen. Der verdrehte Hüftschwung ergibt fast unnutzbar schmale Terrassen und – der Turm sieht aus wie ein Gebäude! From „hot to cold“ eben!

BIG. Hot to cold. Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt. Vom 11. November 2016 bis 12. Februar 2017. www.http://www.dam-online.de.

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