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Vegetarismus : Alles auf Tofu

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Denn darin besteht der zweite Teil der Soja-Erfolgsgeschichte: Die Bohne gilt als wahrer Gesundheitsquell. In den Vereinigten Staaten wird bereits jeder vierte Säugling mit Sojamilch großgezogen. Das soll Kuhmilchallergien vorbeugen. Wer Sojaprodukte zu sich nimmt, dem wird unter anderem Schutz vor Osteoporose, Herzinfarkt oder Brustkrebs versprochen. Entsprechende Studien sind - wie fast immer, wenn es um Lebensmittel geht - in wissenschaftlicher Hinsicht nicht besonders belastbar. Deshalb werden sie gern mit dem Argument unterfüttert, Tofu-Affine lebten nun mal länger. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang meist auf die Bewohner von Okinawa, der "Insel der Hundertjährigen". Wenn man aber genauer hinsieht, essen Asiaten gar nicht so viel Tofu. Weder in Japan noch in China oder Thailand. Im Durchschnitt sind es vielleicht zwanzig Gramm am Tag, auf Okinawa wie anderswo. Westliche Vegetarier nehmen ohne weiteres die zehnfache Menge zu sich. Und da existieren dann wieder andere Studien, die naheleten, dass sie sich dabei keinen Gefallen tun.

Soja im Visier

Unter experimentellen Bedingungen entwickelten Ratten, die mit hohen Dosen von Sojaextrakten gefüttert wurden, vermehrt Bauchspeicheldrüsenkrebs; die Befunde blieben bislang allerdings auf Tierversuche beschränkt. "Tofu lässt das Gehirn schrumpfen" lauteten die Schlagzeilen, nachdem man die verschiedenen Essensgewohnheiten einer Gruppe von Amerikanern japanischer Abstammung unter die Lupe genommen hatte: Wer mehr als zweimal pro Woche Tofu konsumierte, trug angeblich ein höheres Risiko, an Demenz oder Alzheimer zu erkranken; freilich handelte es sich nur um eine Korrelation, in Wahrheit könnten ganz andere Faktoren dafür verantwortlich sein.

An vorderster Front im Kampf gegen die Sojawelle steht die amerikanische "Weston A. Price Foundation", benannt nach einem Zahnarzt, der sich in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Zahnfäule und Ernährung verschrieben hatte. Seine Stiftungserben sind davon überzeugt, dass die im Soja enthaltenen Phytohormone generell schädlich sind, insbesondere für Säuglinge und Frauen in den Wechseljahren. Im Sinne einer gesünderen Lebensweise empfehlen sie stattdessen den Verzehr größerer Mengen von Rohmilch, Butter, Schmalz und Lebertran.

Korrigierte Bohnen

So geht die Diskussion hin und her, geführt mit umso größerer Überzeugungskraft, je weniger gesicherte Erkenntnisse vorliegen. Sojafreunde, aber auch orthodoxe Ernährungswissenschaftler führen den Cholesteringehalt ins Feld, bei dem der Bohnenkäse zweifellos besser abschneidet als Schweinespeck. Tofu-Gegner argumentieren, dass man hier erst am Beginn eines Großversuchs stehe, bei dem noch gar nicht sicher sei, ob die Menschheit den Soja-Massenkonsum überhaupt verkraftet. Wer in diesem Glaubenskrieg recht hat, lässt sich anhand von Fakten nicht beantworten.

In einem Punkt haben die Kritiker allerdings recht: Die Häufigkeit von Soja-Allergien nimmt in dem Maße zu, wie Soja unter die Leute gebracht wird. Und eine zweite Tatsache lässt sich auch nicht von der Hand weisen: Sojabohnen enthalten vergleichsweise hohe Konzentrationen an unverdaulichen Zuckern wie Raffinose und Stachyose. Im menschlichen Darm werden die nur in geringem Umfang von den körpereigenen Verdauungsenzymen gespalten. Stattdessen machen sich anaerobe Mikroorganismen darüber her und produzieren dabei geruchsintensive Gase wie Methanthiol, Schwefelwasserstoff oder Dimethylsulfid. Entsprechende Flatulenzen nach Sojagenuss werden in der Fachliteratur als "exzessiv" beschrieben.

Die Soja-Industrie sinnt bereits auf Abhilfe. Mit Hilfe gentechnischer Methoden wurden inzwischen Bohnen gezüchtet, die reich an verdaulicher Sucrose und arm an unerwünschter Raffinose sind.

Eingefleischte Tofu-Fans, die auf lupenreiner Bioware bestehen, sind dafür sicher nicht die richtige Zielgruppe.

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