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Video-Filmkritik : Zwischen Himmel und Hölle: „Yella“

Bild: Piffl

Die Liebe in den Zeiten des Private-Equity-Kapitalismus: Christian Petzolds großartiger Film „Yella“ mit der preisgekrönten Nina Hoss in der Titelrolle ist der beeindruckende Beweis dafür, dass der Autorenfilm blüht.

          6 Min.

          Wittenberge an der Elbe, auf halbem Weg zwischen Hamburg und Berlin, ist eine ehemalige Industriestadt. Vor der Wiedervereinigung gab es hier eine Nähmaschinen-, eine Zellstoff- und eine Ölfabrik. Heute gibt es noch eine Reparaturwerkstatt der Deutschen Bahn. Fabrikruinen umrahmen die Innenstadt wie ein Festungsgürtel. Seit 1989 ist die Einwohnerzahl um mehr als ein Drittel geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei fünfzehn Prozent. „Die schrumpfende Nachfrage erhöht die Risikoschwelle baulicher Investitionen“, heißt es lapidar in einem Gutachten von 2005. Mit anderen Worten: Wo niemand hin will, wird auch nichts mehr gebaut. In dieser Stadt, auf halbem Weg zwischen Himmel und Hölle, spielt Christian Petzolds Film „Yella“.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ein Zug kommt nach Wittenberge. Darin eine Frau, allein. Sie zieht sich um in ihrem Abteil, streift das elegante Kleid ab, das sie auf der Fahrt getragen hat, und schlüpft in ihre Ostklamotten, Jeans und Pulli. Das ist Yella. Sie kommt aus Wittenberge, und sie will weg. Das sagen ihr Gang, ihr Gesicht, der Blick, mit dem sie den Blicken der Passanten begegnet, die sie am Bahnhof taxieren. Ihre ganze Haltung sagt nein zu dieser Stadt: Nimmermehr.

          Firma pleite, Mann verschuldet

          Und die Stadt antwortet: Doch, du gehörst mir. Ein Wagen wartet auf dem Bahnhofsvorplatz, ein alter Jeep, darin sitzt Ben, Yellas Ehemann. Ihre Jugendliebe. Sie sind getrennt. Ben und Yella hatten eine Firma. Die Firma ist pleite, der Mann verschuldet. Ein Verlierer. Ein Verlassener. Er verfolgt Yella im Auto, dann zu Fuß, sie weist ihn ab, er setzt nach, sie lässt ihn stehen. Und all die Zeit über - fünf Minuten in Wittenberge, ein ewiger Augenblick im Kino - erklingt ein kleines, trauriges Lied aus dem Autoradio, „Road to Cairo“ von Julie Driscoll: „I've been travellin' / gone a long long time / don't know what I'll find / scared of what I'll find / I got to go back / got to see my little bride . . .“. Jedes Paar hat sein Lied, und dieser Song gehört Yella und Ben.

          Nach fünf Minuten ist das Entscheidende gesagt, gezeigt, angedeutet, und nun geschieht, wie in allen Tragödien der Liebe, was geschehen muss. Yella übernachtet bei ihrem Vater, am nächsten Morgen will sie ihren Job in Hannover antreten und Wittenberge den Rücken kehren, vielleicht für immer. Aber dann steht Bens Wagen vor Yellas Tür, er will sie zum Bahnhof bringen, sie steigt zögernd ein, und er erzählt ihr von seinen Plänen, von Überbrückungskrediten, von neuen Hoffnungen. Sie dreht sich weg, und er schlägt sie, er brüllt sie an, sie fahren über eine Brücke, er sagt „Ich liebe dich“ und lenkt den Jeep in die Elbe. Aus.

          Das Abenteuer beginnt

          Und dann beginnt das Abenteuer dieses Films. Eine Frau im langen Mantel taucht aus dem Wasser, schleppt sich mit letzter Kraft ans Ufer und liegt da wie eine Tote, bis sich, wie durch Zauberei, ihr linkes Auge öffnet. Es ist Yella. Und es ist nicht Yella. Es ist Yellas Traum, den der Film von da an erzählt, und es ist zugleich Yellas Leben, wie es hätte aussehen können, wenn sie aus Wittenberge entkommen wäre. Und weil „Yella“ ein Film ohne Tricks und Anführungszeichen ist, ist das alles zugleich ganz real, eine zweite, hellere Wirklichkeit, unter der die erste, dunklere Wirklichkeit schläft.

          Nur der Rabe, den Yella im Augenblick ihres Erwachens in den Bäumen krächzen gehört hat, lässt sich nicht zum Schweigen bringen, sein Schreien und das Rauschen der Blätter dringen immer wieder in die Bilder ein, in denen Yellas Leben weitererzählt wird, und halten das Geschehen an. Dann ist auf einmal Stille, und Yella fasst sich an den Kopf und blickt in den Himmel, als wehe sie von dort eine Erinnerung an, und rings um sie herum wird die Welt unscharf, verschwommen, ein verblasstes Polaroid. Plötzlich ist sie ganz allein, wie das Kind im Märchen, das sich ins Geisterreich verirrt hat. Und der Rabe krächzt das Wort, das er bei Edgar Allan Poe gelernt hat: Nevermore - Nimmermehr.

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