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Wohnungseinbrüche : Angst in Tiefenbronn

Auf Einbrecherjagd: 38 Bürger von Tiefenbronn zahlen, damit Jürgen Kappler für Ordnung sorgt Bild: Kaufhold, Marcus

In Deutschland steigt die Zahl der Wohnungseinbrüche. In einem kleinen Ort bei Pforzheim wollen die Bürger das nicht hinnehmen. Sie zahlen Geld dafür, dass einer ihre Straßen überwacht. Die Politiker sind nicht begeistert.

          Die Bürger von Tiefenbronn haben Angst. Die Zahl der Einbrüche im Landkreis, zu dem die kleine Gemeinde nahe Pforzheim gehört, ist zuletzt um 42 Prozent gestiegen. In Baden-Württemberg insgesamt gab es 2013 ein Drittel mehr Einbrüche als im Vorjahr, und auch in anderen Bundesländern sind es mehr geworden. Kriminologen sprechen von einer „Renaissance des Einbruchs“ in Deutschland.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Die Tiefenbronner empfinden ihre Lage als dramatisch. Vorbei die Zeiten, als ihr kleiner Ort nur für seine Pfarrkirche bekannt war, darin der berühmte Magdalenenaltar von Lucas Moser. Jetzt reden alle über die vielen Einbrüche - und über die Angst.

          Die Bürger sind ziemlich ratlos. Sie kritisieren das „Gutmenschentum“ der Volksparteien-Politiker, ihre Arroganz, die Polizeireform, die Freizügigkeit in der EU, die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien, die auch neue Einbrecher ins Land bringe. „Bürgerwehren müssen notfalls sein“, fordern einige in Tiefenbronn. Allein auf die Polizei wollen sie nicht mehr vertrauen.

          „Wo Licht ist, da ist auch die Angst“

          Eine Bürgerwehr gibt es noch nicht in Tiefenbronn, aber es gibt Jürgen Kappler. Er hat einen privaten Sicherheitsdienst, und der patrouilliert seit ein paar Wochen durch den Ort. 38 Tiefenbronner haben sich dafür zusammengetan; sie zahlen jeder 80 Euro im Monat, damit Kappler mit seinen Leuten von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens Kontrolltouren durch die Wohngebiete macht. Jeden Tag eine andere Route.

          An einem Abend im Mai fährt Kappler mit seinem Wagen auf das Gelände einer kleinen Fabrik im Tiefenbronner Gewerbegebiet. Er nimmt einen Halogenstrahler aus dem Kofferraum und leuchtet auf das Zylinderschloss einer Tür an der Seite des Gebäudes. Kappler sucht nach Ölspuren. Denn manche Einbrecher gehen schrittweise vor: In einer Nacht tauschen sie die Schlösser aus, dann kommen sie ein zweites Mal und schließen wie normale Mitarbeiter die Tür auf. Wo ein Schloss ausgetauscht wird, läuft schon mal ein bisschen Öl am Türblatt runter. „Nichts zu sehen“, sagt Kappler zufrieden.

          Er leuchtet noch eine Fassade ab, kontrolliert die Fenster im Untergeschoss eines Bürogebäudes, dann fährt er weiter - vorbei an einem Klassik-Autohändler, der gerade insolvent geworden ist, und an einer Spedition, die ständig neue Hallen dazubaut. Es dämmert. Einige Unternehmen haben ihre leeren Firmenparkplätze hell erleuchtet, als ob sie um 22.21 Uhr noch auf Kunden warteten. Viele Büros sind menschenleer, trotzdem brennt Licht. Auch die Rollläden sind nach Feierabend absichtlich oben gelassen worden. Das Gewerbegebiet soll nicht verlassen wirken, obwohl es das jetzt natürlich ist. „Wo Licht ist“, sagt Kappler, „da ist auch die Angst.“

          Er tritt aufs Gas, biegt auf die Hauptstraße ab, durchquert den Ortskern und fährt in das ausufernde Neubaugebiet: einstöckige Bungalows, elegant beleuchtete Einfamilienhäuser. Eigenheime, die mindestens eine Million Euro kosten. Die Straßen sind nach Bertha Benz und Käthe Kollwitz benannt, in den Carports stehen neueste Autos aus schwäbischer Produktion. Kappler weiß, dass die Täter die Wohnviertel mit Google Maps ausspionieren; dass in Tiefenbronn etwas zu holen ist, sieht man da auf den ersten Blick. Er hält vor einem verschachtelten Haus mit einem großen Balkon und einer ausladenden Terrasse. An den Garten grenzt die Streuobstwiese. Hier wurde schon einmal eingebrochen. Die Täter sind über den Balkon rein und standen schon vor dem Tresor, wurden dann aber im letzten Moment noch gestört. Heute ist es ruhig.

          Die Zahl der Einbrüche ist gesunken

          Kapplers Fahrten scheinen sich zu lohnen. Seit er und seine Leute unterwegs sind, hat auch die Polizei ihre Streifenfahrten verstärkt; einige aus Georgien stammende Täter nahm sie kürzlich fest. Weil die Einbrecher mitbekommen haben, dass stärker kontrolliert wird, machen sie im Moment einen Bogen um Tiefenbronn. Die Zahl der Wohnungseinbrüche ist deutlich gesunken - die Frage ist nur, was passiert, wenn die Polizei die Streifenwagen wieder andere Routen fahren lässt.

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