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: Landkarte oder Stammbaum?

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Als Denis Diderot 1765 die letzten Bände seiner großen "Encyclopédie" ankündigte, blickte er gleichzeitig auf eine krisenhafte Zeit voller Mühen und Behinderungen durch die Gegner des Projekts zurück: "Was uns die Geschichte von ...

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          Als Denis Diderot 1765 die letzten Bände seiner großen "Encyclopédie" ankündigte, blickte er gleichzeitig auf eine krisenhafte Zeit voller Mühen und Behinderungen durch die Gegner des Projekts zurück: "Was uns die Geschichte von den Verleumdungen des Neides, der Lüge, der Dummheit und des Fanatismus berichtet hat, haben wir an uns selbst erfahren. In einem Zeitraum von zwanzig aufeinanderfolgenden Jahren haben wir kaum Augenblicke der Ruhe gefunden."

          Und das nicht nur wegen der harten Arbeit sämtlicher Beiträger und Redakteure eines Werks, das schließlich 17 Text- und 11 Bildbände mit insgesamt 72 998 Artikeln umfassen sollte. Hinzu kam, sagt Diderot, die ständige "Ungewissheit, ob wir nicht dem Geschrei der Verleumdung weichen und uns von unseren Mitbürgern losreißen müßten, um unter fremdem Himmel die Ruhe zu finden, deren wir bedurften, und den Schutz, den man uns dort bot". Das ist, bei allem Pathos, nicht zu hoch gegriffen. Die Publikation der Encyclopédie wurde immer wieder verboten, das Werk und seine Urheber wurden öffentlich massiv angegriffen, und Diderot musste sogar erleben, dass sich am Ende sein von all dem zermürbter Verleger hinter dem Rücken des Herausgebers als Zensor betätigte und unliebsame Artikel entschärfte.

          Warum diese Erregung bei einem Werk, das angetreten war, das Wissen seiner Zeit zu ordnen und bereitzustellen? Weil eben in diesem Ordnen ein Sprengsatz verborgen lag, wie sich schon im ersten, 1751 erschienenen Band der Encyclopédie zeigte. Diderot und seine Mitstreiter knüpften natürlich an vorhandene enzyklopädische Werke an, wie es sie schon seit der Antike gab, nur dass sie dabei säuberlich zwischen "Wörterbuch" und "Enzyklopädie" unterschieden: Jenes bestehe aus einer Aufzählung und Erläuterung einzelner Begriffe, diese gewinne ihren Wert gerade in der Verknüpfung der einzelnen Bereiche, die auseinander hervorgehen. Ein Unterschied wie zwischen Landkarte und Stammbaum, und exakt dieses Bild bemüht Diderot in der Folge, wenn er von seinem Vorhaben spricht.

          In seinem "figürlich dargestellten System der Kenntnisse des Menschen", das dem ersten Band der Encyclopédie beigegeben ist, bildet denn auch der Verstand die Wurzel, aus der alles hervorgeht, und die Philosophie den Stamm in der Mitte der Abbildung, von dem aus sich die beiden Zweige "Wissenschaft von der Natur" und "Wissenschaft vom Menschen" sowie, erheblich schmaler und randständig, die "Wissenschaft von Gott" ausbreiten. Letztere teilt sich dann in die optisch gleichberechtigten Zweiglein "Offenbarungstheologie" (mit der Untergruppe: "Aberglaube") und "Wissenschaft der Engel und Dämonen" - auch dies eine Provokation und ein deutlicher Kommentar der Encyclopédisten, welche Rolle die Theologie ihrer Ansicht nach neben den übrigen Disziplinen im Terrain der Wissenschaft zu spielen hatte.

          Aus der Entscheidung, die Kenntnisse des Menschen als organisch strukturiert zu betrachten, folgt allerdings eine weitere in Bezug auf die Auswahl der zu behandelnden Gegenstände. Diderot thematisiert sie, als er in seiner Vorrede zur Encyclopédie von der zweibändigen, 1728 in London erschienenen "Cyclopaedia" von Ephraim Chambers spricht, die ursprünglich als Übersetzungsvorlage für Diderots eigenes Vorhaben dienen sollte: "Chambers hat Bücher gelesen, aber wohl kaum Handwerker besucht; doch viele Dinge erfährt man nur in den Werkstätten selbst. Zudem geht es hier mit den Auslassungen nicht wie in einem anderen Werk. Eine Enzyklopädie duldet - strenggenommen - überhaupt keine Auslassung. Wird in einem gewöhnlichen Wörterbuch ein Artikel weggelassen, so wird es dadurch nur unvollkommen. In einer Enzyklopädie zerreißt dies den Zusammenhang und schadet der Form und dem Inhalt, und es bedurfte der ganzen Kunst von Ephraim Chambers, diesen Mangel zu vertuschen."

          Eine wahrhaft inklusionistische Argumentation: Wenn alles mit allem zusammenhängt, ist noch der überschaubarste Gegenstand fürs große Ganze wichtig. Allerdings hielt sich Diderot in der Darbietung der einzelnen Artikel keineswegs an die zuvor beschworene organische Ordnung. Denn die Lemmata folgen in alphabetischer Reihenfolge, also zufällig, aufeinander. Genau dies wurde von späteren Lexikographen auch als störende Inkonsequenz erkannt.

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