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Wintersportorte ohne Winter : Die ersten kaufen schon Kunstschnee

Grüne Sprungschanze in Willingen: Da hilft nur noch Industrieschnee Bild: picture-alliance/ dpa

Im vorigen Jahr hatte man in der Rhön um diese Zeit schon 50 Wintersporttage hinter sich. Nicht nur die Skiverleiher klagen über einen Winter, der keiner ist.

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          Mutig, mutig, hatte man gedacht, als der Skiort Willingen im hessischen Teil des Sauerlands schon vor Weihnachten bekanntgab, mit seinen Schneekanonen nun die Berieselung der Sprungschanze für den Weltcup Anfang Februar zu beginnen. Mittlerweile ist dort offenbar alles wieder getaut. Nun jedenfalls gab der ausrichtende Skiclub Willingen bekannt, von der Skihalle im nordrhein-westfälischen Neuss rund 3000 Kubikmeter Kunstschnee kaufen zu wollen und mit dem Lastwagen vom Niederrhein her ankarren zu lassen. „Damit findet das Skispringen auf jeden Fall statt“, sagte Pressesprecher Thomas Behle.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Als ausgesprochen schneesicher hatten die hessischen Wintersportorte nie gegolten - so schlecht aber war es lange nicht mehr. „Letztes Jahr um diese Zeit waren die Lifte an der Wasserkuppe schon 50 Tage in Betrieb“, sagt Roland Frormann vom Fremdenverkehrsverband Rhön. Dieses Jahr hat es dort bislang einmal acht Zentimeter Schnee gegeben, einmal drei.

          „Kein Schnee, keine Winterurlauber“

          Zum Skifahren reichte das nicht. Während die Übernachtungsgäste über Weihnachten noch wie geplant gekommen seien, nur einzelne seien vorzeitig abgereist, spüre man jetzt das völlige Ausbleiben der Tages- und Wochenendbesucher aus der Region. In immerhin sechs bis sieben Orten der Rhön sei der Wintersporttourismus ein „wichtiger Nebenerwerb“. Selbst wenn man in den nächsten Wochen noch Schnee bekomme, so Frormann, werde man keinen durchschnittlichen Jahresumsatz mehr erreichen.

          In der Rhön stehen alle Lifte still

          Auch im Taunus spürt man die Folgen des schwachen Winters. Von den in Karten eingezeichneten 100 Kilometern Langlaufloipen existiert nichts. Die Lifte am Pechberg bei Oberreifenberg und am Treisberg stehen still. „Hier ist spürbar weniger los, als wenn Schnee liegt“, sagt auch das Ehepaar Stürtz, das am Gipfel der höchsten Taunus-Erhebung in 880 Metern Höhe den Feldberghof betreibt. Dort hängen Skier an der Decke, es gibt Kaiserschmarrn und Glühwein - fast wie in einer richtigen Skihütte, nur leider ohne den für diese Sportart ja nicht unwichtigen Schnee vor der Tür. Fünf bis sechs Grad Celsius meldete das Thermometer dort oben. „Kein Schnee, keine Winterurlauber“, meint Cornelia Geratsch vom Taunus-Touristik-Service. Allerdings scheint die Bedeutung des Wintertourismus für die Wirtschaft im Taunus geringer als in der Rhön oder im Sauerland - der Branchenmix ist günstiger.

          Beim Skiverleih von Intersport Taunus in Bad Homburg an der Louisenstraße heißt es jedenfalls, man nehme eine deutlich geringere Nachfrage wahr als in anderen Jahren. Die Zielgruppe dort sind sowohl Menschen, die aus dem Rhein-Main-Gebiet zum Skiurlaub in die Alpen aufbrechen, als auch Wochenendausflügler nach Winterberg, zur Wasserkuppe oder zum Feldberg. Weil aber selbst in Österreich und in der Schweiz in vielen Skiorten das Wintersportangebot eingeschränkt ist, hätten schon die Fernurlauber weniger Skier ausgeliehen. In Hessen aber habe es es bislang ja „praktisch gar nichts“ gegeben, klagen die Verleiher.

          „Die Hoffnung stirbt zuletzt“

          Wen der milde Winter offenbar gar nicht beeindrucken kann, sind die Anbieter sogenannter Apres-Ski-Partys. Die Bahia-Bar in Frankfurt-Bockenheim etwa will am Samstag Ski-Hits wie „König an der Schneebar“ oder „Wir wollen die Eisbär sehen“ auflegen und dazu Jagertee verkaufen - als ob man nicht schon beim Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt angesichts munter zwitschernder Vögel ein etwas komisches Gefühl gehabt hätte. Auch in der Bar von Taunatours in Schmitten am Feldberg soll es Samstag und Sonntag Apres-Ski-Hits geben: Dabei ist der einzige ernst zu nehmende Lift an dem Berg vor Jahren abgebrannt. Man hat ihn nicht wieder aufgebaut - wohl, weil die Gegend dann für solche Investitionen irgendwie doch nicht als schneesicher genug galt.

          In Hohensolms in Mittelhessen rühmt man sich, den einzigen echten Rodellift des Bundeslandes zu haben. Doch auch dort ist alles grün. „So weit, dass wir Kunstschnee hierher einsetzen, sind wir noch nicht“, sagen die Betreiber. Anders als etwa in Oberhof im Nachbarbundesland Thüringen: Dort hat man den Biathlon-Weltcup gesichert, indem man aus Bremerhaven zerkleinertes Fischerei-Eis anliefern ließ. „Wir produzieren Kühleis und mahlen das zu Schnee“, sagt Helga Düring, Geschäftsführerin der Eiswerk GmbH. Dieser komme schon in mehreren Skiorten und -hallen zum Einsatz. Allerdings sei er grobkörniger als Naturschnee.

          „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, heißt es in den hessischen Wintersport-Orten. Im Augenblick können die Wetterexperten den Skiverleihern und Liftbetreibern aber nicht viel Mut machen: Die Hänge sollen auch in den nächsten Tagen grün bleiben. „Es ist auf absehbare Zeit kein Schnee in Sicht“, prophezeit Tim Armbruster vom Deutschen Wetterdienst. Auf dem Kahlen Asten bei Winterberg seien bei Temperaturen zwischen 7 und 9 Grad nur Regen und Wind zu erwarten. Auch nachts bleibe das Thermometer über dem Gefrierpunkt. „Es gibt eine Chance auf einen Wetterumschwung gegen Ende nächster Woche“, hofft der Sprecher der Liftbetreiber im Sauerland, Meinolf Pape. Allerdings müssten schon 20 Zentimeter Schnee fallen, um gute Wintersportbedingungen zu haben. Wenn es ohne Niederschläge dauerhaft kalt werden sollte, bräuchten die Liftbetreiber drei Tage, um ihre Pisten künstlich mit Kanonen einzuschneien.

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