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Kussforschung : Drum küsse, wer sich ewig bindet

  • -Aktualisiert am

Etwa neunzig Prozent aller Menschen weltweit küssen, aus verschiedenen Gründen: Romantik? Verführung? Mordlust? Virenschutz? Was alles dahinterstecken kann, wenn zwei ihre Lippen aufeinanderpressen, wissen am besten die Philematologen.

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          Die Sache ist gar nicht schwer: Jochbeinmuskel und Oberlippenheber aktivieren, zugleich Unterlippensenker und Mundwinkelsenker nach unten ziehen und dann den kontrahierten Musculus orbicularis oris auf die ähnlich dargebotenen Lippen des Gegenübers pressen - fertig. Dass auch Kate und William die Sache beherrschen, zeigen bislang nur Paparazzifotos. Für den großen öffentlichen Hochzeitskuss auf dem Balkon des Buckingham Palace am kommenden Freitag um fünf vor halb zwei Ortszeit muss das Paar allerdings noch eine ausgeklügelte Choreographie einstudieren. Schließlich, berichtet US Weekly, muss die Sichtachse für Volk und Kamera stimmen.

          Wie groß da noch das Endorphin- und Hormonfeuerwerk sein kann, lässt sich schwer abschätzen. Klar ist immerhin, dass bei diesem Kuss mindestens 146 Muskeln verschiedener Schichten aktiv sein werden. Ferner sind beteiligt: 0,7 g Fett, 9 mg Wasser, 0,45 mg Salz, Hunderte Bakterien und Millionen Viren. Verbrannt werden je nach Intensität des Kusses zwischen zwei und sieben Kalorien pro Minute. Und sollte die Braut den Gatten mittels des Gebrauchs von Lippenstift zum ersten Kuss verführt haben, ist die Ehe problemlos annullierbar - vorausgesetzt, das entsprechende Gesetz, 1770 vom englischen Parlament verabschiedet, ist noch in Kraft.

          Erotisch oder doch gefährlich?

          All dies sind Forschungsergebnisse der Philematologie. Das Spektrum der Wissenschaft vom Küssen ist ungewöhnlich breit: Sie betrachtet das Führen eines Lippenpaares zu einem anderen (oder zu einer Hand oder einem Fuß) mal als archaischen, mal als erotischen Akt, mal als soziale oder politische Handlung. Andere Küsse sind wiederum zeremoniell oder religiös zu deuten. Und wer will, kann sie unter medizinischen, auch reproduktionsrelevanten Aspekten untersuchen. Oder im Hinblick auf ihre Gefährlichkeit.

          Provokant: Britney Spears und Madonna bei den MTV Video Music Awards 2003
          Provokant: Britney Spears und Madonna bei den MTV Video Music Awards 2003 : Bild: AP

          Zwar hat sich die verbreitete Sensationsgeschichte vom tödlichen Erdnusskuss nicht bewahrheitet; die Obduktion einer Ende 2005 scheinbar infolge eines anaphylaktischen Schocks verstorbenen kanadischen Schülerin mit Erdnussallergie ergab vielmehr, dass ihr Tod einem akuten Asthmaanfall geschuldet war und nicht dem Allergenaustausch mit ihrem Freund. Der hatte neun Stunden zuvor ein Peanutbuttersandwich gegessen. In der Nachfolge des Dramas ergab aber eine Studie von Jennifer Maloney an der Mount Sinai Medical Scool, New York, dass direkt nach dem Verzehr von Erdnussbutter für Allergiker durchaus problematische Konzentrationen vorhanden sein können. Besser noch mehrere Stunden mit dem Knutschen zu warten, erwies sich als sicherer, als sofortiges Zähneputzen und Losküssen, fanden die Forscher heraus. Bei hochgradig sensibilisierten Personen reichen demnach schon per Kuss übertragene Kleinstmengen des unverträglichen Stoffes, um Nesselsucht oder Schwellungen, schlimmstenfalls tatsächlich lebensbedrohliche Schockzustände auszulösen, berichtet auch die Allergologin Marina Atanaskovic-Markovic von der Universitätsklinik Belgrad.

          Begrüßender Friedenskuss

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