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Blutverdünner : Endlich mal kein Rattengift

  • -Aktualisiert am
Werden bei Gerinnung von Fibrinfäden umschlossen, was bei Verletzungen lebenswichtig ist, bei Thrombosen aber gefährlich: rote Blutkörperchen unterm Mikroskop
          8 Min.

          Schon in aller Herrgottsfrüh sitzt Ed Carlson an einem Samstagmorgen im Februar 1933 hinter dem Steuer seines Trucks. Im Schneesturm fährt er frierend in die dreihundert Kilometer entfernte Hauptstadt Madison. Von den Gelehrten der dortigen University of Wisconsin erhofft sich der Farmer einen Ratschlag, wie er seine verblutenden Kühe retten kann.

          Unsicher klopft Carlson an die Tür des Instituts für Biochemie. Seine drei Beweismittel sind ein verendetes Kalb, eine Milchkanne voller Blut und jede Menge Klee. Die schleppt er - zum Glück für die medizinische Forschung, wie sich zeigen sollte - nicht in die renommierte landwirtschaftliche Abteilung, die am Wochenende verwaist ist, sondern in das Labor nebenan, in dem der Biochemiker Karl Paul Link auch am Samstag forscht.

          Was es mit dieser verfluchten "Süßklee-Krankheit" auf sich habe, will der Farmer wissen. Zufällig hat Link kurz zuvor an einem einschlägigen Seminar teilgenommen. So weiß er immerhin, dass in zu feuchtem Heu ein süßlich riechender, bitter schmeckender Stoff entsteht, der das Blut verdünnt. Carlson kann das bestätigen, sogar seinem Zuchtbullen tropft inzwischen Blut aus der Nase. Link rät dem Mann, künftig nur noch trockenes Heu zu verfüttern. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen, in diesem kalten Winter der großen wirtschaftlichen Depression? Enttäuscht fährt Farmer Carlson zu seinen sterbenden Rindern zurück.

          Synthetische Wirkstoffe

          Im Labor aber ist der Ehrgeiz der Forscher geweckt. Ein schwäbelnder Mitarbeiter taucht seine Hände in die Milchkanne, in der das Blut keine Anzeichen von Verklumpung zeigt: "Der's no clot in dat blood. Verfluchtes Blut". Das vollständige Fehlen einer Gerinnungsreaktion ist der Schlüsselbefund, der den Wissenschaftlern den Weg weist. Sechs Jahre verbringt Link damit, die rätselhafte Substanz zu isolieren, die dafür verantwortlich ist. Als er sie endlich in den Händen hält, tauft er sie "Dicumarol". Das Blut von Kaninchen zum Beispiel lässt sich damit nach Belieben verdünnen.

          Noch besser klappt die Gerinnungshemmung, als es gelingt, verwandte Wirkstoffe auf synthetischem Wege herzustellen. Ein patentierter Stoff mit der Nummer 42 wird schon bald unter dem Handelsnamen "Warfarin" als Rattengift auf den Markt gebracht. Aufgrund seiner verzögerten Wirkung verbluten die lästigen Nager erst, wenn sie den Köder bereits gefressen haben und in ihre Rattenlöcher zurückgekehrt sind. Dann entdeckt man, dass Vitamin K einer zu starken Gerinnungshemmung entgegenwirkt. Man kann die beiden Effekte also gegeneinander ausbalancieren. Warfarin kann nun auch an menschlichen Patienten erprobt werden. Mit erstaunlichen Ergebnissen: 1955 erhält sogar der damalige amerikanische Präsident Dwight Eisenhower nach einem schweren Herzinfarkt das neue Medikament als Blutverdünner verabreicht.

          In Europa setzt sich zum ausgesprochenen Ärger von Karl Paul Link das verwandte "Marcumar" als Mittel der Wahl durch. Sowohl Warfarin wie Marcumar senken seither das Risiko für schwere Hirninfarkte und Embolien bei Risikopatienten. Außerdem wird in solchen Fällen noch der Klassiker Aspirin verschrieben, der allerdings weit weniger wirksam ist, weil er nicht direkt in die biochemische Kaskade der Blutgerinnung eingreift, sondern auf andere Weise die Blutplättchen deaktiviert.

          Selektionsdruck Richtung Blutgerinnung

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