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Kussforschung : Drum küsse, wer sich ewig bindet

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Bekanntlich geizen Männer beim Kuss nicht gerade mit Speichel. Auch da gibt es Theorien: Wollen sie die potentielle Partnerin mit Testosteron überschwemmen, um deren Lust anzukurbeln? Oder stecken hehre Ziele wie der Schutz der gemeinsamen Nachkommen dahinter? Forscher der University of Leeds vermuten, Küssen sei eine evolutionäre Anpassung, um Ungeborene vor schweren Schädigungen durch eine Erstinfektion der Mutter mit dem Zytomegalievirus zu schützen. Der Kuss mit reichlich Speichelfluss vom Mann zur Frau ließe sich so als Impfung mit dem spezifischen Virus des künftigen Vaters verstehen. Begonnen wird damit am besten mindestens sechs Monate vor der Empfängnis. Schutz besteht dann allerdings nur vor genau diesem einen Virusstamm. Küsst die Frau kurz vor der Schwangerschaft oder später als werdende Mutter fremd, riskiert sie eine für sich selbst recht harmlose, für ihr Kind möglicherweise aber gravierende Infektion.

Sozialisation des Kusses

Wie nass oder keusch nun der königliche Kuss des Jahrhunderts ausfallen wird, ob man also zu den erwähnten Gesichtsmuskeln auch noch die Zungenmuskulatur hinzurechnen muss, bleibt bis Freitag abzuwarten. Es hängt auch vom Geschichtsbild des Paares ab. "French Kissing", wie man wildes Gezüngel in England seit Mitte des 18. Jahrhunderts mit heimlichem Schauder nannte, war bekanntlich Sache des durch und durch sexualisierten französischen Feindes. Dabei werden die Franzosen möglicherweise ganz zu Unrecht als größte europäische Küsser hingestellt. So notierte der frühe Kussforscher Christopher Nyrop schon 1901 in "Der Kuss und seine Geschichte", dass die Deutschen über dreißig verschiedene Kussarten kennen, die Franzosen hingegen lediglich zwanzig. Das mit 1600 Seiten umfassendste Buch über das Küssen stammt übrigens auch aus Deutschland, es erschien unter dem Titel "Opus polyhistoricum de osculis" 1680 in Frankfurt.

Ob wir nun die Balkonszene vor dem Buckingham Palacae elektrisierend finden werden, langweilig oder gar ekelhaft, hängt ganz von unserer Sozialisation ab. Zwar haben die ubiquitären Filmküsse die Menschheit abgehärtet, aber noch in den Frühzeiten des Kinos fragten sich die Einwohner Conakrys in Guinea angesichts einer hochromantischen Leinwandknutscherei, warum das Paar denn nicht lieber den Geschlechtsakt vollziehe. Lippen waren bei ihnen nicht erotisch besetzt. Manchmal stehen auch Schönheitsideale einer ausgeprägten Kusskultur im Weg: Tellerlippen beispielsweise sind hinderlich. Und wer mit seiner Zunge Schwerstarbeit leistete, wie früher die Inuitfrauen, die damit Leder weichkauten oder Kinder säuberten, findet Zungenküsse vielleicht auch nicht erotisch.

So genau wissen das auch die Ethnologen nicht. Denn in vielen Gesellschaften wurde Küssen als derart intim bis obszön empfunden, dass man mit Außenstehenden niemals darüber gesprochen, geschweige denn es öffentlich vorgeführt hätte. Trotzdem küssen nach groben Schätzungen etwa neunzig Prozent aller Menschen. Und das ist doch sehr erfreulich.

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