https://www.faz.net/-gmu-6l513

Richtig Heizen : Mollige Wärme, ganz grün und aus der Ferne

  • -Aktualisiert am

Im Heizkraftwerk Niederrad werden Strom und Fernwärme erzeugt Bild: dpa

Streit um Fernheizung: Die Energietechnik ist umweltfreundlich und daher von der Politik gerne gesehen. Doch Kritiker sagen, die Ökobilanz sei zum Teil schöngerechnet.

          6 Min.

          Der Winter ist da, Deutschland dreht die Heizung auf. Ein besonders gutes Gewissen können dabei diejenigen haben, die mit Fernwärme heizen. Die kommt meist aus umweltfreundlicher Kraft-Wärme-Kopplung. Das heißt, es wird Energie gewonnen, die sonst ungenutzt bliebe: In Kraftwerken entsteht neben dem Strom (Kraft) auch Wärme, die - gespeichert in Wasser oder Dampf - über Rohrleitungen zum Kunden geschickt wird. Derzeit heizen nur rund 13 Prozent der deutschen Haushalte auf diese Weise. Eine kleine, saubere Branche?

          Nicht für Werner Dorß. Der Leiter der Abteilung Energiewirtschaftsrecht beim Immobilien-Berater Arcadis wettert regelmäßig gegen die Fernwärme: Einmal, weil Unternehmen wie Arcadis an ihr wenig verdienen, denn sie dürfen aufgrund strenger Vorgaben der Branche keine Fernwärme-Gutachter stellen. Doch diese Interessen widerlegen als solche noch nicht sein Argument: Fernwärmeversorger, so der Jurist, verschafften sich oft mittels "Rechentricks" Vorteile - zu Lasten der Verbraucher und der Umwelt.

          Positives auf Energieausweis

          Seine Kritik rechtfertigt Dorß mit dem Hinweis auf seine Erfahrungen aus der Praxis: In Leipzig untersuchte ein Ingenieurbüro in seinem Auftrag zwei Plattenbauten, die auf den neuesten Umweltstandard gebracht werden sollten. Ergebnis: Hätte man eines der baugleichen Häuser mit Fernwärme geheizt, das andere mit Gas, hätte man in letzteres 50 Prozent mehr investieren müssen, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Denn Fernwärme kann "grün waschen", wie es Dorß nennt.

          Die isolierten Rohre werden in Frankfurt zur Übertragung der Fernwärme verlegt

          Das scheinen Versorger als Vorteil zu betrachten: In der Verbandszeitschrift der Arbeitsgemeinschaft für Wärme und Heizkraftwirtschaft (AGFW), die rund 90 Prozent der deutschen Versorger vertritt, wurde bereits von einem "Akquisitionsinstrument" gesprochen. Unter Energieberatern ist die Thematik bekannt, auch wenn nicht jeder von "Rechentricks" spricht. Denn verantwortlich ist der Gesetzgeber. Die Fernwärme erhält Pluspunkte bei der Ausstellung eines Energieausweises. Auf den kommt es an, wenn der Erfolg von Bau oder Sanierung bewertet wird.

          Werte variieren

          Laut Energieeinsparverordnung (EnEV) zählt vor allem eine Gesamtbilanz, in die auch die Wahl der Heizungsart mit einfließt. Es gibt zwar Mindestanforderungen an die Dämmung, aber ein Bauherr hat heute Spielräume. Die kennt auch Andreas Hummelt, Geschäftsführer des Berliner Architekturbüros i-energy. "Ich kann ein Gebäude von 1900 mit Fernwärme versorgen, dann ist es von der Umweltbilanz her oft in der Nähe vom Neubau-Niveau." Das gelte zumindest bei Fernwärme, die durch Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt wird. Der Grund: Fernwärme hat, ebenso wie die Wärme aus Holzpelletöfen, einen besonders günstigen Primärenergiefaktor. Der fließt in die Energiebilanz von Gebäuden ein und bestimmt entscheidend mit, ob der Zeiger des Energieausweises auf "Grün" steht.

          Will der Fachmann einen Energieausweis für ein Gebäude ausstellen, greift er auf einen einheitlichen, vom Gesetzgeber festgelegten Primärenergiefaktor zurück. Der drückt aus, was der aus ökologischer Sicht von den Heizformen hält. Öl ist eher schlecht, Solarenergie im Vergleich grandios. Bei der Fernwärme variiert der Wert hingegen. Denn nicht jedes Kraftwerk, in dem sie als Nebenprodukt entsteht, arbeitet gleich effizient und umweltfreundlich. Wie umweltfreundlich, das lassen die Versorger für ihr jeweiliges Netz berechnen. Sachverständige, die Energieausweise für Gebäude ausstellen, vertrauen bei der Fernwärme also auf Zahlen, deren genaue Berechnungsgrundlage sie nicht kennen

          Saubere Wärme mit gutem Primärenergiefaktor

          Topmeldungen

          Mitglieder der chinesischen Führung verneigen sich am Samstag im Gedenken an die im Kampf gegen das Coronavirus Verstorbenen.

          Totengedenken in China : Die Ahnen per Livestream ehren

          Nach Wochen des Ausnahmezustands sehnen die Chinesen sich nach Normalität. Die Regierung lässt das aber nur streng dosiert zu – denn ihre Prioritäten sind andere: die Partei und die Wirtschaft.