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Ungeklärte Mordfälle : Bezahlte Geliebte im Wirtschaftswunderland

  • -Aktualisiert am

Rosemarie Nitribitt (1957) Bild: picture-alliance / dpa

In einen Grabstein auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof ist ein Predigerwort aus dem Alten Testament gemeißelt: „Nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein im Leben.“ Hier ruht Rosemarie Nitribitt, die berühmteste Prostituierte Deutschlands.

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          In einen Grabstein auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof ist ein Predigerwort aus dem Alten Testament gemeißelt: „Nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein im Leben.“ Hier ruht Rosemarie Nitribitt, die berühmteste Prostituierte Deutschlands, eine dunkle Ikone der jungen Bundesrepublik, bezahlte Geliebte der Leistungselite im Wirtschaftswunderland, kostenfreier Liebling der Zeitkritik, Objekt ungezählter Berichte, Leitartikel, Essays und Kabarettcouplets, Hauptfigur in mindestens drei Spielfilmen und einem Musical. Nicht schlecht für eine junge Frau, die 24 Jahre alt war, als sie in ihrem Appartement an der Frankfurter Stiftstraße erwürgt wurde.

          Der 1.November 1957, der auf ihrem Grab vermerkt ist, war der Tag, an dem die Polizei den überheizten Tatort betrat und erst einmal das Fenster aufmachte. Die Tote lag dort schon einige Zeit, wie lange exakt, ließ sich wegen der unbedachten Frischluftzufuhr nicht mehr klären. Das vergleichende Messen der Temperaturen einer Leiche und ihrer Umgebung zur Ermittlung des Todeszeitpunkts war nicht mehr möglich. Rosemarie Nitribitt war vermutlich zwei oder drei Tage vor der Entdeckung der Leiche umgebracht worden. Die Fahrlässigkeit ganz am Beginn der Ermittlungen würde später ernsthafte Folgen haben.

          Die ersten Agenturmeldungen über den Mord in einem modernen Wohnhaus in der Nachbarschaft des Eschenheimer Turms und des dieser Tage abgerissenen, damals vier Jahre alten „Rundschau-Hauses“ kennzeichnen bereits den verdrucksten Zeitgeist der fünfziger Jahre. Der Tagesredakteur mag seinen Lesern keine Meldung über den gewaltsamen Tod einer Prostituierten zumuten, er wählt als Berufsbezeichnung „Mannequin“.

          Eine stadtbekannte Frau

          Lächerlich! Rosemarie Nitribitt in ihrem schwarzen Mercedes 190 SL, mit dem sie auf Kundenfang fuhr, war, was ihre Profession anging, stadtbekannt. In den Tagen und Wochen ununterbrochener Berichterstattung über einen Kriminalfall, den man heute einen „Aufreger“ nennen würde, fallen dann zwar die Mauern und Mäuerchen vorgetäuschten Anstands, doch verrückterweise bürgert sich schließlich ein, von dem „Mädchen Rosemarie“ zu reden und zu schreiben. Im gleichnamigen Film mit der allzu damenhaften Nadja Tiller wird die inzwischen landesweit Bekannte in einem Kabarettsong als Lehrerin persifliert: „Und da liegt nun das Mädchen Rosemarie,/und es lehrt eine seltsame Geometrie:/Wenn du lernen willst, mein Lieber, komm und zahle,/ich zeig dir dafür die Horizontale.“

          Doch es gibt auch ernsthafte Erörterungen über das Leben der Rosemarie Nitribitt, das durch ihren Tod unstillbares Interesse hervorruft. Sie erscheint wortmächtigen Zeitgenossen als kühl und genau planende Managerin der käuflichen Liebe - heute würde man sagen: der Sexindustrie. Parallel zum Wirtschaftsaufschwung habe sie ihre Karriere im Volkswagen begonnen, sei eine Weile im Opel Kapitän gesegelt und habe schließlich mit dem schwarzen Sportwagen samt roten Ledersitzen bewußt und zielorientiert ein Symbol für Aufstieg und Erfolg gewählt. Der Journalist und Schriftsteller Erich Kuby nannte seine oft kopierte und nie erreichte Darstellung denn auch „Rosemarie Nitribitt. Des deutschen Wunders liebstes Kind“. In dieser Zeitung schrieb Friedrich Sieburg, Literat, Historiker, Diplomat, einen Leitartikel über die Gemütslage einer Gesellschaft, die wochenlang kein wichtigeres Thema zu kennen schien als einen Prostituiertenmord. Die Publizistik aller Schattierungen verknüpfte den Mord mit Zustandsbeschreibungen der noch nicht zehn Jahre alten Bundesrepublik. Indem sie die Scheinheiligkeit der Zeit angeblich geißelten, offenbarten manche Autoren kaum mehr als Schadenfreude: Was war das für ein Wirtschaftssystem, in dem eine „Lebedame“ es zu einer ansehnlichen Summe Geldes bringen konnte?

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