https://www.faz.net/sonntagszeitung/wissenschaft/das-internet-protokoll-tcp-ip-lieber-ein-gefaehrliches-leben-in-freiheit-1955683.html

Das Internet-Protokoll TCP/IP : Lieber ein gefährliches Leben in Freiheit

  • -Aktualisiert am
          7 Min.

          Geschichte ist weder Zufall noch Notwendigkeit. Das gilt auch für die Bildung sozialer Institutionen. Natürlich wirken daran Faktoren mit, die sich planendem Handeln entziehen. Trotzdem erheben zumindest demokratisch verfasste Gesellschaften den Anspruch, die Ausgestaltung ihrer Institutionen zum Gegenstand kollektiver Entscheidungen zu machen. Dabei wäre es unklug, sich über Strukturen hinwegzusetzen, die sich in der Vergangenheit als vorteilhaft erwiesen haben. Was aber, wenn ganz neue Formen des Sozialen entstehen? Die Möglichkeiten, dabei einzugreifen, sind dann ungleich größer und die Begehrlichkeiten gezielter zu lenken.

          Sofort denkt man ans Internet. Amerikaner erinnern sich zusätzlich an die Bildung neuer Staatlichkeit nach der Unabhängigkeitserklärung von 1776 und ihre Erweiterung in den Westen des Kontinents. David Post, Rechtsprofessor an der Temple University in Philadelphia, denkt an beides und führt in seinem kürzlich erschienenen Buch "In Search Of Jefferson's Moose" vor, dass Institutionenbildung auch noch mehr als zweihundert Jahre später von einem ganz ähnlichen Spannungsverhältnis geprägt ist wie damals.

          Jeffersons Prinzipien

          Seinerzeit stellte sich angesichts des riesigen Territoriums mit einer wachsenden Zahl von Einwohnern die Frage, ob es überhaupt möglich sei, eine Regierung nach republikanischem Prinzip auf diesen Maßstab auszudehnen. Der französische Staatstheoretiker Montesquieu war der Meinung gewesen, dass nur kleinere Gemeinschaften langfristig demokratisch verfasst werden könnten. Bedurfte es also nicht der Autorität eines starken Staates und der Zentralisierung von Macht auf nationaler Ebene, wie Alexander Hamilton propagierte? Oder muss jegliche staatliche Macht nicht gerade auf verschiedene Ebenen verteilt und dezentral ausgeübt werden, wie Thomas Jefferson dagegenhielt?

          Für Jefferson hatte die Absicherung der Freiheit des Einzelnen und seines Rechts zur Selbstbestimmung oberste Priorität. Scharf hatte er deswegen das anfängliche Fehlen eines Katalogs von Grundrechten in der amerikanischen Verfassung von 1787 kritisiert; entsprechend freudig begrüßte er wenige Jahre später den Beschluss der Bill of Rights. Jeffersons Vertrauen auf die Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstorganisation zeigte sich aber auch in seinen Vorschlägen zur staatlichen Verfassung des westlichen Grenzlandes, das dem jungen Staatenbund nach dem Sieg über die Briten zugefallen war.

          Bottom up

          Während der Wilde Westen für die Verfechter einer starken Staatlichkeit einen Hort der Anarchie darstellte, den man entweder zu meiden oder zu unterwerfen hatte, billigte Jefferson den Siedlern das Recht der Selbstregierung zu. In den neuen Gebieten sollte sich Staatlichkeit "bottom up" entwickeln, ausgehend von Parzellen und Gemeinden über Distrikte und Kreise bis hin zu Teilstaaten. Nach seiner Vision sollten bezirksähnliche "wards" die Keimzellen der politischen Willensbildung sein, in denen die Bürger unmittelbar entscheidungsbefugt wären.

          Diese lose gekoppelten "ward republics" hätten als Basis für republikanische Strukturen auf einzelstaatlicher und nationaler Ebene gedient. Die neuen, selbstverwalteten Einheiten sollten sich freiwillig dem bestehenden Staatenbund als gleichwertige Glieder anschließen können, um ein Imperium ohne Zentrum, ein Netzwerk von Gleichen zu bilden. Durch die Kombination von dezentraler Selbstregierung und Gleichheit beim Zugang zum Staatennetzwerk fand Jefferson für die Verwirklichung des republikanischen Prinzips in einer neuen Dimension auch eine neue Form staatlicher Herrschaft.

          Jefferson erweist sich hier als Vordenker der netzwerkförmigen Kooperation von autonomen Staaten, wie sie heute angesichts der Globalisierung des Politischen diskutiert wird. Doch auch als passionierter Naturforscher stieß der Staatsmann auf Netzwerke. Den Anlass, die soziale Vermessung der Neuen Welt um eine physische zu ergänzen, gab ihm eine Anfrage aus der Alten Welt. Die französische Regierung suchte im Zuge der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen ihr Wissen über die einzelnen Bundesstaaten zu erweitern und schickte deshalb allen Gouverneuren einen Katalog mit Fragen zu Geschichte, Verfassung, Landschaft, Vegetation, Klima.

          Topmeldungen

          Die Zeiten haben sich geändert: Anti-Atom-Dorf im Jahr 1980 in der Nähe von Gorleben im Wendland

          Fracking und Atomkraft : Das Gorlebener Lagerfeuer wärmt nicht mehr

          Ideologie kann keine Energiepolitik ersetzen. Die Regierung muss konsequenter handeln – und sich Optionen offen halten. Das gilt auch für Atomkraft und eine heimische Gasförderung.
          Tote Fische, Muscheln und Schnecken haben sich an einer von der Feuerwehr verlegter Sperre in der Westoder, auf der Wasseroberfläche gesammelt.

          Fischsterben an der Oder : Algenblüte oder Zementverklappung?

          Noch immer ist nicht geklärt, wie es zu dem Fischsterben in der Oder kommen konnte. Es mehren sich aber die Hinweise, dass eine Alge die Ursache sein könnte – gepaart mit menschlichem Zutun.

          Wahlkampf in Brasilien : Bolsonaro zielt gegen das Establishment

          Während einer Veranstaltung am Obersten Wahlgericht kommen sich Jair Bolsonaro und sein Kontrahent Lula da Silva so nah wie nie. Dabei entsteht ein Bild, das dem brasilianischen Präsidenten wohl nur recht ist.