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Kussforschung : Drum küsse, wer sich ewig bindet

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Doch solche Fälle sind zum Glück selten. Küsse mit Todesfolge muss ansonsten nur befürchten, wer einen Mafiaboss verärgert und daraufhin von diesem geküsst wird. Oder wer Opfer eines Vampirbisses wird und damit das Gegenteil eines lebensrettenden Dornröschenkusses erlebt. Oder wer Jesus heißt und einen Judaskuss empfängt.

Dennoch ist das Küssen in der christlichen Kirche nicht durchweg verfemt. Vom Osterküssen (mit geschlossenen Lippen) sagte der Jerusalemer Bischof Cyrill im vierten Jahrhundert, es verbinde die Seelen miteinander und stelle sicher, dass nichts mehr nachgetragen wird. Neben dem österlichen kannte die frühe Kirche auch den begrüßenden Friedenskuss Osculum pacis. Doch der war nicht allen frühen Kirchenvätern geheuer, und so mutmaßte schon um 175 n. Chr. Athenagoras von Athen, wenn jemand zweimal küsse, habe es ihm offenbar Spaß gemacht.

Geschlechtertrennung beim Friedensküssen predigte Anfang des 3. Jahrhunderts Hippolyt von Rom, beim Osterkuss ließ sich das allerdings nicht konsequent durchsetzen. Im Katholizismus wurde er 1512 abgeschafft, man fand ihn im Gedenken an die Passion Christi doch reichlich unpassend, und die Reformation machte mit weiteren Spielarten zeremoniellen kirchlichen Küssens Schluss. In der orthodoxen Kirche konnte sich das Osterküssen dagegen halten und wurde unabhängig von Geschlecht und sozialem Stand gepflegt.

„Den Gegner mit dem Kuss ersticken“

Vielleicht liegt hier der Ursprung der sozialistischen Bruderküsse. Doch wenn man daran denkt, wie innig der sowjetische Ministerpräsident Kossygin 1968 den tschechischen Reformer Dubcek küsste, dem er dann Tage später Panzer nach Prag schickte, so war die Motivlage wohl eine andere, vermutet der Kulturwissenschaftler Alain Montandon von der Universität Blaise Pascal in Clermont-Ferrand. Ihn erinnert dieser Würgekuss an Racine, der 1669 in seinem Schauspiel "Britannicus" Kaiser Nero die Worte in den Mund legt: "Ich küsse meinen Gegner, um ihn zu ersticken."

Zum Glück sind die Motive, jemanden innig zu küssen, meist erfreulicherer Natur. Küssende verfolgen meist eindeutige Ziele, überprüfen aber nebenbei, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt. Der Psychologe Gordon Gallup fand 2007 heraus, dass zwei Drittel der von ihm befragten Frauen schon einmal die Erfahrung gemacht hatten, dass nach dem ersten Kuss der eben noch für attraktiv befundene Beau total uninteressant wurde. Nur die Hälfte der Männer berichtete Ähnliches. Beide Geschlechter überprüfen dabei vermutlich ihre Kompatibilität - Frauen wegen des größeren Aufwands, den eine potentielle Schwangerschaft bedeutet, wohl etwas sorgfältiger.

Zum Schutz kein Geiz

Das Beschnüffeln im Rahmen eines Nasenkusses, den viele Völker kennen, reicht da nicht aus. Die Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University in New Jersey nimmt an, dass neben olfaktorischen Botschaften auch die hormonelle Zusammensetzung des männlichen Speichels den Frauen Hinweise gibt, ob sie es mit einem guten Versorger oder einem Casanova zu tun haben. Männer hingegen informieren sich per Speichelaustausch möglicherweise über die Zyklusphase der Partnerin.

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